Hamburg Falsche Kinderärztin zu Bewährungsstrafe verurteilt

Als "Frau Doktor" aufflog, reagierte die Öffentlichkeit schockiert: Jahrelang hatte die gescheiterte Medizinstudentin Cornelia E. als Ärztin an einem Hamburger Krankenhaus praktiziert. Jetzt ist die 34-Jährige unter anderem wegen Betrugs verurteilt worden - sie hat Glück gehabt.


Hamburg - Man tritt keinen Menschen, der am Boden liegt: Diese Verhaltensmaxime beherzigte am heutigen Mittwoch die Kammer des Hamburger Amtsgerichts, vor der sich eine 34 Jahre alte Frau wegen Urkundenfälschung, Betruges und Missbrauchs von Berufsbezeichnungen von 2002 bis 2007 zu verantworten hatte.

Angeklagte Cornelia E. mit ihrem Rechtsanwalt: "Ich bin sehr leistungsorientiert erzogen worden"
DDP

Angeklagte Cornelia E. mit ihrem Rechtsanwalt: "Ich bin sehr leistungsorientiert erzogen worden"

Cornelia E. - von Beruf nicht Ärztin, was sie offenbar um jeden Preis hatte werden wollen und woran sie in mehrfacher Hinsicht gescheitert ist - wurde mit einer zur Bewährung ausgesetzten Freiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten belegt. Zudem muss sie ein Bußgeld von 3600 Euro an die gemeinnützige Einrichtung "Hilfe für das behinderte Kind" zahlen. "Das dürfte auch in Ihrem Sinne sein", kommentierte die Vorsitzende Richterin Edith Hees diese Entscheidung.

Cornelia E. brachte fast alle Voraussetzungen mit, eine ausgezeichnete Ärztin zu werden. Die zierliche, eloquent formulierende Frau strahlt Wärme aus. Sie war immer mit Leidenschaft bei der Sache: Menschen in Not zu helfen, am liebsten Kindern, ihnen die Angst zu nehmen und sie stattdessen zuversichtlich zu stimmen - es gibt niemanden, der mit ihr zu tun hatte, der nicht des Lobes voll wäre über ihre Arbeit und ihre Zuwendungsfähigkeit.

Sie beeindruckte Vorgesetzte mit Fachwissen und angenehmem Auftreten, sie arbeitete mit großem Fleiß und Erfolg wissenschaftlich, sie verhielt sich stets kollegial und trat medizinischem Hilfspersonal gegenüber nie anmaßend oder besserwisserisch auf. Kurz: Sie hätte eine ausgezeichnete Ärztin werden können. Wenn - ja wenn sie sich nicht vor Jahren auf kriminelle Machenschaften eingelassen hätte, die sie aus eigener Kraft offenbar nicht beenden konnte.

In Hamburg fing sie 1994 mit dem Medizinstudium an. Ihr Abiturnoten-Durchschnitt reichte dafür erst nicht aus, doch mit dem sogenannten Medizinertest schaffte sie es. Schon an der ersten Prüfung nach vier Semestern, dem Physikum, scheiterte sie. Der nächste Versuch gelang ebenso wenig wie der dritte. "Mir lag das Multiple-Choice-Verfahren gar nicht", sagt sie heute, also das Ankreuzen der richtigen Antwort. Nun waren das Medizin-Studium und damit der erträumte Berufsweg eigentlich zu Ende.

"Ich studierte einfach weiter"

"Ich bin sehr leistungsorientiert erzogen worden", sagt sie vor Gericht betreten. Möglicherweise liegt hier der Schlüssel zu ihrem rational kaum nachvollziehbaren Verhalten. Die ältere Schwester studierte Tiermedizin und gründete eine eigene Praxis. Der Bruder, auch er älter als Cornelia E., studierte Betriebswirtschaft und arbeitet heute als Wirtschaftsprüfer in Stuttgart. Man war erfolgreich in der Familie, man bestand Prüfungen, bewältigte Probleme, man kam voran.

"Ich studierte einfach weiter, belegte Kurse, machte Scheine, absolvierte Zwischenprüfungen und Praktika", sagt sie. Sie schwindelt sich vor Gericht nicht mit der faden Ausrede heraus, es sei ihr an der Universität ja auch leicht gemacht worden. Denn es hätte irgendwann schon auffallen müssen, dass diese Studentin durchgefallen und längst exmatrikuliert war.

"Ich habe mich verstrickt in das Bild der erfolgreichen Ärztin und mich einer Scheinwelt hingegeben. Ich war von der Faszination der Medizin gefesselt und sehnte mich danach, auszuführen zu dürfen, was ich gelernt hatte." Doch Kraft und Mut fehlten, das Scheitern zuzugeben. Oder die Angst vor Ablehnung trieb sie, und die Furcht, die Familie zu enttäuschen. Angst und Ehrgeiz paarten sich in dieser jungen Frau auf verhängnisvolle Weise.

Sie hätte an einer deutschsprachigen Universität in Ungarn legal weiterstudieren können, wie es viele tun, die in Deutschland nicht zurechtkommen. Doch dazu hätte sie ihr Scheitern offenbaren müssen. Stattdessen fing sie an, heimlich Zeugnisse zu fälschen. Das Physikum "bestand" sie mit "befriedigend", die zweite ärztliche Prüfung mit 1,66 und die letzte Prüfung mit "gut", ohne diese Examina abgelegt zu haben.

Mit offenen Armen empfangen

Am 12. Dezember 2002 erhielt sie aufgrund der gefälschten Gesamtnote "gut" die Erlaubnis zur vorübergehenden Ausübung des ärztlichen Berufes als "Ärztin im Praktikum". Als das Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) eine Mitarbeiterin für eine neu gegründete HIV-Ambulanz suchte, wurde sie dort mit offenen Armen aufgenommen.

Ihre Arbeitszeugnisse musste Cornelia E. nicht fälschen. Sie wurde überhäuft mit Lob und Anerkennung. Sie bewarb sich an der Universitäts-Kinderklinik und wurde sofort eingestellt und als Assistenzärztin übernommen. Die Approbationsurkunde fälschte sie, indem sie die Unterlagen ihres im selben Beruf tätigen Freundes kopierte, dessen Daten abdeckte und ihre eigenen einsetzte, und erneut kopierte. Das Landesprüfungsamt beanstandete dies nicht. Nun ging es an die Dissertation.

Doch die Ärztekammer gab sich nicht mit einer Kopie der Approbationsurkunde zufrieden. Sie verlangte immer drängender nach dem Original. Cornelia E. wurde eine Geldbuße auferlegt, weil sie das Dokument nicht beibrachte. Die gesetzten Fristen wurden immer kürzer, der Ton verschärfte sich. Dann sollte sie die Urkunde persönlich vorlegen, schnellstens. Es gab keinen Ausweg mehr.

Offensichtlich in Panik schrieb sie eine Mail an die Ärztekammer, in der sie sich als ihre Schwester ausgab: Cornelia E., so hieß es darin, sei gestorben. Noch eine Täuschung. "Das war eine absolute Affekttat", erklärt die Angeklagte vor Gericht. "Haben Sie nicht überlegt, was in der Klinik los ist, wenn das herauskommt?" fragt die Vorsitzende. "Sie hatten sich gerade für den Nachtdienst gemeldet!" In dieser Situation habe sie nicht mehr nachgedacht, antwortet die Angeklagte.

"Tragischer Fall"

In den Medien wurde Cornelia E., als sie Sache publik wurde, als "tragischer Fall" bedauert: Sie wurde dargestellt als eine geborene geniale Ärztin, die von törichten Vorschriften zu Fall gebracht wird. Es wurde an der Prüfungsordnung gezweifelt, die gerade manchem hochtalentierten Medizin-Studenten angeblich im Wege stehe und so fort. Doch sowohl die Vorsitzende Richterin als auch zuvor schon Oberstaatsanwältin Ilse Kahnenbley kamen auf den Punkt zu sprechen, der den Fall jenseits allen Mitgefühls von anderen abhebt.

Cornelia E. ist keine geld- oder geltungssüchtige Hochstaplerin. Sie ist auch nicht von der Art des Postboten, der so gern Psychiater gewesen wäre, wie man ihn in Norddeutschland noch gut in Erinnerung hat. "Sie haben sich an jedem Tag, an dem sie behandelt haben, strafbar gemacht. Aber schlimmer noch ist der Vertrauensschaden, den Sie angerichtet haben. Wenn Eltern ihr krebskrankes Kind in eine Klinik bringen, dann vertrauen sie darauf, dass der Arzt, der das Kind behandelt, auch wirklich ein Arzt ist", hielt die Staatsanwältin der Angeklagten vor. "Wenn man Patienten gefragt hätte, ob sie sich auch von einer Frau behandeln lassen würden, die weder eine Zulassung als Ärztin noch medizinische Examina abgelegt hat - was, glauben Sie, hätten die gesagt?"

"Sie haben etwas genommen, was Ihnen nicht zusteht."

Der Bedrängnis, in die sich Cornelia E. mit der ersten Fälschung eines Zeugnisses gebracht hat, verschloss sich das Gericht nicht. Doch es sei eine "eigennützige" Entscheidung gewesen, sich über das Gesetz hinweg zu setzen, sagte die Vorsitzende. "Sie haben die Ihnen gesetzten Grenzen nicht eingesehen und waren nicht bereit, dazu zu stehen. Sie haben etwas genommen, was Ihnen nicht zusteht. Sie haben ganz viel Vertrauensvorschuss bekommen, gerade in einer Kinderklinik, und diesen missbraucht. Sie hatten zwar Kenntnisse. Aber Sie hatten nicht das, worauf sich all die Menschen, die zum Arzt gehen, verlassen: die Qualifikation. Gerade der Kranke hat keine andere Chance, er ist abhängig von dem Arzt, den er aufsucht, er muss ihm vertrauen können."

Mit der Verhängung einer maßvollen Bewährungsstrafe trug das Gericht der Geständnisbereitschaft und der günstigen Prognose der Angeklagten Rechnung. Sie hat sich nach dem Schock der Entdeckung um Arbeit bemüht und kam in einer Medizin-Agentur unter.

Dass Cornelia E. nicht auch noch wegen Körperverletzung angeklagt und verurteilt wurde, verdankt sie den Umständen. Denn jede Spritze, die sie verabreichte, jeder Zugang, den sie legte, jede Behandlung, die sie verordnete, gilt nach dem Gesetz als Körperverletzung, da sie dazu nicht befugt war.

Doch in den Krankenakten taucht in diesem Zusammenhang ihr Name nicht auf. Es steht nirgends, wer gespritzt und die Kanüle gelegt hat. Also konnte sie deswegen auch nicht angeklagt und verurteilt werden.



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