Tödliche Messerattacke in Hamburg Angreifer handelte aus "Wut und Rache"

In Hamburg wurden eine Mutter und ihre einjährige Tochter am Jungfernstieg niedergestochen. Ermittler sehen den Angriff als Racheakt - der Tatverdächtige stritt mit der Frau um das Sorgerecht.

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Der 33-Jährige, der seine Tochter und ihre Mutter in Hamburg erstochen haben soll, handelte laut Staatsanwaltschaft "aus Wut und Rache" über einen verlorenen Sorgerechtsstreit. Eine Familienrichterin hatte der Mutter das alleinige Sorgerecht zugesprochen - einen Tag vor der Tat. Die Entscheidung könnte sich auf den Aufenthaltsstatus des Verdächtigen auswirken.

Der Mann soll das einjährige Kind und seine 34-jährige Ex-Partnerin im S-Bahnhof Jungfernstieg erstochen haben. Er ist in U-Haft, ihm wird zweifacher Mord vorgeworfen.

Bei dem Angriff war noch ein weiterer Mann zugegen. Er werde in den Ermittlungen aber als Zeuge und nicht als Beschuldigter behandelt, sagte die Sprecherin der Hamburger Staatsanwaltschaft.

"Bild" und das "Hamburger Abendblatt" berichten, dass es sich bei dem anderen Mann um den neuen Freund der 34-Jährigen gehandelt habe. Er soll nach dem Angriff geflüchtet sein.

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Hamburg: Messerangriff am Jungfernstieg

Der Tatverdächtige Mourtala M. stammt aus dem Niger. Er kam 2013 nach Hamburg, im November stellte er einen Antrag auf Aufenthaltserlaubnis. Daraufhin wollte die Hamburger Ausländerbehörde vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) wissen, ob es für das Land ein Abschiebeverbot gebe. Erst etwa vier Jahre später antwortete das Bamf: Es gebe kein Abschiebeverbot.

Vorher kam allerdings die Tochter des Mannes auf die Welt, und er bekam ein befristetes Aufenthaltsrecht. Das Paar war nicht verheiratet, die Mutter hatte das Sorgerecht. Daher zog M. im Januar vor das Familiengericht.

Im Verfahren berichtete die Frau von massiven Bedrohungen und beschrieb den Mann als übergriffig und aggressiv, sagte ein Gerichtssprecher. Er habe die Frau bis in ihre Wohnung verfolgt; einmal habe er gedroht, sie zu töten, wenn sie einem gemeinsamen Sorgerecht nicht zustimme.

Er durfte das Kind laut einem Gerichtssprecher nur in Begleitung von Mitarbeitern des Jugendamtes sehen. Das Amtsgericht hatte bereits Mitte März verfügt, dass er keinen Kontakt mehr zu der Frau haben dürfe; außerdem sollte er zu einem Antiaggressionstraining.

Eine Richterin entschied dann am Tag vor der Tat, dass die Mutter das alleinige Sorgerecht behalten dürfe. Nach SPIEGEL-Informationen sprach sich das Jugendamt in dem Verfahren gegen ein Sorgerecht für Mourtala M. aus.

Bei einem Verlust des Sorgerechts kann die Aufenthaltserlaubnis im Nachhinein befristet werden. Eine Abschiebung stand mit der Entscheidung des Gerichts zwar nicht unmittelbar bevor - doch möglicherweise hätten die Behörden sie daraufhin geprüft.

"Der Mann wurde nicht auffällig"

Die Sorge um den Aufenthalt könnte ein möglicher Auslöser für die Tat gewesen sein. Die Polizei spricht bisher allerdings nur von einer "Beziehungstat".

Laut einem Sprecher der Ausländerbehörde wurde eine Abschiebung in den Wochen vor der Tat nicht geprüft: "Der Mann wurde nicht auffällig." Vorstrafen seien der Behörde nicht bekannt. M. verdingte sich als Malergehilfe und Reiniger.

Seinen Antrag auf eine Aufenthaltserlaubnis begründete der 33-Jährige damit, dass er Bürgerkriege und Konflikte in seiner Heimat Niger und später in Libyen erlebt habe. Ein menschenwürdiges Leben sei auch in Italien nicht möglich, etwa wegen überfüllter Unterkünfte.

M. wohnte zuletzt in einer Wohnunterkunft des Sozialdienstleisters "Fördern und Wohnen" im Hamburger Stadtteil Farmsen-Berne. Ein moderner, hellbrauner Klinkerbau mit dunklen Fenstern, ein neu angelegter Spielplatz in einer Art Innenhof.

Drei Wohnblocks gehören zu der Anlage. 348 Menschen aus verschiedenen Ländern finden hier Platz, sagt Susanne Schwendtke, Pressesprecherin von "Fördern und Wohnen". Und sie wohnen alle erst seit Kurzem hier, die Anlage war erst im September 2017 bezugsfertig. In der Regel teilen sich zwei Menschen ein Zimmer, mehrere nutzen Küche und Bad gemeinsam.

"Ich bete"

Mourtala M. kam mit der "Lampedusa-Gruppe" aus Italien nach Hamburg. Zu dieser gehören schätzungsweise 300 Menschen aus verschiedenen Ländern Afrikas, die gemeinsam ein Bleiberecht forderten. Der Fall wurde bundesweit diskutiert, es kam zu Ausschreitungen linksradikaler Gruppen.

Die St.-Pauli-Kirche gewährte 80 der Flüchtlinge aus humanitären Gründen Notunterkunft im Kirchenschiff - darunter Mourtala M. Diese Menschen hätten eine Notgemeinschaft auf Zeit gebildet, mehr nicht, sagt Pastor Sieghard Wilm. Zu den meisten gebe es keinen oder kaum noch Kontakt.

Zu der Tat des 33-Jährigen möchte Wilm sich nur zurückhaltend äußern. "Ich bete", sagt er. "Beten und ganz still werden - das erscheint mir momentan als das Richtige. Ich hoffe außerdem, dass diese schreckliche Tat nun nicht instrumentalisiert wird, um Hass gegen bestimmte Gruppen zu schüren. Damit wäre auch den Opfern nicht geholfen."

So eine Instrumentalisierung befürchtet offenbar nicht nur der Pastor. In der Nähe des Hamburger Hauptbahnhofes steht ein sogenanntes Lampedusa-Zelt - seit 2013. Es ist ein kleiner Info-Point, an dem meist Flüchtlinge mit Infoblättern über "vergessene Flüchtlinge Europas" informieren.

Einen Tag nach dem tödlichen Angriff am Jungfernstieg betreuen den Stand drei Flüchtlinge - und gehen bei Fragen zu Mourtala M. deutlich auf Distanz. Sie hätten zwar von der Tragödie gehört, sagen sie, betonen aber: "Wir kennen diesen Mann nicht."

Bei den Lampedusa-Flüchtlingen handele es sich keineswegs um eine eingeschworene Gemeinschaft. Die Gruppe sei stark zersplittert, man kenne sich untereinander überhaupt nicht. "Jeder hat seine persönlichen Probleme", sagt einer, der seinen Namen nicht nennen will. "Einer baut Scheiße, aber das sagt nichts über die anderen."

Mit Material von dpa und AFP



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