Explosion in Hamburg "Dum Bum 50" am Bahnsteig

Stephan K. hat im Dezember illegale Böller in einer Hamburger S-Bahn-Station gezündet. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm versuchten Mord vor, er selbst spricht vor Gericht von Neugier.

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Mitte Dezember 2017 stellte Stephan K. eine Plastiktüte am S-Bahnhof Veddel in Hamburg ab. Es war halb sechs abends, K. verstaute die Tüte unter der Sitzreihe eines Wartehäuschens auf dem Bahnsteig. Die S3 fuhr ein, etliche Fahrgäste verließen den Zug. K. entzündete die Lunte von einem der zwei illegalen Böller in der Tüte. Dann stieg er schnell in die S-Bahn.

Die Böller gingen hoch, mindestens 73 Montageschrauben flogen umher. Ein großer Feuerball entlud sich über dem Windfang, die Scheiben barsten. Mehrere Passanten waren noch auf dem Bahnsteig, die Türen der S-Bahn noch nicht ganz zu. Ein Mann erlitt ein Knalltrauma.

So stellt die Anklage das dar, was am 17. Dezember geschah. Es sei "nur Glück, dass nicht mehr passierte", sagt ein Gerichtssprecher.

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Explosion an S-Bahnhof: "Ich wollte die Leute erschrecken"

Der Fall ist nicht nur wegen des Sprengsatzes brisant, sondern auch wegen der Vergangenheit des Angeklagten: Anfang der Neunziger war Stephan K. ein Skinhead, er wurde zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, weil er und ein Kumpan einen Kapitän totschlugen. Das Opfer hatte Hitler als Verbrecher bezeichnet.

Und nun, mehr als zwei Jahrzehnte später, zündet Stephan K. gefährliche, illegale Böller auf der Veddel. In einem Viertel, in dem etwa 70 Prozent der Bewohner einen Migrationshintergrund haben. Was trieb den Mann an?

Entscheidend wird in der Verhandlung sein, das Motiv des Angeklagten herauszuarbeiten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 52-Jährigen unter anderem versuchten Mord vor. Er habe den Tod von Passanten "zumindest billigend in Kauf genommen" und heimtückisch gehandelt. Mindestens vier Menschen hätten sich in der Nähe der Bombe befunden.

"Es stimmt"

Stephan K. folgt den Ausführungen der Staatsanwältin im Hamburger Landgericht regungslos. Er trägt einen Kapuzenpulli , ein bulliger Mann, untersetzt, beide Hände sind tätowiert, Glatze.

Die Tat räumt er im Wesentlichen ein: "Es stimmt, dass ich den Polenböller gezündet habe", liest sein Anwalt vor. Aber: Er habe niemanden verletzen oder gar töten wollen. "Ich wollte die Leute erschrecken." Es tue ihm leid, dass sich ein Mann verletzt habe.

Dann geht er in der Erklärung darauf ein, wie er an die beiden illegalen Böller kam. "Dum Bum 50" heißen die Knallkörper aus Tschechien, sie enthalten je 50 Gramm Blitzknallsatz. Die Böller bezeichnet ein Gerichtssprecher als "außerordentlich gefährlich".

Ein Geschenk von "La Bomba"

Die Knaller bekam Stephan K. nach eigenen Angaben von einem Mann, den er "La Bomba" nennt. Er vergebe häufig Spitznamen: "Mein Namensgedächtnis ist irgendwie so schlecht." "La Bomba" nannte er ihn, weil er mit dem Mann öfter über Waffen rede.

Mit ihm trinke er manchmal in Harburg vor Netto oder dem Rathaus, so auch am 17. Dezember, dem Tag der Tat. Er wisse nicht mehr, warum "La Bomba" ihm die Böller geschenkt habe. "Vielleicht wollte er Liebkind bei mir machen." Es sei üblich, dass sie sich gegenseitig beschenkten, K. habe ihm schon mal ein Bier überlassen.

Der Mann habe ihm die Böller in einer Plastiktüte gegeben, sie sei sehr leicht gewesen. "Ich ging davon aus, dass keine Schrauben darin waren." Er sei dann mit der S-Bahn losgefahren, um Leergut abzugeben.

Mindestens zehn Bier habe er an dem Tag getrunken. "Damals habe ich täglich zehn bis fünfzehn Bier getrunken." In der Bahn sei er mehrfach eingeschlafen.

Stephan K. vor dem Hamburger Landgericht
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Stephan K. vor dem Hamburger Landgericht

Schließlich sei er an der Veddel ausgestiegen, um sich Bier zu kaufen. Dann habe er sich spontan entschlossen, die Böller zu zünden. "Eigentlich wollte ich die erst an Silvester zünden, aber ich wollte sie nicht so lange mit mir herumschleppen", liest sein Anwalt vor. Er sei neugierig gewesen. Vor dem Entzünden habe er sich umgeschaut, ob jemand in der Nähe sei.

Der Knall sei dann sehr laut gewesen, auch im Waggon der S-Bahn hätten sich die Leute erschrocken. "Darüber habe ich mich schon ein bisschen gefreut, das muss ich zugeben." Heute sei ihm das peinlich.

Polizisten hätten ihm nach der Festnahme mittels Fotos gezeigt, was illegale Böller anrichten könnten. Er sei geschockt gewesen. Schockiert war er auch, als er von seinem Anwalt erfuhr, dass ihm versuchter Mord vorgeworfen werde - das könne er sich nicht erklären.

Plastik an den Schrauben

Vieles an den Ausführungen ist fragwürdig. Vor allem, dass sich keine Schrauben in der Tüte befunden haben sollen. An den Schrauben war laut einem Gerichtssprecher Plastik, außerdem hätten sie im Umkreis von vier Metern in elliptischer Form auf dem Bahnsteig gelegen. Beides Hinweise, dass sich durchaus Schrauben in der Tüte befanden.

Wie gefährlich die Explosion war, werden Sachverständige im Prozess beurteilen. Das LKA schätzte die Detonation laut dem Anwalt des Mannes als nicht gefährlich für die Passanten auf dem Bahnsteig ein.

Für einen rechtsradikalen Hintergrund fanden die Ermittler keine Hinweise. Seit einem Jahrzehnt ist Stephan K. laut einem Justizsprecher nicht mehr in der Szene. Er selbst gab an, sich aus diesen Kreisen zurückgezogen zu haben. Die Beamten halten Stephan K. für einen Trinker, außerdem habe er keinen festen Wohnsitz, übernachte bei Bekannten in Harburg.

Reste der Bombe am Tatort
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Reste der Bombe am Tatort

Die Folgen seiner Taten Anfang der Neunziger sind bis heute sichtbar. Auch am Busbahnhof in Buxtehude.

Stephan K., so steht es in Berichten von Lokalzeitungen aus der Zeit, drosch dort auch mit einem Kantholz auf den 53-Jährigen ein, trat ihn mit Springerstiefeln. Dann ließen sie den Mann liegen. Er starb wenige Tage später im Krankenhaus.

Der Platz heißt nun "Gustav-Schneeclaus-Platz". So wie der Mann, den Stephan K. und ein Komplize Anfang der Neunziger totprügelten.


Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die "Dum Bum 50"-Knallkörper hätten Schwarzpulver enthalten. Wir haben die Angaben zur Sprengladung korrigiert.



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