Säureangriff auf Ehefrau "Damit du auch mal weißt, was Schmerzen sind"

Ein Familienvater geht zum Arbeitsplatz seiner Frau in Hamburg und überschüttet sie mit Säure. Dem 56-Jährigen droht nun eine lange Haftstrafe, die Frau will vor Gericht selbst aussagen.

Der Angeklagte Armin B.  im Landgericht Hamburg
DPA

Der Angeklagte Armin B. im Landgericht Hamburg

Von


Sie wusste, dass er kommt. Armin B. hatte sich ordnungsgemäß am Empfang des Jobcenters im Hamburger Stadtteil Wandsbek angemeldet und um einen Termin bei einer ganz bestimmten Mitarbeiterin gebeten. Wenig später stand B. vor seiner Frau, zog ein Honigglas aus der Jackentasche, drehte den Deckel auf - und übergoss die 46-Jährige mit mehr als 300 Millilitern Salzsäure.

So jedenfalls verlief die Tat am 7. November vergangenen Jahres aus Sicht der Staatsanwaltschaft. Nun sitzt Armin B. in Saal 398 des Hamburger Landgerichts. Der 56-Jährige trägt ein perfekt sitzendes weißes Hemd mit Schlips, eine eckige Brille, einen gepflegten Bart. Für einen der nächsten Verhandlungstage hat er eine Erklärung angekündigt, an diesem Tag aber verzieht er keine Miene und schweigt.

Wie genau es Sonja A. heute geht, ist bislang nicht bekannt, sie ist zum Prozessauftakt nicht erschienen. Bei dem Angriff hatte sie Verbrennungen im Gesicht und auf dem Oberkörper sowie Schwellungen im Mund erlitten - und musste für zwei Tage in ein künstliches Koma versetzt werden. Wie kann eine langjährige Ehe, aus der zwei Söhne hervorgegangen sind, in einer solchen Gewalttat enden?

Feuerwehrleute im November am Tatort
DPA

Feuerwehrleute im November am Tatort

Laut Staatsanwaltschaft hatte Armin B. kurz vor dem Angriff einen Brief vom Rechtsanwalt seiner Frau erhalten, in dem es um eine Geldforderung gegangen sein soll. Der Verwaltungsangestellte habe daraufhin ein säurehaltiges Reinigungsmittel aus dem Baumarkt in ein Honigglas gefüllt und sei zum Jobcenter geeilt. Dort soll er Sonja A. zunächst nach einem Werkzeugkasten gefragt und dann den Brief hingehalten haben. Während sie das Schreiben las, habe er die 30-prozentige Salzsäure aus einem Meter Entfernung über ihr ausgeschüttet. "Hier", sagte er demnach, "damit du auch mal weißt, was Schmerzen sind."

Die Ermittler gehen davon aus, dass B. seine Gefühle nicht im Griff hatte. "Der Angeklagte muss in einer ausgesprochen schwierigen Situation gelebt haben", sagt Gerichtssprecher Kai Wantzen, vor allem seit der Trennung des Ehepaars im Frühjahr 2016: "Eifersucht muss wohl schon vorher ein Problem gewesen sein." Der Brief des Anwalts ließ den Angeklagten demnach aus der Fassung geraten - "weil er das Gefühl hatte, er solle fertiggemacht werden."

Der Kontrollverlust hatte sich laut Anklage bereits zwei Monate zuvor angedeutet. Am Mittag des 10. September stoppte Armin B. demnach seine Frau vor ihrer Wohnung und bedrohte ihren neuen Lebensgefährten: Er werde Ulrich K. "die Kehle aufschlitzen, die Eier abschneiden und sie ihm ins Maul stopfen."

Ist Armin B. überhaupt schuldfähig?

Die Staatsanwaltschaft wirft Armin B. abgesehen von dieser Drohung gefährliche Körperverletzung sowie versuchte schwere Körperverletzung vor; er habe zumindest in Kauf genommen, dass seine Frau erblinde. Ihm drohen bis zu 15 Jahre Haft.

Dass die Strafe so hart ausfällt, ist allerdings eher unwahrscheinlich - zumal es Zweifel an der Schuldfähigkeit des Angeklagten gibt. Eine zentrale Frage des Prozesses wird Gerichtssprecher Wantzen zufolge sein, ob B. aufgrund psychischer Probleme während der Tat vermindert oder gar nicht schuldfähig war. Ein Sachverständiger hat bereits ein Gutachten erstellt, der Rechtsmediziner soll an den kommenden Prozesstagen mit im Saal sitzen.

Über ein gewisses Bewusstsein für seine Probleme verfügt B. offenbar auch selbst: Schon kurz nach dem Angriff auf Sonja A. begab er sich laut Wantzen in psychiatrische Behandlung, wenig später stellte er sich der Polizei. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass B. zumindest eingeschränkt schuldfähig ist und daher verurteilt werden kann.

Dass Sonja A. keine schwereren Verletzungen erlitten hatte, ist wohl vor allem einer Kollegin zu verdanken: Während Armin B. aus dem Jobcenter flüchtete, eilte die Frau aus einem Nachbarbüro herbei, riss A. die nasse Kleidung vom Leib und wusch sie mit Wasser ab.

Sonja A., die als Nebenklägerin am Verfahren beteiligt ist, wird ihren Mann schon bald wiedersehen: Für den 10. Mai hat ihre Anwältin eine Aussage angekündigt.



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.