Urteil im Prozess um Säureangriff "Eine teuflische Tat"

Armin B. goss Salzsäure auf seine Frau, dafür muss er für mehrere Jahre in Haft. In der Urteilsbegründung knöpfte sich der Richter den 56-Jährigen vor: "Man hat den Eindruck, dass Sie sich selbst leidtun."

Armin B. mit seinem Anwalt
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Armin B. mit seinem Anwalt

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Wenige Minuten vor der Urteilsverkündung schaut Armin B. zum Zuschauerraum, winkt einer Bekannten zu, lacht über das ganze Gesicht. Der 56-Jährige sieht glücklich aus hinter seiner eckigen Akademikerbrille und dem weißen Vollbart, hebt die Fäuste, drückt die Daumen - so, als stünde er kurz vor einem ersehnten Triumph, am Ende einer langen Leidenszeit.

Dann verurteilen ihn die Richter am Hamburger Landgericht zu vier Jahren und sieben Monaten Haft.

"Es scheint", sagt der Vorsitzende Sönke Pesch, "als ob Sie die Tat noch gar nicht erfasst hätten". Als sei das Opfer in diesem Fall nicht die schwer verletzte Ehefrau von Armin B., sondern er selbst. "Man hat den Eindruck, dass Sie sich selbst leidtun."

Das Mitleid aber, diese Botschaft macht Pesch am letzten Verhandlungstag dieses Prozesses deutlich, gilt Sonja A., der Ehefrau des Täters. Zu deren Büro im Jobcenter Hamburg-Wandsbek war B. im November vergangenen Jahres gefahren, hatte vor ihr ein mit Salzsäure gefülltes Honigglas aus der Tasche gezogen, aufgeschraubt und den Inhalt über sie gegossen. Die 46-Jährige ist nur deshalb nicht schwer entstellt, weil Kollegen sie sofort abwuschen und den Notruf wählten.

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Prozess in Hamburg: Angriff am Arbeitsplatz

"Es handelt sich bei Ihnen sicher nicht um einen teuflischen Angeklagten", sagt Richter Pesch in seiner Urteilsbegründung, "aber es handelt sich schon um eine teuflische Tat".

Wegen Bedrohung, versuchter schwerer sowie gefährlicher Körperverletzung soll B. nicht nur für mehr als viereinhalb Jahre in Haft und alle Verfahrenskosten tragen; die Große Strafkammer 22 verpflichtet ihn auch, 12.000 Euro Schmerzensgeld plus Zinsen zu zahlen und für alle etwaigen Folgeschäden seiner früheren Lebensgefährtin aufzukommen.

Die Richter folgen damit mehr oder weniger den Forderungen der Anklagebehörde. Die Staatsanwältin hatte in ihrem Plädoyer vor knapp zwei Wochen eine Gefängnisstrafe von fünf Jahren und zehn Monaten gefordert. Der Verteidiger von Armin B. hatte zwei Jahre Haft auf Bewährung vorgeschlagen, kombiniert mit "angemessenen Bewährungsauflagen".

Dass die Kammer von einer solch milden Strafe absieht, hat laut Richter Pesch mehrere Gründe; unter anderem seien Sonja A.s Einlassungen schlichtweg glaubwürdiger. Die 46-Jährige, die in dem Prozess als Nebenklägerin aufgetreten war, hatte die Tat eindrücklich beschrieben. Als B. ihr die 37-prozentige Salzsäure ins Gesicht schüttete, sagte er demnach: "Damit du auch mal weißt, was Schmerzen sind."

Das Gericht sieht in dieser Tat einen Ausdruck tiefer Kränkung. Sonja A. hatte sich Anfang 2016 von ihrem Ehemann getrennt, B. war daraufhin in eine Lebenskrise gestürzt - inklusive exzessivem Alkoholkonsum und Suizidversuchen. B. habe seine Frau immer wieder wüst beschimpft, so Pesch, etwa am 10. September vor den Augen der gemeinsamen Kinder: "Ich werde ihm die Kehle aufschlitzen, die Eier abschneiden und sie ihm ins Maul stopfen", sagte Armin B. damals über Sonja A.s neuen Lebensgefährten.

Sonja A. mit ihrem Anwalt im Landgericht
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Sonja A. mit ihrem Anwalt im Landgericht

Das sei "im Vergleich zur eigentlichen Tat Pipifax", so Pesch, aber diese Drohung gebe Aufschluss über die Wut des Ehemanns in dieser Zeit. Die entlud sich demnach zwei Monate später in der Säure-Attacke mit voller Wucht - und das war laut Pesch auch genau so beabsichtigt. "Sie wussten ganz genau: Das würde zu Entstellungen führen."

Zwar habe B. die Tat nicht von langer Hand geplant, schwere Verletzungen aber in Kauf genommen. Die Behauptungen, er habe die Säure verdünnt, sei von Sonja A. provoziert worden oder habe anschließend nach einem Arzt gerufen, seien nicht glaubwürdig. "Wo immer es irgendwie ging, haben Sie versucht, diese Tat klein zu machen", sagt Pesch. Vor allem den Versuch, Sonja A. eine Mitschuld an der Eskalation der Ehekrise zu geben, weist er entschieden zurück. "Das kann man wirklich nicht sagen", sagt der Richter mit hochrotem Kopf und im Stakkato, als wäre jedes Wort ein Ausrufezeichen.

Nicht auszuschließen sei hingegen B.s Darstellung, dass er sich mit der Säure ursprünglich selbst habe töten wollen und für einen Moment die Kontrolle über sich verloren habe. Die Richter gehen daher von einer verminderten Steuerungsfähigkeit zum Tatzeitpunkt aus, von einer psychischen Ausnahmesituation. "Sie sind nicht der typische Verbrecher, die man am Landgericht sonst so oft hat", sagt Pesch.

Armin B. nimmt all das regungslos hin, wie versteinert sitzt er auf der Anklagebank und schaut zu den Richtern auf. Die letzten Worte gelten schließlich nicht ihm, sondern der abwesenden Sonja A.: "Ich hoffe, dass es die Nebenklägerin irgendwann schafft, von dieser Sache Abstand zu gewinnen", sagt Richter Pesch zum Anwalt der Frau. "Grüßen Sie schön und wünschen ihr alles Gute."



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