Lebenslange Haft für Hamburger Messerstecher Zum Töten entschlossen

Ahmad A. stach auf sieben Menschen ein, er wollte viele "Ungläubige" töten. Laut dem Hamburger Oberlandesgericht war der Täter so labil, dass er sich vom schlichten Weltbild der Terrormiliz "Islamischer Staat" leiten ließ.

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Zuerst hatte sich Ahmad A. vor Gericht wochenlang mit Vollbart gezeigt, dann glatt rasiert. Zur Urteilsverkündung erschien er nun mit Stoppeln im Gesicht. Selbst am Bart des Angeklagten hatten Beobachter versucht, seine Gesinnung abzulesen. Ist der 27-Jährige ein religiöser Fanatiker, ein Islamist - oder nicht?

Jedenfalls hat A. sinnbildlich viele Gesichter, eins davon geprägt vom "schlichten Weltbild der Terrorvereinigung 'Islamischer Staat' (IS)", das ihn zum Morden veranlasste. Davon zeigte sich das Hamburger Landgericht in seiner Urteilsverkündung überzeugt. "Der Angeklagte wollte so viele 'Ungläubige' wie möglich töten." Wer "ungläubig" war, habe er an einer hellen Hautfarbe festgemacht.

Am 28. Juli 2017 habe A. deshalb im Hamburger Stadtteil Barmbek in einem Supermarkt eine 20-Zentimeter-Klinge aus der Verpackung gezogen und sei damit auf mehrere Menschen losgegangen. Ein Mann wurde so schwer verletzt, dass er am Tatort verblutete. Sechs weitere Menschen erlitten teils lebensgefährliche Verletzungen. Einige leiden bis heute unter den Folgen - auch psychisch.

"Abenteuer Europa endete in einer Sackgasse"

Das Gericht verurteilte den Angeklagten deshalb zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe und stellte zudem die besondere Schwere der Schuld fest. Das bedeutet: Es ist unwahrscheinlich, dass A. nach 15 Jahren freikommt. Der 27-Jährige sei laut Gutachten voll schuldfähig, sagte der Richter. Es gebe für die Tat keine Entschuldigung, sie sei aber aus einer "sehr schwierigen Lebenssituation heraus" begangen worden.

A. wurde in Saudi-Arabien geboren und zog mit seiner Familie später in den Gazastreifen. Dort wuchs er in einem muslimischen, aber nicht streng religiösen Zuhause auf. Nach dem Abitur ging er nach Ägypten, um Zahnmedizin zu studieren, brach dies im ersten Semester jedoch ab, weil er "fasziniert war vom westlichen Leben."

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Messerattacke in Hamburg: Der Prozess gegen Ahmad A.

A. reiste nach Darstellung des Gerichts vor knapp zehn Jahren nach Europa und tingelte hier durch mehrere Länder, in der Hoffnung, irgendwo Asyl zu erhalten - vergeblich. Er sei nicht politisch verfolgt gewesen. "Er hat sich immer um Integration bemüht und schnell die Sprachen gelernt. Dass er immer wieder abgelehnt wurde, hat er als persönliche Zurückweisung empfunden", sagte der Richter.

2015 sei Ahmad A. nach Deutschland gekommen. Er sei auch hier im Deutschkurs schnell der Klassenbeste gewesen, habe einen westlichen Lebensstil angenommen, sich im Fitnessstudio angemeldet, geraucht und Alkohol getrunken. Auch in Deutschland wurde sein Asylantrag jedoch abgelehnt. Ahmad A. sei zur Ausreise bereit gewesen, aber diese sei an fehlenden Dokumenten gescheitert.

"Dass selbst die Beendigung des Abenteuers Europa in einer Sackgasse enden würde, war für ihn sehr belastend", so der Richter. In dieser Situation habe er sich radikalisiert. A. sei von der schlichten These des IS fasziniert gewesen, an allem Übel seien die "Ungläubigen" schuld. Muslime müssten sich weltweit wehren. Immer wieder sei phasenweise religiöser Fanatismus in ihm aufgebrochen, unterbrochen vom Bemühen um Integration und Anpassung. Er war "innerlich zerrissen", so der Richter, sogar am Tag der Tat.

A. habe am Deutschkurs teilgenommen, sei zur Ausländerbehörde gegangen, die ihm nichts Neues sagen konnte, und habe dann die Moschee besucht, wo der Imam zu einer friedlichen Lösung etwa des Konflikts um die al-Aksa-Moschee in Jerusalem aufgerufen habe. Dennoch habe A. sich zum Töten entschlossen.

Er zögerte zwar längere Zeit vor der Tat, griff dann aber unter lauten "Allahu Akbar"-Rufen Menschen an, die "nichts aber wirklich gar nichts, für seine persönliche Situation oder die Lage in seinem Land konnten", betonte der Richter.

"Keine Spaltung der Gesellschaft"

Bei seiner Festnahme bezeichnete sich Ahmad A. als "Terrorist". Das sei er im juristischen Sinne aber nicht, so der Richter. A. sei kein Mitglied einer terroristischen Vereinigung - auch wenn er sich von der IS-Propaganda habe instrumentalisieren lassen. Die Messerangriffe wertete der Richter ebenso wie die Bundesanwaltschaft als direkte Folge der Radikalisierung.

SPIEGEL TV: Messerattentäter Ahmad A. im Interview

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Der IS sei hier insofern erfolgreich gewesen, als dass A. mit seiner labilen Persönlichkeit und in seiner besonderen Lebenssituation anfällig gewesen sei für das schlichte Weltbild der Terrororganisation. "Der IS hatte jedoch keinen Erfolg damit, über solche Taten eine Spaltung der Gesellschaft in Muslime und 'Ungläubige' zu erreichen und sie zu verunsichern", sagte der Richter.

Er verwies auf die sogenannten Helden von Barmbek, Menschen verschiedenen Glaubens, die sich unmittelbar solidarisch mit den Opfern gezeigt und versucht hatten, den Angreifer aufzuhalten. Einige hätten sich als Muslime zu erkennen gegeben und A. zugerufen: "Allah verzichtet auf so eine Tat." "Durch diese praktische Solidarität haben diese Menschen aus Barmbek deutlich gemacht, dass sich unsere Gesellschaft nicht spalten lässt", sagte der Richter.

Das Geständnis des Angeklagten bei der Polizei habe nicht strafmildernd gewirkt, weil er damit eher Aufmerksamkeit für IS-Propaganda habe schüren wollen. Vor Gericht habe er jedoch Reue gezeigt und sich bei den Opfern entschuldigt. "Wir hoffen, dass diese Einsicht dauerhaft ist und nicht wieder nur eine Phase", sagt der Richter abschließend und sieht den Angeklagten dabei direkt an. Der hält dem Blick stand - und nickt.

A.s Verteidiger will mit seinem Mandanten nun beraten, ob er das Urteil annimmt. Aus seiner Sicht muss man aus dem Fall auch die Lehren aus der Perspektivlosigkeit von Menschen ziehen. "Dass er über Jahre durch Europa gezogen ist und nirgends willkommen war, hat sicher zu seiner Radikalisierung beigetragen", sagte Christoph Burchard. A. hätte wenigstens ein vorübergehendes Bleiberecht erhalten sollen.

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