Prozess um Hamburger Todesfahrer: Die Trauer der Söhne

Von Jochen Brenner

Vor einem Jahr verloren Wanja, Woody und Jona Mues ihre Eltern. Ein berauschter Fiat-Fahrer raste mit über hundert auf eine Hamburger Kreuzung, Sibylle und Dietmar Mues hatten keine Chance, zwei weitere Passanten starben. Vor Gericht trafen die Brüder nun auf den Fahrer.

Unfall in Hamburg: Der Auftritt von Wanja, Woody und Jona Mues Fotos
DPA

Hamburg - Wenn sie geschrien hätten, geflucht und randaliert, wer hätte es ihnen verdenken können? Der Mann, der zusammengesunken in Saal 237 des Hamburger Landgerichts auf der Anklagebank saß, hatte vor einem Jahr mit seinem Fiat Punto ihren Vater und ihre Mutter totgefahren. Noch im Krankenhaus stellten die Ärzte Drogenrückstände in seinem Blut fest, seit Jahren litt er an Epilepsie. Wanja, Woody und Jona Mues aber blickten den Fotografen auf dem Gerichtsflur ruhig in die Objektive, ernst, traurig, gefasst und ganz bei sich. Ein paar Meter trennten sie von Caesar S., dem Unglücksfahrer.

Die drei Männer waren nicht gekommen, um den Schuldigen zu sehen, der ihnen die Eltern genommen hatte. Sie setzten sich wortlos auf ihre Plätze mitten im Gerichtssaal, drei Brüder, wie sie verschiedener nicht sein könnten. Im dunklen Anzug Wanja, der Fernsehstar, Jona, mit Mütze, am Koblenzer Theater engagiert, und Woody, dem toten Vater am ähnlichsten, seine Karriere beginnt gerade erst. Ihr Schweigen erfüllte den Gerichtssaal. Es übertönte die Stimme von Richterin und Staatsanwältin, fast schien es, als sprächen die Zeugen unter den Augen der Mues-Brüder mit besonderer Vorsicht über das Unglück, das sich am 12. März 2011 gegen Nachmittag in Hamburg-Eppendorf ereignete.

Es war ein metallener Knall, der die Menschen im Viertel gegen 16 Uhr erschütterte. Ein Fiat Punto schoss mit 105 Kilometern pro Stunde bei Rot in die Gegenspur einer vielbefahrenen Kreuzung und rammte einen Golf Cabrio am Heck. Durch den Stoß flog der Fiat auf einen Kinderwagen zu, riss Parkbänke aus der Verankerung, der Wagen schleuderte über den Gehweg in eine Gruppe von Wartenden. Ein junger Vater hatte gerade sein Kind aus dem Wagen gehoben, der Kinderwagen wurde zerdrückt, das Baby im Arm verschont. Der Fahrer stieg fast unversehrt aus seinem Wagen.

Ein "freundlicher Chaot"

Der Schauspieler Dietmar Mues, seine Frau Sibylle und der Sozialforscher Günter Amendt sterben; die Künstlerin Angela Kurrer überlebt im Universitätsklinikum Eppendorf eine Operation nicht, die sie retten soll. Vier Menschen werden verletzt.

Der Fahrer des Unfallwagens ist schnell identifiziert. Caesar S. ist 39, Immobilienkaufmann, Freunde beschreiben ihn im "Stern" als "freundlichen Chaoten", der Fußball liebt, Musik machte und mit seiner Freundin in Eppendorf zusammenlebt.

Die Drogenrückstände in seinem Blut legen den Verdacht nahe, dass Caesar S. regelmäßig Haschisch rauchte. Dreimal schon hatte er seit 2004 einen Unfall, woraufhin die Polizei ihm 2008 den Führerschein abnahm. Später erzählt er, erst durch diese Unfälle habe er bemerkt, dass er Epileptiker sei, bei der Polizei bestreitet er dies. Und so erhält er seine Fahrerlaubnis wieder zurück.

Vor Gericht schweigt S. jetzt, Anwälte raten zu dieser Taktik, wenn eigene Aussagen den Mandanten nur noch weiter belasten könnten. Er sitzt mit seinem Anwalt den Mues-Brüdern gegenüber, fixiert über Stunden einen Punkt im Gerichtssaal. Im Abstand weniger Sekunden schließt er für einen Moment die Augen, öffnet sie langsam wieder, das Zeitlupenblinzeln wird er den ganzen Tag nicht ablegen.

Was hätte Caesar S. wissen müssen?

Die Anklage wirft ihm fahrlässige Tötung, Körperverletzung und Straßenverkehrsgefährdung vor. Im Kern geht es bei der Verhandlung nicht um die Rekonstruktion eines Unfalls mit komplizierten Schuldverhältnissen. Niemand bezweifelt, dass S. mit seinem Punto den Unfall verursacht hat. "Die Frage ist, ob es ein epileptischer Anfall war", sagte Gerichtssprecher Conrad Müller-Horn, "und ob er von einem möglichen Anfall hätte wissen können."

Bis die Hamburger Richter ein Urteil sprechen, werden Monate vergehen. Gutachter werden den Unfall im Detail rekonstruieren, Ärzte über Epilepsie und ihre Gefahr für den Straßenverkehr sprechen, Zeugen von ihrem Horror erzählen. Was in den Sekunden des Unfalls passiert war, lässt die, die dabei waren, nicht mehr los.

Es werde eine "umfangreiche Beweisaufnahme" geben, sagte Müller-Horn. Schon jetzt sind 28 Zeugen und vier Gutachter geladen. Am Ende werden sie entscheiden, ob Caesar S. seinen Anfall hätte voraussehen können. Bejahen die Richter dies am Ende, drohen ihm wegen fahrlässiger Tötung bis zu fünf Jahre Haft.

Bei einer Gedenkveranstaltung für seine Eltern trat Wanja Mues am Jahrestag des Unfalls vor zwei Wochen ans Rednerpult, er ist der Älteste, eine Art Sprecher der drei Brüder. "Die Sehnsucht nach ihnen bleibt", sagte er über Dietmar und Sibylle Mues, seine Eltern. "Doch wir sind es uns und ihnen schuldig, wieder Freude in unser Leben zu lassen."

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