Kindesmisshandlung in Hamburg Bier, Schlag gegen den Kopf, nächstes Bier

Sascha K. schlug sein Baby Jamie-Dean so heftig, dass der Junge schwerstbehindert bleiben wird. Nun steht der 27-jährige Vater vor Gericht. Dort könnte ihm ein schweres Wiedersehen bevorstehen.

Sascha K. (l.) neben seinem Anwalt Peter Jacobi: "Erschrocken über sich selbst"
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Sascha K. (l.) neben seinem Anwalt Peter Jacobi: "Erschrocken über sich selbst"


Bevor Jamie-Dean sein Gehör verlor, sein Augenlicht, seine Gesundheit und fast sein Leben, gaben seine Eltern in ihrer Wohnung in Hamburg-Finkenwerder eine Feier. Eine Feier mit viel Alkohol und zwei Gästen: Jamie-Deans Vater und Jamie-Deans Mutter. Sie tranken Bier aus 0,5-Liter-Dosen, den Lakritzlikör Dirty Harry und einen Mix aus Cola und Jack Daniels. Jamie-Dean, drei Monate alt, lag in einer Wippe, später in seinem Bettchen. Weitere Personen feierten nicht mit.

Die Feier endete damit, dass Rettungskräfte Jamie-Dean auf einem Bett in der Wohnung mit einer Herzdruckmassage und Maskenbeatmung wiederbelebten und ins Krankenhaus brachten, er schwebte in Lebensgefahr, wurde in eine tiefe Narkose versetzt. Jamie-Dean ist seither schwerstbehindert: Teile seines Großhirns wurden zerstört, er bleibt blind und taub, kann nicht mehr allein schlucken, hat eine kurze Lebenserwartung und lebt in einem Pflegeheim.

Sechs Monate nach der Tragödie steht Jamie-Deans Vater Sascha K., 27, vor Gericht: Er ist angeklagt wegen gefährlicher und schwerer Körperverletzung, Misshandlung von Schutzbefohlenen sowie Verletzung der Fürsorge- oder Erziehungspflicht. Er soll nach Ansicht der Staatsanwaltschaft den Säugling gepackt, geschlagen, geschüttelt haben.

Das Wort "Feier" stammt von Sascha K. Er hat es in seiner Vernehmung vor dem Haftrichter verwendet. Der Vorsitzende Richter Ulrich Weißmann greift es in Saal 138 des Landgerichts Hamburg auf, als er aus der Befragung zitiert: "Unsere Feier fand im Wohnzimmer statt." An alle Details könne sich Sascha K. nicht mehr erinnern. Nur, dass er zwei- oder dreimal zum Kiosk gegangen sei, Nachschub besorgt und "deutlich mehr" getrunken habe als seine Lebensgefährtin, Jamie-Deans Mutter.

Der Junge sackt zusammen

Sascha K. hat seinem Verteidiger Peter Jacobi ein Geständnis diktiert, das dieser zum Prozessauftakt vorträgt. "Ich hatte das Bedürfnis, Jamie-Dean auf den Arm zu nehmen", liest Jacobi vor. Sascha K. sei ins Kinderzimmer, habe den Jungen aus seinem Bettchen genommen. Es könne sein, dass dieser dabei angefangen habe zu "quengeln", genau könne er das nicht mehr sagen. "Dabei kam es zum Schlag auf den Kopf."

Schnell habe er das Kind zurückgelegt, sei ins Wohnzimmer gegangen, habe seiner Freundin nichts von dem Vorfall gesagt und sich ein neues Bier aufgemacht. Er sei "erschrocken" über sich selbst gewesen, habe sich über sich selbst "geärgert", liest Jacobi vor.

Am nächsten Morgen habe Jamie-Dean geweint, sein Vater sei zu ihm, habe ihn hochgehoben. Der Junge sei zusammengesackt, er habe ihn geschüttelt, ihm eine Ohrfeige verpasst, keine Regung. Er habe den Notruf verständigt, die Lebensgefährtin geweckt, gemeinsam mit ihr reanimiert.

Die Staatsanwaltschaft ist hingegen davon überzeugt, dass Sascha K. Jamie-Dean hochnahm und sofort zuschlug. Mit dem rechten Handballen gegen den kleinen Kopf. Mindestens einmal, vielleicht sogar öfter. Bei der Begegnung am frühen Morgen soll er das Kind massiv hin- und hergeschüttelt haben.

Er wisse, dass seine Schilderungen mit den Verletzungen seines Sohnes nicht in Einklang zu bringen seien, lässt Sascha K. seinen Verteidiger vortragen. Andere Erinnerungen habe er jedoch nicht. Er werde auch Fragen des Gerichts beantworten, aber nicht heute beim Auftakt, zu groß sei der Rummel.

In ähnlich gelagerten Fällen ist es oft so, dass sich die Täter durch das Geschrei des Kindes provoziert fühlen, das Gebrüll nicht mehr ertragen, im Umgang mit einem hilflosen Menschen überfordert sind. Dann schnappen sie sich das Baby, rasten aus. Doch Jamie-Dean schlief in seinem Bett, nervte nicht.

Jamie-Dean soll in den Gerichtssaal gebracht werden

Warum hob Sascha K. das schlafende Kind hoch, mitten in der Nacht? Warum ließ er es nicht schlafen? Vor dem Haftrichter sagte Sascha K., er sei möglicherweise aus "Sentimentalität" - erzeugt durch den Alkoholrausch - in das Kinderzimmer gegangen. "Ich bin da aus väterlicher Liebe rein", liest Richter Weißmann am Donnerstag aus dem Protokoll vor.

Auch verliest er zwei Briefe, die Sascha K. schrieb, an Jamie-Deans Mutter und an eine Freundin aus Berlin. Darin schreibt der 27-Jährige, er bereue die Tat, erinnere sich an vieles nicht mehr, habe an Suizid gedacht. "Aber ich werde dafür geradestehen."

Vor Gericht blinzelt Sascha K. durch starke Brillengläser. Er trägt Piercings an Ohren und Augenbrauen, ein besonders auffälliges durch beide Nasenlöcher. Im Laufe des ersten Verhandlungstages nimmt er seine Brille ab, wischt sich Tränen aus den Augen.

Vor ihm liegen harte Verhandlungstage. Sein Sohn tritt als Nebenkläger im Prozess auf, vertreten durch das Bezirksamt Hamburg-Mitte und Rechtsanwältin Christiane Yüksel. Sie kündigte an, Jamie-Deans Erscheinen zu beantragen. Der Junge solle aus der Palliativstation in den Gerichtssaal gebracht werden. Es sei ein immenser Unterschied, ob man von seinem derzeitigen Gesundheitszustand höre, in Gutachten lese - oder ihn sehe: "Es ist etwas ganz anderes, wenn man sieht, unter welchen Umständen das Kind in den nächsten Jahren dahinvegetieren wird."



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