Tötung von zweijähriger Tochter Die dunkle Welt des Sohail A.

Ein 34-Jähriger greift sich im Oktober 2017 ein Messer und tötet seine Tochter. Nun steht er wegen Mordes vor Gericht. Beim Prozessauftakt gesteht er die Tat - und ruft irritierende Sätze in den Gerichtssaal.

Sohail A.
Getty Images

Sohail A.

Von


Als der Angeklagte so laut schluchzt, dass man nur noch ihn hört, unterbricht Richter Stephan Sommer die Verhandlung. Presseleute, Richter und Staatsanwältin verlassen den Saal des Hamburger Schwurgerichts. Das Schluchzen des Sohail A. dringt nach draußen, hallt durch die Gänge, wird lauter, zu einem Klagen.

Erst nach einer halben Stunde kann die Verhandlung fortgesetzt werden. Doch Sohail A. hat sich noch nicht ganz beruhigt, ruft dazwischen. Sein Dolmetscher übersetzt: "Erschießen Sie mich, ich habe meine Tochter getötet."

Darum geht es in diesem Prozess - um einen Vater, dem der Mord an seiner Tochter vorgeworfen wird. Ein zweijähriges Mädchen.

Sohail A. hat laut Anklage am Nachmittag des 23. Oktober 2017 ein Messer genommen und Ayesha getötet. 20 Zentimeter sei die Klinge lang gewesen, liest die Staatsanwältin vor. A. habe damit die Halswirbelsäule seiner Tochter durchtrennt.

Fotostrecke

5  Bilder
Getötetes Mädchen: Der Fall Sohail A.

Die Polizisten fanden das Mädchen im Schlafzimmer des Mannes, die Zweijährige lag rücklings auf dem Bett des Vaters. Neben dem Kind lag die mutmaßliche Tatwaffe, ein herkömmliches Küchenmesser, daran die DNA-Spuren des Vaters und Blut des Kindes; im selben Raum fanden Ermittler die Milchflasche des Mädchens. Sie fanden Blutspuren auf dem Bett, dem Teppich, dem Lichtschalter zum Bad, im Badezimmer.

Das Verbrechen löste bundesweit Entsetzen aus. Der erste Tag des Prozesses gegen Sohail A. erlaubt einen Einblick in die Welt dieses Mannes.

Der 34-Jährige handelte laut Staatsanwaltschaft aus Wut auf seine Frau und um sich an ihr zu rächen. Lubna A. hatte sich demnach geweigert, eine Anzeige wegen Bedrohung und Körperverletzung zurückzunehmen, die sie zuvor gegen ihren Mann erstattet hatte. Außerdem soll sie nicht erlaubt haben, die gemeinsame Tochter Ayesha nach Pakistan zu bringen. Der Angeklagte und die Frau stammen aus dem Land.

"Alles um mich herum ist zusammengebrochen"

Gleich zu Beginn der Verhandlung legt der Angeklagte ein Geständnis ab. Sein Anwalt liest die kurze Erklärung vor. "Ich gestehe, meine Tochter getötet zu haben", heißt es darin. Er bedauere die Tat zutiefst. Ohne seine Tochter könne er nicht leben.

Doch aus Wut und Rache habe er nicht gehandelt. Sondern aus Verzweiflung, seine Lage sei ihm aussichtslos erschienen. "Alles um mich herum ist zusammengebrochen", liest sein Anwalt vor.

Die Erklärung zeigt, dass es in diesem Prozess nicht so sehr darum geht, ob Sohail A. der Täter ist. Sondern darum, warum er so handelte. War es Mord? Die Staatsanwaltschaft sagt ja - und führt Hass und Rache als Motive an. Also niedere Beweggründe.

Die Verteidigung versucht dagegen offenbar, Sohail A. als verzweifelten Mann darzustellen, der so handelte, weil er nicht weiter wusste - was für einen Totschlag sprechen würde.

Mehrmals ruft der Angeklagte "Papa, komm!" in den Saal

Sohail A. lässt zu der Erklärung keine Fragen zu. So ist unklar, woher seine Verzweiflung kommen soll. Erste Hinweise lieferte die Aussage eines Polizisten. Er hat Sohail A. Anfang November 2017 vernommen, wenige Tage nach seiner Rückkehr aus Spanien, wo man ihn festgenommen hatte.

Sohail A. habe ununterbrochen geschluchzt und den Beamten gebeten, ihn zum Grab seiner Tochter zu fahren. Mehrfach sagte A. dem Mann, er solle ihn erschießen und in das Grab neben die Tochter legen, wie der Polizist erzählt.

"Er sagte, dass er die Stimme seiner Tochter höre", sagt der Beamte vor Gericht, "'Papa, komm!' soll sie gesagt haben". "Papa komm!" - diesen Satz ruft der Angeklagte auch mehrfach in den Gerichtssaal.

Außerdem habe der 34-Jährige der Ausländerbehörde die Schuld an dem Mord gegeben, sagt der Polizist vor Gericht. Sie hätten seine Duldung immer nur um einen Tag verlängert und nicht erlaubt, dass er seine Tochter mit nach Pakistan nehme. Auch die Schwiegereltern seien schuld, weil sie ihm die Tochter nicht überlassen wollten. "Die Anderen sind die Mörder, nicht ich", sagte A. dem Beamten zufolge.

Geschichte der Gewalt

Deutlich wurde auch, dass A. nicht zum ersten Mal in den eigenen vier Wänden gewalttätig wurde. Mehrere Fälle häuslicher Gewalt zählt die Staatsanwältin auf, der Mann soll sie zwischen September 2016 und dem Tod des Mädchens im Oktober 2017 begangen haben.

Er würgte laut Anklage im September 2016 den fünfjährigen Sohn seiner Frau aus einer früheren Beziehung; wenige Wochen später schlug er Lubna A. sechsmal mit der Faust gegen den Rücken - "ohne erkennbaren Grund", so die Staatsanwältin.

Bei einem Streit im Februar 2017, in dem es laut Anklage ums Essen ging, drückte er mit seinem Daumen eine Minute lang gegen den Kehlkopf seiner Frau.

Anfang Oktober 2017 stellte er laut Staatsanwaltschaft seine Tochter auf den Herd, nahm ein Messer und hielt es ihr an den Hals. "Ich bringe Ayesha jetzt um", soll er zu Lubna A. gesagt haben. Erst als sich seine Frau für eine Aussage über die Schwester des Mannes entschuldigt hatte, ließ er laut Anklage von dem Mädchen ab. Er soll auch gedroht haben, seine Frau und ihren Sohn umzubringen, wie eine Polizeibeamtin aussagt.

"Da bleibt man eben in so einer Ehe"

Warum sagte sich Lubna A. nicht früher von diesem Mann los? Angela Mohrmann-Krützfeld vertritt Lubna A., die im Verfahren als Nebenklägerin auftritt. Es gehe ihrer Mandantin schlecht, die Sache laste auf ihr. Lubna A. sei traditionell eingestellt. "Da bleibt man eben in so einer Ehe", sagt Mohrmann-Krützfeld.

Es ist nicht so, dass Lubna A. eine Trennung nicht erwog. Das Jugendamt betreute die Familie, seit eine Kinderärztin im September 2017 meldete, dass es dort Gewalt gebe. Man legte Lubna A. nahe, in ein Frauenhaus zu gehen. Sie sah sich die Einrichtung an - und entschied sich dagegen.

Nach ihrer Anzeige im März 2017 wegen Bedrohung und Körperverletzung ordnete die Polizei an, Sohail A. dürfe die gemeinsame Wohnung zehn Tage nicht mehr betreten. Zwei Tage später nahm Lubna S. den 34-Jährigen wieder auf.

Lubna A. gelang es nicht, sich von Sohail A. zu trennen. Die Behörden scheiterten daran, den Mann abzuschieben. 2011 war er aus Pakistan nach Deutschland gekommen, sein Asylantrag wurde abgelehnt. Doch er konnte nicht abgeschoben werden, da er behauptete, keine Papiere zu besitzen.

Im Februar 2016 stellte Sohail A. einen Antrag auf Aufenthaltserlaubnis - auch der wurde abgelehnt. Sein Anwalt legte Widerspruch ein und erwirkte per Eilantrag, dass A. nicht abgeschoben werden kann. Das Verfahren zog sich vor dem Verwaltungsgericht hin. So blieb der Mann in Deutschland - und wurde seiner Tochter zum Verhängnis. Bei einer Verurteilung werde er wohl abgeschoben, vermutlich nach der Hälfte der Haftstrafe, sagt seine Anwältin.

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.