Haftprüfung für Gladbeck-Täter "Die Prognose ist in seinem Fall zweitrangig"

Der Gladbecker Geiselgangster Dieter Degowski hat seine Mindesthaftzeit verbüßt, ein Gericht entscheidet nun über seine Entlassung. Im Interview wirft seine Anwältin Lisa Grüter der Justiz vor, die Resozialisierung ihres Mandanten zu blockieren.

Geiselnehmer Degowski (1988 mit Geisel Silke Bischoff):  Haftprüfung am Mittwoch
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Geiselnehmer Degowski (1988 mit Geisel Silke Bischoff): Haftprüfung am Mittwoch


In dieser Woche jährt sich die Geiselnahme von Gladbeck zum 25. Mal. Das ist aber nicht der einzige Grund, weshalb all die verstörenden Bilder derzeit wieder hochkommen: Am Mittwoch ist vom Landgericht Arnsberg ein Haftprüfungstermin für Dieter Degowski angesetzt. Degowski, der im August 1988 gemeinsam mit Hans-Jürgen Rösner Geiseln genommen hatte und zwei Tage lang durch mehrere Bundesländer und die Niederlande gefahren war, hat seine Mindesthaftzeit inzwischen verbüßt.

Degowski sitzt im Gefängnis in Werl ein. Der psychiatrische Gutachter Norbert Leygraf hat sich gegen eine vorzeitige Haftentlassung ausgesprochen. Es soll nun darum gehen, Degowski in einer mehrjährigen Prozedur auf seine Entlassung vorzubereiten.

Rösner befindet sich in Aachen in Haft. In seinem Fall wird eine Entlassung frühestens 2016 geprüft. Bei der Geiselnahme waren zwei Geiseln und ein Polizist gestorben, mehrere Menschen wurden verletzt.

Vor der Haftprüfung für Degowski sprach SPIEGEL ONLINE mit dessen Anwältin Lisa Grüter.

SPIEGEL ONLINE: Frau Grüter, Ihr Mandant Dieter Degowski steht in dieser Woche wieder in der Öffentlichkeit. Hatten Sie damit gerechnet, dass der Fall noch so viel Aufmerksamkeit auf sich zieht?

Grüter: Nein, überhaupt nicht. Als ich den Fall vor zwei Jahren übernahm, hatte ich gedacht, dass die Welt jetzt andere Sorgen hat und es ein ganz normales Mandat wird. Eines, bei dem es einfach nur darum geht, einen Mandanten aus der Haft zu bekommen, weil auch Herr Degowski nach so langer Zeit im Justizvollzug ein Recht auf ein bisschen Privatsphäre, einen Lebensabend in Freiheit hat. Aber das war wohl naiv.

SPIEGEL ONLINE: Schon vor fünf Jahren empfahl ein Psychologe, der Degowski im Gefängnis therapiert hatte, ihn durch Haftlockerungen auf die Entlassung vorzubereiten. Tatsächlich kam es aber nur zu einer begleiteten Ausführung 2012, weitere Lockerungen blieben danach aus. Warum?

Grüter: Fragen Sie das Justizministerium in Düsseldorf und die Anstaltsleitung in Werl. An Herrn Degowski hat es jedenfalls nicht gelegen. Er ist von Therapeuten und Gutachtern nun schon mehrfach für ungefährlich erklärt worden. Sie sagen übereinstimmend, dass von ihm keine Gefahr ausgeht, auch nicht, wenn er Lockerungen erhält wie zum Beispiel Ausführungen. Trotzdem durfte er in den vergangenen Jahren nur das eine Mal die Anstalt verlassen, gefesselt und bewacht, um einen früheren Anstaltspfarrer zu besuchen. Und auch das nur, nachdem meine Kanzlei 2011 eine Untätigkeitsklage eingereicht hatte, weil die JVA keine Anstalten machte, Herrn Degowski Haftlockerungen zu gestatten. Seit diesem Ausgang ist nun schon wieder ein Jahr lang nichts passiert, obwohl wir ständig Anträge stellen.

SPIEGEL ONLINE: Vermuten Sie Schikane?

Grüter: Ich habe den Eindruck, dafür gibt es ausschließlich politische Gründe. Schon 2007 hatte das Justizministerium eine geplante Ausführung kurzfristig gestoppt, mit der lapidaren Begründung, dass dies nicht erforderlich sei. Dabei hatten alle Behandler, auch der Psychologische Dienst der Anstalt, vorher erklärt, dass solche Lockerungen nun dringend geboten seien. In einem Bericht des Psychologischen Dienstes heißt es 2008 sogar ausdrücklich, Degowski habe "inzwischen ansatzweise realisiert, dass seine vollzugliche Gestaltung in hohem Maße durch politische Überlegungen getragen werden". Anders gesagt: Die Prognose, ob er nach einer Entlassung ein straffreies Leben führen würde, ist in seinem Fall zweitrangig.

SPIEGEL ONLINE: Ist das aus ihrer Sicht die späte Rache der Justiz, weil Degowski und sein Komplize Hans-Jürgen Rösner 1988 bei ihrer Flucht durch die Republik die Staatsmacht vorgeführt haben?

Grüter: So weit würde ich gar nicht denken. Es geht einfach nur darum, dass keiner die Verantwortung für die Entlassung übernehmen will, aus Angst vor der Diskussion, die dann natürlich wieder einsetzt. Die Öffentlichkeit hat offenbar kein Verständnis dafür, dass auch Herr Degowski einen Anspruch hat, eines Tages entlassen zu werden. Und es gibt die Angehörigen, die auch jetzt wieder erklärt haben, dass sie für eine Entlassung kein Verständnis hätten. Da heißt es: Der Täter ist frei, und wer interessiert sich noch für die Opfer? Also unternehmen die Anstaltsleitung und das Justizministerium nichts, was meinen Mandanten der Freiheit auch nur einen Schritt näher bringen würde. Den Ärger erspart man sich lieber, das scheint Herr Degowski und sein Grundrecht auf Freiheit der Politik nicht wert zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Wohin könnte Herr Degowski denn gehen, sollte er tatsächlich freikommen? Er hat ja niemanden mehr, der ihn aufnehmen würde.

Grüter: Er bräuchte natürlich ein eng strukturiertes Umfeld, um sich nach 25 Jahren im Gefängnis draußen zurechtzufinden. Eine Wohngruppe mit Betreuern, die ihm helfen, wäre sicher das Beste. Aber da ist er kein Sonderfall, das gilt im Grunde für alle, die nach so langer Zeit ihr soziales Umfeld verloren haben.

SPIEGEL ONLINE: Der Essener Gutachter Norbert Leygraf befürchtet, dass Herr Degowski wieder dem Alkohol verfallen könnte, wie vor der Tat.

Grüter: Auch im Gefängnis kann man an Alkohol und Drogen herankommen, das passiert häufiger, als man denkt. Trotzdem ist Herr Degowski in den 25 Jahren nie auffällig geworden. Ich sehe deshalb keinen Grund, warum er in einem betreuten Umfeld wieder rückfällig werden sollte.

SPIEGEL ONLINE: Leygraf empfiehlt, dass ihr Mandant noch weitere drei Jahre im Gefängnis bleiben, aber in dieser Zeit auf die Entlassung vorbereitet werden soll. Wäre das auch aus Ihrer Sicht ein guter Weg, oder fordern Sie eine schnellere Entlassung?

Grüter: Wenn uns jemand konkret zusagen würde, dass jetzt der Vorbereitungsprozess beginnt und in drei Jahren mit der Entlassung abgeschlossen wird, könnten wir damit bestimmt leben. Es ist klar, dass so etwas seine Zeit braucht. Bis dahin kann und muss Herr Degowski durch sein Verhalten auch weiter beweisen, dass die Lockerungen und schließlich die Entlassung gerechtfertigt wären. Das Problem ist nur: Wir glauben einfach nicht daran, dass diese Übergangsphase beginnt. Dass die Anstalt ihn überhaupt auf eine Entlassung vorbereiten will. Dafür gibt es überhaupt keinen Anhaltspunkt, wie man schon daran erkennt, dass es nach der Ausführung 2012 keine weiteren Schritte mehr gegeben hat. Wenn es in diesem Tempo weitergeht, kommt man mit drei Jahren mit Sicherheit nicht aus.

SPIEGEL ONLINE: Das Gericht kann aber solche Lockerungsschritte nicht direkt vorschreiben. Es kann jetzt nur entscheiden, ob Degowski freigelassen wird oder nicht. Und da kann die Antwort eigentlich nur "Nein" lauten.

Grüter: Es ist richtig, dass das Gericht der Anstalt keine Vorgaben machen kann, wie es meinen Mandanten auf eine Entlassung vorzubereiten hat. Ich hoffe aber, dass die Strafvollstreckungskammer ein deutliches Zeichen setzt. Das könnte so aussehen, dass sie einen Termin für die Entlassung festlegt, etwa in drei Jahren. Das würde die Anstalt unter Druck setzen. Dann müsste sie sich überlegen, wie sie meinen Mandanten auf diesen Tag x vorbereitet, statt Lockerungen zu verschleppen. Wenn sie trotzdem so weitermacht wie bisher, könnte das Gericht nämlich zu dem Schluss kommen, dass Lockerungen rechtswidrig verweigert wurden und Herr Degowski trotzdem - dann ohne Vorbereitung - zu entlassen wäre.

Das Interview führte Jürgen Dahlkamp



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