Tod eines Jungen im Supermarkt Plötzlich war Jonathan ganz still

Ein kleiner Junge erstarrt an der Kasse eines Hamburger Supermarkts und stirbt - wahrscheinlich an den Folgen eines Stromschlags. Werden die Ladenbetreiber dafür verurteilt werden?

Angeklagter vor Gericht
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Angeklagter vor Gericht

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"Ganz normal", sagt Josef D.* Ganz normal sei er an dem Tag zur Arbeit gegangen. Ganz normal habe er seine Kinder danach mitgenommen. Ganz normal seien sie einkaufen gegangen.

"Ganz normal", zwei Wörter, die der 37-Jährige vor Gericht wie ein Mantra wiederholt, um einen Tag zu schildern, der seinem Leben die Normalität nahm.

Es geht um den 31. Mai 2016, an dem sein vierjähriger Sohn an der Kasse eines Supermarkts im Hamburger Stadtteil Harburg an ein Geländer griff und erstarrte. Einen Tag später war Jonathan tot.

Jetzt hat der Prozess am Harburger Amtsgericht begonnen. Den Supermarktbetreibern, einem 44-Jährigen und seiner 48 Jahre alten Schwester, wird fahrlässige Tötung vorgeworfen. Ihnen drohen mehrjährige Haftstrafen. Die Stromleitung für einen Trafo wurde laut Anklage entweder von den Betreibern selbst oder von beauftragten Dritten unfachmännisch angebracht. Der Staatsanwalt spricht von einer "für Laien erkennbar dilettantischen Stromversorgung". Jonathan habe durch eine Berührung den Stromkreis geschlossen und in der Folge einen Herzstillstand erlitten.

Die Angeklagten äußern sich nicht. Der Anwalt des Mannes deutet zu Beginn an, dass er einen Freispruch anstrebe. Er sagt, die Angeklagten seien bedroht worden, und betont, dass sie versucht hätten, Kontakt zu Jonathans Eltern aufzunehmen. Er sagt: "Die Trauer wird die Atmosphäre in diesem Gerichtssaal prägen."

Als Josef D. Platz nimmt, kriegt die Trauer ein Gesicht. Er sitzt aufrecht und erzählt, was aus seiner Sicht am 31. Mai 2016 geschah.

Nach der Arbeit sei er mit seinen Söhnen in jenen Supermarkt gegangen. Er habe den Laden zwei-, dreimal im Jahr besucht, vor allem, um Reis und schwarzen Tee zu holen. Sein jüngerer Sohn habe im Kindersitz des Einkaufswagens gesessen, Jonathan auf der Ablage für Getränkekisten gestanden. Sie seien an der Kasse angekommen, und Josef D. habe begonnen, die Waren aufs Band zu legen.

"Papa, kann ich nach vorne kommen?", habe Jonathan ihn gefragt, und Josef D. habe "Ja" gesagt. Doch dann sei Jonathan ganz still gewesen. Als Josef D. nach seinem Sohn schaute, habe dieser sich mit einer Hand an einem Metallgeländer festgehalten, sein Kopf in schräger Position auf dem Arm abgelegt, die Augen weit geöffnet.

Das letzte Mal, dass Jonathan geatmet habe

Josef D. habe selbst ans Geländer gefasst und "Ameisen" gespürt, wie bei einem Stromschlag. "Mit Kraft" habe er seinen Sohn vom Geländer weggerissen. "Jonathan, Jonathan", habe er wiederholt: "Kein Ton." Josef D. macht eine Pause, sein Kopf knickt kurz ein, und von den Zuhörerbänken erklingt leises Weinen.

Im Supermarkt habe zuerst niemand geholfen. Dann habe sich ein Mann als Arzt vorgestellt, Jonathan in die stabile Seitenlage gebracht und den Krankenwagen gerufen. "Ich war schockiert", sagt Josef D., "ich wusste nicht, was ich machen soll."

Josef D. sind die Details erkennbar wichtig, mehrfach steht er auf, um Jonathans Lage vor der Kasse nachzustellen, zeigt die erstarrten Gesten seines Sohnes, imitiert ein Röcheln und sagt, es sei vielleicht das letzte Mal gewesen, dass Jonathan geatmet habe.

Nach der Schilderung des Vaters sagt Jonathans frühere Kinderärztin aus. Jonathan sei "ein völlig unauffälliger Junge" gewesen, "der sich normal entwickelt hat". Der Rechtsmediziner, der die Obduktion durchgeführt hat, legt detailliert dar, dass nach einer Bandbreite von Untersuchungen "bei diesem Kind keine alternative Todesursache" festgestellt worden sei; ein Stromunfall sei plausibel, obgleich man gewisse seltene Herzerkrankungen nie absolut ausschließen könne.

Noch während Josef D. aussagt, fragt der Rechtsmediziner ihn, ob es Situationen in den ersten Lebensjahren von Jonathan gegeben habe, in denen er nicht ansprechbar gewesen sei, nicht wach. "Im Gegenteil", antwortet Josef D., "er hat uns immer wachgehalten." Es ist der einzige Augenblick, in dem ein kurzes Lachen durch den Saal hallt.

*Name geändert



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