In Hamburg verschwundener Schotte Er ist irgendwo da draußen

Der Schotte Liam Colgan ist nach einem Junggesellenabschied in Hamburg verschwunden. Sein Bruder, ein Polizist, fühlt sich verantwortlich - und sucht verzweifelt nach dem 29-Jährigen.

Lucie Blackman Trust/ CCTV

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Eine kalte Februarnacht in Hamburg, gegen 2.30 Uhr, ein Fußweg zwischen Elbe und Michel. Der Mann in Jeans und dunkler Jacke wankt, fällt hin, geht weiter. Versucht ein Verlagsgebäude zu betreten, über einen Nebeneingang, über die Feuerwehrleiter. So schildert es später ein Zeuge, der ihm aufhalf. So zeigen es die Bilder von Überwachungskameras.

Die grobkörnigen Aufnahmen sind das letzte gesicherte Lebenszeichen des jungen Mannes. Liam Colgan, 29 Jahre alt, Postbote und Musiker aus Schottland, feierte in der Nacht des 10. Februar auf der Reeperbahn den Junggesellenabschied seines älteren Bruders. Liam hatte den Trip organisiert, er war der Trauzeuge.

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Verzweifelte Suche nach dem Bruder: "Ich fühle mich verantwortlich"

Etwa um 1.30 Uhr verließ er die Feier und ist seitdem verschwunden. Was wollte er bei dem Bürogebäude? Das Verlagshaus liegt auf dem Weg von der Reeperbahn zum Hostel der Gruppe. "Vielleicht dachte er, das ist ein Hotel", sagt Eamonn Colgan. Er steht jetzt genau dort, wo die Kameras seinen Bruder filmten. Er ist in Hamburg, mal wieder.

Colgan ist selbst Polizist und hat schon in Vermisstenfällen ermittelt. "Doch so einen langen Fall hatte ich noch nie", sagt er. Jetzt ist er persönlich betroffen, will den Fall mit aller Macht aufklären. Ein Fall, der Hunderte Menschen so berührt hat, dass sie sich auf die Suche nach einem Fremden machen. Und der trotzdem, auch fünf Wochen später, ungelöst ist.

Am Mittwochmorgen steigt Melanie Paika in einen Bus in Hamburg, dann in die S-Bahn, isst Snickers und Cola zum Frühstück, nimmt einen zweiten Bus. Um halb neun ist sie endlich angekommen: In Harsefeld, einer Gemeinde im Landkreis Stade in Niedersachsen. Hier soll Liam Colgan am Vortag gesehen worden sein, wie er die Hauptstraße entlanglief.

Paika, 42, reißt ein Stück Tape von der Rolle. "Tesa hält bei der Kälte nicht", sagt sie. Dann nimmt sie einen Flyer und klebt ihn an einen Laternenmast. "Missing", "Vermisst" und "Liam" steht in großen Lettern auf dem Zettel; ein Foto von Liam ist darauf, er lächelt.

Melanie Paika hat aufgehört zu zählen, wie oft sie schon nach dem Vermissten gesucht hat. Bei minus zehn Grad stand sie vor dem HSV-Stadion und verteilte Flyer. Einmal war die Apothekerin 13 Stunden am Stück unterwegs, wie sie erzählt, bei klirrender Kälte. Bei einer Gemeinde, beim FC St. Pauli, überall fragte sie nach Liam, verteilte Handzettel, bat um Unterstützung.

Melanie Paika hilft bei der Suche nach Liam
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Melanie Paika hilft bei der Suche nach Liam

Warum sucht sie einen Mann, den sie noch nie gesehen hat? Liam verschwand in ihrer Nachbarschaft, das geht ihr nahe. "Der Fall lässt mich einfach nicht los", sagt sie.

So wie ihr geht es vielen anderen, bei Facebook gibt es eine Seite für die Suche, 24.000 Nutzer sind dabei; in einer Gruppe der Chat-App Telegram koordinierten sich mehr als 400 Helfer. Manche trafen sich in der Mittagspause, um Flyer zu verteilen.

Sie brachten die Post dazu, 300.000 Handzettel mit Liams Gesicht in Hamburger Briefkästen zu werfen. "In dieser Größenordnung hat es so etwas in Hamburg noch nicht gegeben", sagte ein Konzernsprecher dem "Abendblatt".

Es liegt wohl auch an den Freiwilligen, dass Eamonn Colgan noch nicht aufgegeben hat. Drei der vergangenen vier Wochen verbrachte er in Hamburg. Weit weg von seiner Verlobten und den beiden Töchtern in Schottland. "Das Auf und Ab ist das Schwerste", sagt er.

"War es eine schwere Entscheidung?"

Am Schlimmsten war es, als er zum ersten Mal aus Hamburg zurück nach Schottland flog, ein paar Tage nach Liams Verschwinden. Reporter empfingen ihn schon am Flughafen, hielten ihm die Mikros ins Gesicht. "War es eine schwere Entscheidung?" wollten sie wissen.

Natürlich war es das, Colgan wurde "sehr emotional", wie er es nennt, die Reporter bekamen die Tränen, die sie sehen wollten. Einen Tag hielt er es zu Hause aus. Setzte sich mit seiner Familie hin, besprach, wie es weitergehen sollte. Dann stieg er wieder in den Flieger nach Hamburg - und erfuhr, dass sein Bruder gesehen worden sein soll.

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Verzweifelte Suche nach dem Bruder: "Ich fühle mich verantwortlich"

Zwei Verkäuferinnen einer Bäckerei in Buxtehude erzählten, dass morgens ein Mann in dem Laden auftauchte. Verwirrt habe er gewirkt und nur Englisch gesprochen. Eine der Frauen habe kurze Zeit später die Zeitung aufgeschlagen - und Liams Gesicht wiedererkannt. Später schlug ein Suchhund der Polizei tatsächlich in der Gegend an.

Nach Darstellung der Zeuginnen war Liam am Mittwochmorgen in der Bäckerei, also vier Tage nach seinem Verschwinden. Eamonn Colgan schöpfte neue Hoffnung. Er fuhr nach Buxtehude, sprach mit den Frauen. "Das hat mir wieder Kraft gegeben", sagt er heute, fast fünf Wochen später.

Die Aussagen der Bäckerei-Verkäuferinnen und das Überwachungsvideo sind die konkretesten Spuren. Doch sie führten nicht zum Erfolg, genauso wenig wie die übrigen Hinweise, Dutzende sind es laut Hamburger Polizei.

Immer wieder meldeten sich Leute, die Liam gesehen haben wollen. In Eamonn Colgan keimte jedes Mal neue Hoffnung auf - und jedes Mal wurde er enttäuscht. Doch er kann nicht anders: "Es ist schwer, nach einem Hinweis nicht optimistisch zu sein", sagt er. Er glaubt, dass sein Bruder noch irgendwo da draußen ist.

Suchplakat für Liam Colgan in Hamburg
imago/ Manngold

Suchplakat für Liam Colgan in Hamburg

Warum Liam verschwand, darüber gibt es viele Theorien. Colgan glaubt, dass er sich verletzt habe, vielleicht an einer Amnesie leide und deswegen orientierungslos herumfahre.

Für Eamonn Colgan ist sein Bruder am Leben, bis das Gegenteil bewiesen ist. "Manche würden das wohl für dümmlichen Optimismus halten", sagt er, "aber ich fühle mich verantwortlich." Liam sei wegen ihm in Hamburg gewesen, deswegen müsse er alles tun, um ihn zu finden.

Die Hochzeit hat er vorerst abgesagt. "Niemand von uns war in der Stimmung", sagt er. Doch spätestens Ende des Jahres will er seine Verlobte heiraten. Mit Liam als seinem Trauzeugen.



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