Prozess nach Gruppenvergewaltigung "Bloßstellung, Verängstigung, Stigmatisierung"

Mehrere Jugendliche vergewaltigten ein Mädchen, der Fall beschäftigt erneut ein Hamburger Gericht. Beim Prozessauftakt ging es zunächst nicht um die brutale Tat, sondern um Erziehung - und die Rolle der Medien.

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Keine zehn Minuten dauert es, bis Anne Meier-Göring erstmals ein Zeichen setzt. Es ist 9.50 Uhr, die Zuschauer verlassen für die erste Verhandlungsunterbrechung den Saal, da gibt die Richterin ihnen eine unmissverständliche Botschaft mit auf den Weg: "Ich bitte auch, davon abzusehen, hier irgendjemandem zuzuwinken."

Genau das war beim Auftakt des ersten Prozesses in diesem aufsehenerregenden Fall geschehen. Im August vor anderthalb Jahren hatten mehrere Angeklagte feixend ihre Angehörigen gegrüßt, die Faust gereckt oder gar anzügliche Körperbewegungen gemacht. Die Empörung war gewaltig - immerhin waren die fünf wegen eines brutalen Sexualverbrechens angeklagt.

Nun stehen die heute zwischen 15 und 23 Jahre alten Täter erneut vor einer Jugendkammer des Hamburger Landgerichts, erneut geht es um das Geschehen in der Nacht auf den 11. Februar 2016 in einer Erdgeschosswohnung im südlichen Stadtteil Harburg.

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Prozess in Hamburg: Tatort Bornemannstraße

Am Ende einer Geburtstagsfeier vergewaltigte Bosko P., damals 21, ein völlig betrunkenes und wehrloses Mädchen. Anschließend malträtierten mehrere Jugendliche die 14-Jährige mit Glasflaschen und hielten das Geschehen auf Handyvideos fest. Am frühen Morgen brachten sie das Opfer schließlich in einen Innenhof und ließen es in der Eiseskälte liegen. Ein Nachbar fand die fast Unbekleidete rechtzeitig, sie kam auf die Intensivstation, überlebte (mehr zu dem Fall lesen Sie hier).

Am Ablauf dieser Taten besteht nach einer Revisionsentscheidung des Bundesgerichtshofs kein Zweifel mehr, wohl aber am eher milde wirkenden Strafmaß: Eine Jugendstrafkammer hatte im Oktober 2016 den Haupttäter Bosko P. zu vier Jahren Haft verurteilt, drei weitere junge Männer und eine heute 17-Jährige jedoch lediglich zu Bewährungsstrafen zwischen einem und zwei Jahren.

Die Große Strafkammer 17 muss nun prüfen, ob noch weitere Straftaten in Betracht kommen: War das Ablegen des besinnungslosen Mädchens bei Temperaturen um den Gefrierpunkt eine sogenannte Aussetzung, handelt es sich bei den Handyvideos von der Tat um Jugendpornografie? Falls die Richter das so sehen, könnten die Strafen höher ausfallen, womöglich deutlich höher.

Keiner der Täter lebt beim Vater

Wahrscheinlich ist das jedoch nicht. Für die damals minderjährigen Täter Alexander K., Lisa H., Zivorad S. und Dennis M. gilt das Jugendstrafrecht - das nicht nur mildere Strafen vorsieht, sondern auch den Erziehungsgedanken in den Mittelpunkt stellt. Was das bedeuten mag, erläutert der Anwalt des inzwischen 18-jährigen Alexander K. am Rande des Prozesses: Sein Mandant habe die vom Landgericht vor anderthalb Jahren angeordnete Therapie begonnen, sagt Christian Lange - obwohl das Urteil nicht rechtskräftig war. Der Teenager habe eine sehr gute Sozialprognose.

Inwieweit das stimmt, lässt sich kaum einschätzen. Es ist schwierig, sich ein Bild von der Lebenswirklichkeit und dem Schuldbewusstsein dieser Angeklagten zu machen. Alexander K. etwa, ein bulliger Typ mit Gelfrisur, lächelt im Gerichtssaal selbstbewusst. Haupttäter Bosko P. hingegen, der an diesem Tag eine gestreifte Krawatte über dem blauweiß-karierten Hemd trägt, wirkt fast unbeteiligt.

Es gibt aber zumindest Indizien, die auf eine möglicherweise schwierige Biografie der jungen Leute deuten: Der aus Serbien stammende P. etwa lebt in einer sozialtherapeutischen Anstalt, alle anderen Täter wohnen nach eigenen Angaben bei ihren Müttern in Hamburg. Von einem Vater ist bei keinem der fünf eine Rede.

All das spielt an diesem ersten Verhandlungstag jedoch eine zunächst untergeordnete Rolle, am Vormittag geht es im völlig überfüllten Saal 378 um Grundsätzlicheres. Die Verteidiger der Angeklagten und die Anwältin des Opfers beantragen, für die Dauer der Hauptverhandlung die Öffentlichkeit auszuschließen - und genau das entscheidet die Kammer dann auch, noch vor Verlesung der Anklageschrift.

Ein Urteil ohne Öffentlichkeit?

Richterin Meier-Göring nutzt die Begründung dieser Entscheidung, um etwas weiter auszuholen. Die Öffentlichkeit sei nicht nur im Sinne der Erziehung aller Täter ausgeschlossen, sagt sie - sondern auch wegen der Rolle der Medien. Denn das legitime öffentliche Interesse an dem Fall umfasse keinesfalls ein "Interesse an bloßer Sensation".

Im Laufe der Hauptverhandlung werde es um eine Sexualstraftat sowie das Sexualverhalten aller Beteiligter gehen, sagt die Richterin. Eine ausführlichere Berichterstattung darüber könne zu "Bloßstellung, Verängstigung und Stigmatisierung" führen. Das gelte insbesondere auch für den mit Spannung erwarteten Auftritt des Opfers: Das Mädchen war während des ersten Prozesses unauffindbar, nun soll es erstmals vor Gericht aussagen.

Fünf weitere Verhandlungstage sind für die kommenden zwei Wochen angesetzt, das Urteil könnte am 25. Januar fallen. Möglicherweise dürfen auch dann keine Zuschauer im Saal sitzen.

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