Gutachter über Messerstecher von Hamburg Die zwei Leben des Ahmad A.

Sieben Menschen stach Ahmad A. in Hamburg nieder, ein Mann starb. Ein Gutachter zeichnet vor Gericht ein Psychogramm des 27-Jährigen - und macht deutlich, warum er den Angriff nicht für die Tat eines Wahnsinnigen hält.

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Der Verhandlungstag ist schon fast zu Ende, da meldet sich Ahmad A.s Rechtsanwalt Christoph Burchard mit einer letzten Frage. Sein Mandant, sagt er in Richtung des psychiatrischen Gutachters Norbert Leygraf, sei vor seiner Bluttat "abgemagert, hoffnungslos, isoliert" gewesen, ein perspektivloser Flüchtling. "Was macht das mit einem Menschen?"

Leygraf reagiert kurz angebunden, fast genervt. Das betreffe ja nicht nur den Angeklagten, sagt der Essener Professor für Forensische Psychiatrie, "und die meisten Flüchtlinge in solchen Konfliktlagen radikalisieren sich nicht". Natürlich habe sich Ahmad A. in einer "sehr schrecklichen Situation" befunden, sagt Leygraf. "Das ist so."

Zuvor hatte der Psychiater vor dem 3. Strafsenat des Hamburger Oberlandesgerichts ausführlich erläutert, warum sich von den Tausenden Flüchtlingen in der Stadt ausgerechnet Ahmad A. auf so gefährliche Weise radikalisierte. Warum er im vergangenen Juli mit einem Fleischermesser wahllos auf Passanten einstach, einen Mann tötete und sechs weitere Opfer verletzte.

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Messerattacke in Hamburg: Der Prozess gegen Ahmad A.

Leygraf zufolge liegen die Ursachen für den Gewaltausbruch vom 28. Juli in der verworrenen Lebensgeschichte des mutmaßlichen Mörders. Vermutlich sei A. bis vor wenigen Jahren kein besonders religiöser Mensch gewesen, sagt Leygraf, sondern habe lange von einem Leben nach westlichem Stil geträumt - aus diesem Grund habe der Palästinenser wohl auch als Teenager seine Heimatstadt Gaza verlassen, sei anschließend acht Jahre lang durch Europa geirrt und haben in vier Ländern Asylanträge gestellt.

Unstet ist offenbar auch A.s Sicht auf seine Bluttat. Unmittelbar danach habe er geprahlt und Stolz ausgestrahlt, berichtet Leygraf, später hätten sich diese Gefühle augenscheinlich abgeschwächt. In insgesamt drei Gesprächen habe A. die Messerattacken in und vor dem Supermarkt stets als "der Vorfall" bezeichnet - als habe er selbst damit gar nichts zu tun.

"Der Vorfall", so zitiert der Psychiater den Angeklagten, "sei insgesamt in Gottes Hand gewesen und nicht in seiner Macht". Bei anderen Gelegenheiten habe A. sich dschihadistisch-kämpferisch gegeben - sei aber zugleich apathisch aufgetreten und habe resigniert gewirkt.

Wie passt das zusammen?

Leygraf zufolge lebte Ahmad A. zuletzt zwei widersprüchliche Leben, war mal Islamist, mal Lebemann: A. schaute regelmäßig Propagandavideos des "Islamischen Staats". Inspiriert davon habe er zwischen März und Juli 2016 sowie von November 2016 bis Januar 2017 das Leben eines Islamisten gelebt: Er betete regelmäßig, zog sich komplett zurück. Die letzte dieser Phasen begann kurz vor seiner Bluttat.

"Die Gesellschaft in Angst zu versetzen"

In den Monaten dazwischen pflegte A. hingegen laut Leygraf lustvoll einen westlichen Lebensstil. A. sei in Fitnessstudios und Diskotheken gegangen, sagt Leygraf, er habe regelmäßig gekifft und immer wieder Alkohol getrunken - selbst im muslimischen Fastenmonat Ramadan.

A. habe davon geträumt, am westlichen Lebensstil teilhaben zu dürfen - man könnte auch sagen: Ahmad A. wollte einfach dazugehören. "Mit diesem Ziel", sagt Leygraf, "war er offensichtlich gescheitert."

Die Radikalisierung war demnach eine Art Trotzreaktion, in Leygrafs Worten eine "Selbstwertstabilisierung". Es sei angesichts A.s jahrelanger Odyssee durch Europa nicht erstaunlich, sagt Leygraf, dass ein verzweifelter junger Muslim anfällig für radikale Ideologien werde.

Irgendwann, glaubt der Gutachter, habe A. die Diskrepanz zwischen seinen beiden Lebensstilen nicht mehr ausgehalten. Im November 2016 will A. demnach erstmals über einen "Märtyrertod" nachgedacht haben. Er habe die Pflicht gespürt, "nach außen hin aktiv zu werden und die hiesige Gesellschaft in Angst zu versetzen".

Ein psychisch Verwirrter ist A. für Leygraf aber nicht. Zwar habe der Angeklagte davon gesprochen, eine "innere Stimme" habe ihn geführt, aber tatsächlich akustisch habe er diese nicht wahrgenommen.

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Auch darüber hinaus gebe es keine Hinweise auf psychotische Erkrankungen, Bewusstseinsstörungen oder andere psychologische Auffälligkeiten. A., der seit seiner Kindheit keine festen Beziehungen und Freundschaften gehabt habe, sei unreif und labil - aber straf- und schuldfähig. Es gebe auch keinen Grund für eine Sicherungsverwahrung, sagt Leygraf: "Die Radikalität einer Überzeugung reicht nicht aus, um sie als wahnhaft zu diagnostizieren." Ahmad A. ist demnach kein Fall für die Psychiatrie.

Während Leygraf spricht, lässt sich der Angeklagte keine Emotionen anmerken. Wie ungerührt ihn all das womöglich lässt, zeigt sich auch während der Aussagen dreier Rechtsmediziner. Klaus Püschel etwa, der mit einem Kollegen das Todesopfer Matthias P. obduzierte, berichtet detailliert über die Wucht der Messerstiche, über das "Stichwerkzeug mit einer Klingenlänge von mindestens 20 Zentimetern", über den Blutverlust von dreieinhalb Litern.

Ahmad A. dürfte klar sein, dass sein Fall in den Augen der meisten Beteiligten und Beobachter recht eindeutig aussieht: Die Prozessbeteiligten einigen sich darauf, drei weitere Zeugen gar nicht mehr zu hören - stattdessen sollen nun schon am Montag die Plädoyers gehalten werden. Ein Urteil dürfte am 1. März fallen.

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