Somalier in Hamburg Der gestrandete Pirat

Ein minderjähriger Somalier wird in Hamburg wegen Piraterie verurteilt. Er verbüßt eine Jugendstrafe, lernt Deutsch, schließt die Hauptschule ab. Nach sechs Jahren fühlt er sich als Hamburger - dennoch soll er abgeschoben werden.

Somalische Piraten werden von der niederländischen Marine abgeführt (Archivbild vom April 2010)
DPA

Somalische Piraten werden von der niederländischen Marine abgeführt (Archivbild vom April 2010)

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Abdiwali hat versucht, es sich gemütlich zu machen. In seinem Zimmer steht ein schneeweißes Bett aus glänzendem Kunststoff, dazu passend eine TV-Bank mit einem Fernseher, der sich wie ein schwarzes Loch im Raum auftut.

Seit einem halben Jahr wohnt der junge Somalier in einem Flüchtlingsheim im Westen Hamburgs. Obwohl er strenggenommen gar kein Flüchtling ist. Denn Abdiwali wurde zwangsweise in die Hansestadt gebracht. Damit man ihm den Prozess machen konnte.

Abdiwali ist einer von zehn Piraten, die 2010 vor der somalischen Küste das Containerschiff "MS Taipan" kaperten. Schwer bewaffnet, mit dem Ziel, die Besatzung in Geiselhaft zu nehmen und Lösegeld zu erpressen. Doch Soldaten der niederländischen Marine überwältigten die Seeräuber, nahmen sie fest und brachten sie nach Amsterdam.

Weil das Schiff unter deutscher Flagge fuhr, wurden die Piraten kurz darauf nach Deutschland überführt und in Hamburg vor Gericht gestellt. Ein ungewöhnlicher Vorgang, der einen außergewöhnlichen Prozess nach sich zog - und Abdiwali eine zweijährige Haftstrafe einbrachte, wegen Angriffs auf den Seeverkehr und erpresserischen Menschenraubs. Eine Jugendstrafe, die er in Untersuchungshaft absaß. Vier bis fünfeinhalb Jahre hatte die Anklage gefordert - es hätte schlimmer kommen können für Abdiwali.

Jetzt sitzt er auf der Bettkante im Flüchtlingsheim, er trägt ein elegant schimmerndes graues Oberhemd zur schwarzen Biker-Jacke, auf dem Kopf ein Basecap. "Es ist seltsam, im Flüchtlingsheim zu leben. Ich bin jetzt sechs Jahre in Deutschland, spreche die Sprache, ich fühle mich hier zu Hause, wie ein richtiger Hamburger eben", sagt er.

"Das ist nicht in Ordnung, da gehört der Junge nicht hin", meint der Gewerkschafter und Ex-Kapitän Jan Kahmann, der fast alle 105 Sitzungen des Piratenprozesses verfolgt und ein Buch darüber verfasst hat. Kahmann war stets überzeugt von der Richtigkeit des Verfahrens in Hamburg, auch das Strafmaß und den Umgang mit den jugendlichen Angeklagten bezeichnet er als fair. Die ausbleibende Resozialisierung des Angeklagten, der sich im Prozess immer kooperativ und bemüht gezeigt habe, ärgert ihn jedoch.

2012 hat Abdiwali seinen Hauptschulabschluss gemacht. Zunächst wohnte er noch in einer eigenen Wohnung, als der Mietvertrag geändert wurde, musste er dort raus. Abdiwali ist in Deutschland nur geduldet, seine Abschiebung ist aufgeschoben. Inzwischen hat er eine Arbeitserlaubnis, aber als Jugendstraftäter Schwierigkeiten, einen Job zu finden: Laut eigener Aussage hat er im vergangenen Jahr 37 Bewerbungen auf ein Praktikum oder einen Ausbildungsplatz geschrieben, im laufenden waren es 43.

Zwei Jahre habe er im Gefängnis verbracht, "ein gutes Gefängnis, ohne Frage", jetzt würde Abdiwali aber gern neu anfangen. "Wie kann ich glaubhaft machen, dass ich mich verändert habe?", fragt er. "Dass ich ein anderer Mensch geworden bin?"

Natürlich sei er dankbar für die Unterstützung vom Amt. "Aber ich möchte selbst Geld verdienen, am liebsten als Straßenbauer", sagt er. Seine Frau sitzt gegenüber auf dem einzigen Stuhl im Raum und nickt heftig. Sie lebt eigentlich in Bremen und ist gerade zu Besuch. Vor acht Monaten haben die beiden geheiratet, sie ist ebenfalls aus Somalia. "Ich habe jetzt mehr Verantwortung", sagt Abdiwali.

Abdiwali mit Ehefrau im Flüchtlingsheim
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Abdiwali mit Ehefrau im Flüchtlingsheim

Skrupellos schossen seine Komplizen mit Kalaschnikows und einem Granatwerfer auf die "MS Taipan". Die Besatzung überstand den Angriff wohl nur deshalb unbeschadet, weil sie sich rechtzeitig in einem Schutzraum an Bord verbarrikadierte. Jung sei er gewesen, sagt Abdiwali. Aber auch ahnungslos?

"Ich habe das sehr bereut", sagt er, der im Prozess eine Tatbeteiligung eingeräumt hatte. "Ich habe den Kapitän des Schiffes um Verzeihung gebeten, und er hat gesagt, wenn es nach ihm ginge, wäre ich frei." Es ging aber nicht nach Dierk Eggers, dem Kapitän der "Taipan".

Laut § 3 des Asylgesetzes wird ein Ausländer nicht als Flüchtling anerkannt, wenn er vor seiner Aufnahme "eine schwere nichtpolitische Straftat außerhalb des Bundesgebiets begangen hat, insbesondere eine grausame Handlung". Ein Angriff auf den Seeverkehr und erpresserischer Menschenraub sind schwere Verbrechen. Zum Tatzeitpunkt war Abdiwali 17, vielleicht 16. Abdiwali selbst sagt, er sei 1994 geboren. Nachweise dafür gibt es nicht.

Fest steht: Zum Tatzeitpunkt war er minderjährig, er war arm und mit Piraterie war viel Geld zu verdienen. Millionen für die Drahtzieher, ein paar hundert Dollar für Abdiwali.

"Er hat sich in all den Jahren in Deutschland nichts zuschulden kommen lassen", sagt sein Hamburger Anwalt Björn Stehn. "Er hat Deutsch gelernt, seinen Hauptschulabschluss gemacht, all seine Chancen genutzt." Gerade den drei jüngsten Angeklagten im Piratenprozess sei es erstaunlich gut gelungen, sich zu integrieren. "Das lässt darauf schließen, dass die Tat nicht Folge einer besonders großen kriminellen Energie war, sondern tatsächlich aus der Not geboren."

Die Behörden sehen das anders: Abdiwalis Asylantrag wurde als "offensichtlich unbegründet" abgelehnt, die Ausweisung aus Deutschland verfügt. Eine siebenjährige "Fernhaltungsfrist" sei "zum Schutz von Allgemeinheit und aus generalpräventiven Gründen erforderlich". Das bedeutet, dass Abdiwali mindestens sieben Jahre nach der Abschiebung nicht wieder ins Bundesgebiet einreisen sollte.

Der Somalier habe eine erhebliche kriminelle Energie bewiesen, heißt es in einem Bescheid der Hamburger Innenbehörde vom August 2015. Schon aus Abschreckungsgründen für andere kriminelle Ausländer müsse man ihn des Landes verweisen. Außerdem habe er gute Verbindungen zu seiner Familie in Somalia.

Letzteres stimmt so wohl nicht. Laut Abdiwali starben seine Eltern, als er vier Jahre alt war. Wie? "Ganz normal", sagt er. Was das bedeute, normal zu sterben in Somalia? "Meine Mutter war krank und mein Vater ist im Schlaf gestorben. Was genau sie hatten, weiß ich nicht, bei uns gab es keine Ärzte." Von elf Geschwistern seien sechs tot. Mit drei der Verbliebenen telefoniere er ab und zu. Die Schwestern sind verheiratet, einer der Brüder ist Fischer, wie er selbst auch einmal, vor sehr langer Zeit.

"Für mich ist Somalia inzwischen eine andere Welt. Zu meiner Zeit herrschte das totale Chaos. Die Korruption, die Milizen, ständig Angst, ständig unter Druck." Am schlimmsten habe sich die radikalislamistische Al-Schabab-Miliz gebärdet. "Ich habe gesehen, wie sie Leute ermordet haben, jeden Freitag wurden Menschen öffentlich getötet, weil sie ein Handy geklaut oder jemanden vergewaltigt hatten. Da wurde Gericht gehalten, es gab immer sehr viele Schaulustige."

Die Terrormiliz Al-Schabab hat Verbindungen zu Al-Qaida und will am Horn von Afrika einen Gottesstaat errichten. Immer wieder verübt sie in Somalia Terroranschläge mit vielen Toten und Verletzen. Wo Al-Schabab den Staat ersetzt, hat sie in der Vergangenheit die Piraterie eingedämmt. Es gibt aber auch Verbindungen zwischen bestimmten Seeräuber-Clans und den Islamisten, da, wo Geld zu machen ist.

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Bei einer Rückkehr drohen Abdiwali mit hoher Wahrscheinlichkeit Racheakte sowohl von Seiten der Milizen als auch der Piraten. "Alle wissen von dem Prozess in Hamburg, dass ich über die Hintermänner ausgesagt und gestanden habe." Der junge Mann gehört dem Clan der Tumal an, einer Minderheit mit niedrigem gesellschaftlichen Status. Die Tumal seien "Knechte", die Mitgliedern höhergestellter Clans zu Diensten sein müssten, sagt Abdiwali.

Derzeit gibt es keinen offiziellen Abschiebungsstopp, eine begleitete Rückführung nach Somalia sei aber aus "tatsächlichen" Gründen nicht möglich, heißt es in einem Schreiben der Hamburger Innenbehörde vom Januar 2016. "Tatsächliche Gründe" sind praktischer Natur - häufig hat der Geduldete keinen somalischen Pass mehr oder es gibt keine direkten Verkehrswege in die Abschieberegion.

"Unbegleitete Rückführungen" könnten allerdings grundsätzlich durchgeführt werden, so die Behörde. Die Bundesregierung beziffert die Zahl der im ersten Halbjahr 2016 auf dem Luftweg abgeschobenen Somalier auf 72. Ob diese allerdings nach Somalia oder in Drittländer abgeschoben wurden, konnte beim Bundesamt für Migration auf Nachfrage niemand sagen.

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"Ohne familiären Rückhalt und ein funktionierendes Netzwerk ist es sehr schwer, in Somalia zu überleben", sagt Katrin Jullien, die in Somalia Hilfsprojekte der Diakonie Katastrophenhilfe betreut. "Die Clans sind weiter das gesellschaftsordnende Muster." Zwar habe sich die Situation in Mogadischu in den vergangenen zwei Jahren mit der Übergangsregierung leidlich stabilisiert. Teile der somalischen Diaspora würden sogar nach Hause zurückkehren. "Die Gefahr von Terroranschlägen, vor allem in der Nähe von Regierungsgebäuden, ist aber weiter hoch." Noch immer gebe es extrem viele Waffen im Land, "Gewalt ist für viele das einzige Mittel der Auseinandersetzung, das sie kennen".

"Amnesty International" hat Abschiebungsversuche der niederländischen und anderer nordeuropäischer Regierungen 2014 scharf kritisiert. Somalier in von Al-Schabab kontrollierte Gebiete zurückzuschicken, sei "gefährlich, unverantwortlich und ein Verstoß gegen internationales Recht".

Das Verwaltungsgericht Hamburg konnte dennoch keine "zielstaatsbezogenen Abschiebungshindernisse" für Abdiwali erkennen. Derzeit läuft das Berufungsverfahren gegen die Ausweisungsverfügung vor dem Oberverwaltungsgericht. Beim Bundesverfassungsgericht hat Abdiwalis Anwalt Klage eingereicht in Sachen Asylverfahren.

Alle drei Monate muss der Hamburger Pirat seine Duldung verlängern. Die Enge, der Krach und die Unruhe im Flüchtlingsheim zerren an seinen Nerven. Er hat inzwischen einen Job gefunden und versteht nicht, dass er keinen Aufenthaltsstatus bekommt. "Die Deutschen haben mich doch hierhergeholt", sagt er. "Ich habe meine Strafe abgesessen, ich habe bereut und dann bin ich ein anderer Mensch geworden. Warum darf ich kein neues Leben beginnen?" Eine Grundfrage der Resozialisierung, möchte man meinen. "Er muss Geduld haben", sagt sein Anwalt.

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