Prozess gegen Messerstecher "Ich kann die Zeit leider nicht zurückdrehen"

Wochenlang hat Ahmad A. vor Gericht geschwiegen, nun zeigt sich der Messerstecher von Hamburg-Barmbek geläutert: Niemand dürfe töten - "ganz egal, wie die Umstände sind". Ob das die Richter milde stimmt, ist unklar.

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Der lange Bart ist ab. Den hatte Ahmad A. während des fünf Wochen dauernden Prozesses in Saal 237 des Hamburger Strafjustizgebäudes stets getragen, pausenlos strich er mit den Fingern durch das dunkle Barthaar. Jetzt, zu den Plädoyers, sitzt er erstmals mit glattrasiertem Gesicht auf der Anklagebank.

Sollen diese äußeren Veränderungen einen inneren Wandel demonstrieren? Dazu passen die Worte des 27-Jährigen an diesem Verhandlungstag, es ist sein erster persönlich vorgetragener Beitrag in diesem Verfahren: eine Entschuldigung bei Opfern und Angehörigen.

"Ich kann die Zeit leider nicht zurückdrehen", so übersetzt die Dolmetscherin das Statement, das der Palästinenser von einem kleinen Zettel abliest: "Alles, was ich tun kann, ist, Sie um Entschuldigung zu bitten und zu hoffen, dass Sie mir verzeihen." Er habe in jüngster Zeit eines gelernt, beteuert A.: "dass der Mensch nicht das Recht hat, ein Leben zu beenden, ganz egal, wie die Umstände sind".

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Messerattacke in Hamburg: Der Prozess gegen Ahmad A.

Ahmad A. hatte am 28. Juli vergangenen Jahres in einem Supermarkt im Hamburger Stadtteil Barmbek ein Messer mit 20-Zentimeter-Klinge aus der Verpackung gezogen und war anschließend auf ein halbes Dutzend Menschen losgegangen. Einen Mann erstach er, sechs weitere Zufallsopfer verletzte er teilweise schwer.

An all dem gibt es keine Zweifel, der 27-Jährige hatte die Tat in einer von seinem Anwalt verlesenen Erklärung schon zu Prozessbeginn gestanden. Seitdem ging es vor dem 3. Strafsenat weniger um den genauen Tatablauf, als um eine übergeordnete Frage: Warum wurde der bisweilen gesellige und angepasste A. zum Messerstecher?

Laut dem psychiatrischen Gutachter Norbert Leygraf ist A. psychisch gesund und schuldfähig - aber zugleich unreif und labil. Daraus und aus seiner verworrenen Lebensgeschichte lassen sich durchaus Argumente für mildernde Umstände ableiten: Jahrelang irrte der junge Mann durch Europa, stellte Asylanträge in vier Ländern, wollte schließlich nur noch zurück in seine Heimat Gaza - und schaffte dies wegen bürokratischer Hürden zunächst nicht.

SPIEGEL TV: Messerattentäter Ahmad A. im Interview

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Sein Verteidiger Christoph Burchard regte nun vor Gericht an, all diese Umstände zu berücksichtigen - hielt sich angesichts der brutalen Tat und der erdrückenden Beweislast aber mit allzu präzisen Forderungen zurück: Ein konkretes Strafmaß nannte er in seinem Plädoyer nicht.

Burchard zeigte sich überzeugt, dass sein Mandant nie in diesem Maße straffällig geworden wäre, wenn er ein vorübergehendes Bleiberecht in Deutschland bekommen hätte, eine Ausbildung hätte machen können oder schneller hätte ausreisen können. "Herr A. ist heute ein anderer Mensch, er sieht die Dinge heute anders", sagt Burchard. Er stellte vor allem infrage, ob wirklich die besondere Schwere der Schuld festgestellt werden müsse.

Das hatte zuvor die Vertreterin der Bundesanwaltschaft gefordert. A. sei wegen Mordes sowie versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu verurteilen, sagte Yasemin Tüz. Wegen der islamistisch motivierten Taten solle zudem die besondere Schwere der Schuld festgestellt werden - dieser Forderung schlossen sich auch die Anwälte der Nebenkläger an. In diesem Fall wäre es äußerst unwahrscheinlich, dass A. nach 15 Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen würde.

"Es konnte jeden treffen"

Tüz thematisierte auch den Werdegang des Angeklagten, der 2008 nach Europa gekommen war. "Er erhoffte sich ein besseres Leben", sagte die Bundesanwältin. "Er war von der westlichen Lebensart fasziniert." Nachdem keiner seiner Asylanträge erfolgreich gewesen sei, habe sich A. verändert: "Erst in Deutschland nahm sein Glaube radikalere Züge an."

Die Messerangriffe waren demnach eine direkte Folge dieser Radikalisierung. "Es konnte jeden treffen, der zur falschen Zeit am falschen Ort war", sagte der zweite Vertreter der Bundesanwaltschaft, Ulrich Kleuser. A. habe "so viele junge Christen mit heller Hautfarbe wie möglich töten" wollen. "Er gab Gott ein dahingehendes Versprechen."

Das Urteil soll Richter Norbert Sakuth am 1. März verkünden. Ausschlaggebend dafür dürfte unter anderem das Gutachten Leygrafs sein. Der hatte ein differenziertes Bild des Angeklagten gezeichnet: Demnach lebte Ahmad A. zuletzt zwei widersprüchliche Leben - war mal dschihadistisch-kämpferischer Islamist, mal ausgelassen feiernder Lebemann.

Mit Material von dpa

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