Getötete Zweijährige in Hamburg Vorzeichen einer Tragödie

Im Fall der getöteten Zweijährigen aus Hamburg kommen immer neue Details ans Licht. Schon vor Monaten fürchtete die Mutter, dass der Vater die Tochter entführen könnte. Er soll auch andere Kinder bedroht haben.

Kerzen, Blumen und Teddybären vor dem Mehrfamilienhaus in Hamburg, in dem die Zweijährige starb
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Kerzen, Blumen und Teddybären vor dem Mehrfamilienhaus in Hamburg, in dem die Zweijährige starb

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Sohail A. soll seiner zweijährigen Tochter tödliche Schnittverletzungen am Hals zugefügt haben - während seine Frau Anzeige bei der Polizei gegen ihn erstattete. Als die Beamten mit der Frau zur Wohnung zurückkehrten, fanden sie die Leiche des Mädchens. Der Vater war verschwunden und wurde schließlich nach tagelanger Flucht in Spanien festgenommen.

Dass es in der Familie schwere Probleme gab, wird immer deutlicher, je mehr Details an die Öffentlichkeit dringen. Es entsteht das Bild eines gewalttätigen Vaters, der auch Kinder schlug und bedrohte; einer Mutter, die offenbar nicht die Kraft hatte, sich von ihm loszusagen; von Behörden, die die Familie zwar intensiv betreuten - aber das Schlimmste dennoch nicht verhindern konnten.

Sohail A. kommt 2011 alleine aus Pakistan nach Deutschland. Er stellt einen Asylantrag in Hessen, der im Juli 2012 abgelehnt wird. Der heute 33-Jährige kann jedoch nicht abgeschoben werden: Er behauptet, keinen Ausweis zu besitzen.

Pakistan nimmt seine Staatsbürger nur auf, wenn sie einen Pass haben. Sohail A. zeigt sich zudem wenig kooperativ: Bei Anträgen auf einen neuen Pass macht er Falschangaben.

Dass abgelehnte Asylbewerber in Deutschland bleiben dürfen, weil sie keine Reisedokumente besitzen, ist nicht selten. Laut der Bundesregierung trifft dies derzeit auf mehr als 54.000 Menschen zu.

In Deutschland lernt Sohail A. seine Frau kennen. Die 32-Jährige stammt ebenfalls aus Pakistan. Als Mitglied der Ahmadiyya-Gemeinde, deren Anhänger in Pakistan verfolgt werden, hat sie Asyl in Deutschland erhalten. Die beiden heiraten im August 2014 - es ist eine islamische Ehe nach pakistanischem Recht.

Im November desselben Jahres wird A. der Umzug nach Hamburg gestattet - aus familiären Gründen. Er arbeitet in der Gastronomie. Deutsch lernt er nicht, bis zuletzt muss bei Behördenkontakt ein Dolmetscher dabei sein. Am 30. April 2015 kommt die Tochter des Paares zur Welt.

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Getötetes Mädchen: Trauer in Hamburg-Neuwiedenthal

Etwa ein Jahr später werden die ersten Probleme in der Familie aktenkundig. Eine Kinderärztin meldet dem Jugendamt im Juli 2016, dass es in der Familie Gewalt gebe. Daraufhin sei ab September sieben Stunden die Woche eine Sozialpädagogin gekommen, so eine Sprecherin des Bezirksamtes Harburg.

Den Stiefsohn gewürgt

Im selben Monat kommt es zum nächsten Zwischenfall: Der 33-Jährige soll den heute sechsjährigen Sohn der Frau aus erster Ehe, der ebenfalls bei der Familie lebt, nach Angaben der Hamburger Staatsanwaltschaft gewürgt haben.

Sohail A. soll den Jungen auch geschlagen haben. Im März zeigt die Frau den Mann schließlich wegen Bedrohung und Körperverletzung gegen sie und ihren Sohn an. Die Polizei ordnet an, dass der Mann die gemeinsame Wohnung zehn Tage nicht mehr betreten darf. Doch schon nach zwei Tagen nimmt die 32-Jährige ihn wieder auf.

Das Jugendamt stockt die Hilfe nach dem Vorfall auf zehn Stunden die Woche auf, neben der weiblichen Sozialpädagogin kommt nun auch ein Mann in die Familie.

Vertreter des Amtes empfehlen der Frau mehrfach, in ein Frauenhaus zu gehen. Sie sieht sich eine Einrichtung an - doch entscheidet sie sich, in der Wohnung in Neuwiedenthal zu bleiben. Außerdem wird der Mann im Laufe des Jahres 2017 zur Teilnahme an einem Antiaggressionstraining verpflichtet - doch weil er kein Deutsch spricht, bleibt er dem Kurs fern.

Im Mai gibt es wieder Probleme: Diesmal wird A. von seinem Schwager angezeigt, da er ihn und dessen Kinder bedroht haben soll. Einen Monat später, im Juni 2017, hat die Mutter wieder Kontakt zu den Behörden. Sie äußert die Sorge, dass ihr Mann die gemeinsame Tochter entführen könnte. Der Vater soll mehrfach gesagt haben, dass er ohne die Tochter nicht leben könne. Das Paar soll sich häufig gestritten, auch über Trennung gesprochen haben.

Parallel zu diesen Vorfällen versucht Sohail A. weiter, bei seiner Familie in Deutschland zu bleiben. Im Februar 2016 hat er laut Ausländerbehörde einen Antrag auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis gestellt. Dieser sei im März abgelehnt worden, doch der Anwalt des Mannes habe Widerspruch eingelegt.

Nach dem Widerspruch legt der Mann plötzlich einen Ausweis vor, der bereits ein Jahr vorher ausgestellt wurde. Außerdem stellte der Anwalt einer Sprecherin des Verwaltungsgerichts zufolge im April einen Eilantrag, um eine Abschiebung zu verhindern.

Im Juni signalisiert das Gericht laut der Sprecherin, dass man für die Entscheidung mehr Zeit brauche. Vor allem die familiäre Bindung des Mannes machte es dem Gericht offenbar schwer, zu einer schnellen Entscheidung zu kommen.

Fachgespräch kurz vor der Tat

Um dem Gericht das gesamte Bild des Falles zu ermöglichen, schreiben Vertreter des Jugendamtes einen Bericht über die Familie. Beide Seiten hatten die Gelegenheit, sich zu diesem Bericht zu äußern. Das tun die Ausländerbehörde und Sohail A. - die letzte Stellungnahme sei im Oktober eingegangen, so die Sprecherin.

Im Jugendamt ist die Familie immer wieder Thema: Nach SPIEGEL-Informationen gab es seit September 2016 vier kollegiale Beratungen - das sind intensive Gespräche mit mehreren Beteiligten.

Am 12. Oktober 2017 findet dann ein Fachgespräch in der Behörde statt, wieder mit mehreren Teilnehmern, darunter der Kinderschutzkoordinator und eine Abteilungsleiterin. Das ist ein Hinweis darauf, dass der Fall offenbar eine hohe Priorität in der Behörde hatte. Dennoch konnte das Verbrechen nicht verhindert werden: Elf Tage später ist das Kind tot.

Die Hamburger Bürgerschaft hat sich bereits mit dem Fall beschäftigt. Philipp Heißner sitzt für die CDU im Familienausschuss, wo der Tod der Zweijährigen Thema war. "Eklatante Fehleinschätzungen des Jugendamtes wurden bis jetzt noch nicht deutlich", sagt er.

Für eine abschließende Einschätzung sei es allerdings noch zu früh. In den nächsten Wochen soll ein ausführlicher Bericht der Jugendhilfeinspektion Klarheit darüber bringen, ob das Jugendamt Fehler gemacht hat.

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