In Hamburg getötete Zweijährige Ein liebender, grausamer Vater

Auf brutale Weise tötete Sohail A. seine Tochter - obwohl er das Mädchen innig liebte, wie seine Frau vor Gericht sagt.

Sohail A. mit Dolmetscher vor Gericht
Ot Ibrahim/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Sohail A. mit Dolmetscher vor Gericht

Von


Fünf Stunden lang hört er regungslos zu, dann bricht Sohail A. in Tränen aus. Sein monotones Schluchzen erfüllt Saal 378 im Hamburger Landgericht. Immer wieder klopft sich der 34-Jährige mit der Faust auf die Brust, sackt langsam zusammen und liegt schließlich gekrümmt auf dem Boden.

In seiner Muttersprache Punjabi, so übersetzt es der Dolmetscher, ruft er: "Ich habe meine Tochter umgebracht!"

A. war schon beim Prozessauftakt am Mittwoch zusammengebrochen, als es um den Hauptanklagepunkt ging: Der Familienvater soll seine eigene Tochter, die zweijährige Ayesha, mit einem Küchenmesser regelrecht enthauptet haben. Der Angeklagte hat die Tat eingeräumt, vor der Großen Strafkammer 21 geht es nun vor allem um eine Frage. Warum?

"Ich war sehr glücklich mit ihm"

Bei der Suche nach einer Antwort soll vor allem jene Frau helfen, deren Aussage Sohail A. an diesem Tag zusammenbrechen lässt: Lubna A., die Mutter des getöteten Kindes. Die 33-Jährige, dunkle Kleidung, dunkles Haar, sitzt in einem anderen Gerichtssaal und wird über ein Livevideo dazu geschaltet - sie soll den mutmaßlichen Mörder ihrer Tochter nicht persönlich treffen müssen.

Ihre Aussage ist die Rekonstruktion einer arrangierten, fatal gescheiterten Ehe. Vor der Hochzeit nach pakistanischem Brauch hatten sich die beiden nur einmal gesehen, aber nicht gesprochen. 2014 die Verlobung, fünf Monate später die Heirat. "Ich wollte es nicht", sagt Lubna A.

Die Ehe begann harmonisch. "Am Anfang war er sehr gut und ich war sehr glücklich mit ihm", sagt Lubna A. - doch das habe sich bald geändert: "Nachdem ich schwanger wurde, hat er urplötzlich angefangen, mich zu beschimpfen und meine Familie zu beleidigen." Immer häufiger habe er getobt, sie angeschrien oder geohrfeigt. "Was ist passiert?", habe sie ihn gefragt, "warum gehst du mit mir so krass um?"

Fotostrecke

5  Bilder
Getötetes Mädchen: Der Fall Sohail A.

Noch stärker betroffen war ihr Sohn aus erster Ehe. Sohail A. sei davon überzeugt gewesen, den Jungen mit Härte erziehen zu müssen. Das Spielen habe er dem Kind verboten, sogar das Sprechen. "Am liebsten wollte er, dass er auf dem Sofa sitzt und nichts macht", sagt die Mutter. Sie habe widersprochen, ein kleines Kind müsse auch spielen, über diese Frage sei häufig Streit ausgebrochen.

Mit offenbar drastischen Folgen. Lubna A. schildert ausführlich

  • wie ihr Mann einmal den Sohn vor ihren Augen gewürgt habe: "Er hat ihn nur benutzt, um mich zu bestrafen."
  • wie Sohail A. ihr ein halbes Dutzend Faustschläge gegen den Rücken versetzt habe: "Er bot mir danach hundert Euro an, damit ich niemandem davon erzähle."
  • wie er ihr im Schlafzimmer eine Minute lang den Hals zugedrückt habe: "Ich sah im Spiegel, dass ich völlig blau im Gesicht war."
  • wie er sie im Wohnungsflur mit einem Messer bedroht habe - mit den Worten: "Bleib ruhig, sonst steche ich dir in den Bauch."
  • wie er nach einem Streit ihre komplette Verwandtschaft bedroht habe: "Ich bringe deine ganze Familie um!"

Woher kam diese Brutalität, dieser Hass? Ihr Ehemann, sagt Lubna A., habe einmal gesagt: "Mach mich nicht wütend - weil wenn ich wütend bin, weiß ich nicht, was ich mache." Es klingt wie eine Schuldzuweisung - als trage seine Frau die Verantwortung für seine Gewaltausbrüche.

Er holte noch eine Puppe aus der Kita

Lubna A. erzählt all das nüchtern und gefasst, ohne ins Stocken zu kommen. Obwohl sie Schlafmittel, Antipsychotika und Mittel gegen starke Depressionen nimmt, beantwortet sie die unzähligen Fragen von Richter Stephan Sommer detailliert. Immer wieder muss Sommer sie ausbremsen, ihr ins Wort fallen, mehrmals ruft er: "Stopp, stopp, stopp!" Es wirkt fast so, als wolle Lubna A. ihre Leidensgeschichte in einem gigantischen Kraftakt berichten - und sich so von Sohail A. lossagen.

Womöglich liegt das auch daran, dass sie mit der Beziehung zu ihrem Mann offenbar abgeschlossen hat. "Er hat mich geheiratet, um ein Aufenthaltsrecht zu bekommen", sagt sie. "Diese Ehe hatte nur einen Zweck für ihn, und das Kind interessierte ihn nicht." Irgendwann habe sie ihren Mann angezeigt und sei zur Ausländerbehörde gegangen, um die Abschiebung ihres Mannes zu empfehlen. Wenig später eskalierte die Situation vollends.

Am 23. Oktober 2017 habe ihr Mann ein Ultimatum gestellt, sagt Lubna A.: Entweder ziehe sie die Anzeige zurück, oder sie lasse ihn mit der kleinen Ayesha in sein Heimatland Pakistan gehen. Nach anfänglicher Wut habe ihr Mann sich wieder beruhigt: Er habe für Ayesha eine Puppe aus dem Kindergarten abgeholt und noch einmal mit der Familie zu Mittag gegessen.

Sie sei dann ohne Ayesha zu ihren Eltern gefahren, sagt Lubna A., um sich Rat zu holen. Immer wieder habe Sohail A. in den folgenden Stunden telefonisch eine Entscheidung seiner Frau gefordert - bis er irgendwann sein Handy ausgeschaltet habe. Am Abend habe sie sich große Sorgen gemacht, sei zur Polizei gegangen - und mit einigen Beamten zur Wohnung gefahren. Sohail A. war da offenbar bereits auf der Flucht. Und seine Tochter tot.

Nie zuvor habe er dem Mädchen etwas angetan, sie weder bedroht noch verletzt. "Er hat mit seiner Tochter einen liebevollen Umgang gehabt", sagt die Mutter. "Er hat sie sehr, sehr geliebt."

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.