Explosion in Hamburger S-Bahn-Station "Perfider, heimtückischer Anschlag"

An einem Hamburger S-Bahnhof ließ Stephan K. eine Tüte mit Böllern und Dutzenden Schrauben explodieren. Jetzt erhielt er eine lange Haftstrafe. Die Richterin ging über die Forderung des Staatsanwalts hinaus.

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Stephan K. sieht nach unten. Beinahe die ganze Zeit guckt er auf die Tischplatte vor sich, während die Vorsitzende Richterin das Urteil verliest. Immer wieder blickt sie zu dem Angeklagten. Petra Wende-Spohrs spricht von einem "perfiden, heimtückischen Anschlag", nennt die Tat "feige".

Der 52-Jährige steht seit Juni vor dem Hamburger Schwurgericht. Im Dezember 2017 ließ er zwei illegale Böller in der S-Bahn-Station Veddel explodieren, sie befanden sich mit mindestens 73 Schrauben in einer Plastiktüte.

Dafür hat die Kammer Stephan K. nun zu zehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, unter anderem wegen versuchten Mordes. Die Staatsanwaltschaft hatte acht Jahre Haft für den Angeklagten gefordert, der Verteidiger maximal zwei.

Dem Gericht war das zu wenig: Stephan K. habe heimtückisch gehandelt und ein gemeingefährliches Mittel verwendet, zwei Mordmerkmale waren also erfüllt. Auch die "massiven Vorstrafen" des Mannes spielten bei der Entscheidung eine Rolle.

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Explosion auf der Veddel: Tatort S-Bahnhof

Vier Personen befanden sich der Richterin zufolge in der Nähe der Detonation, ein Mann habe ein Knalltrauma erlitten. Drei Gutachter bestätigten, der Sprengsatz hätte jemanden töten können. Es sei nur Zufall gewesen, dass die Tat glimpflich ausging, sagte Wende-Spohrs.

Stephan K. hat ein Geständnis abgelegt. Er habe niemanden verletzen oder gar töten wollen. "Ich wollte die Leute erschrecken", sagte er beim Prozessauftakt. Später sprach er von einem "vorgezogenen Silvesterfeuerwerk", einem "allzu makabrem Scherz". Er entschuldigte sich bei dem Opfer, das ein Knalltrauma erlitten hat.

Dank Überwachungsvideos gab es keinen Zweifel an der Schuld des Angeklagten, im Zentrum des Prozesses stand die Frage nach dem Motiv. Der Fall ist auch wegen der Vergangenheit des 52-Jährigen brisant: Er ist in seinem Leben zu insgesamt 18 Jahren Haft verurteilt worden.

"Grinsend ein Bier aus dem Rucksack geholt"

Jahrzehntelang galt Stephan K. laut Verfassungsschutz als gewaltbereiter Rechtsradikaler. 1992 war er zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden, weil er und ein Kumpan in Buxtehude einen Kapitän totgeschlagen hatten. Das Opfer hatte Hitler als Verbrecher bezeichnet.

Im Stadtteil Veddel, wo er seinen Anschlag verübte, haben 70 Prozent der Einwohner einen Migrationshintergrund. Ein rassistisches Motiv sei "ziemlich wahrscheinlich", sagte die Richterin. Sie bezeichnete den Angeklagten als "glühenden Anhänger Hitlers", der in seiner rechtsextrem-nationalistischen Gesinnung verhärtet sei.

Die potenzielle Gefahr seiner Tat sei Stephan K. völlig gleichgültig gewesen. Nach der Explosion, so die Richterin, habe sich der Angeklagte schnell in die S-Bahn gesetzt und "grinsend ein Bier aus dem Rucksack geholt". Diese Empathielosigkeit erklärte ein Gutachter mit der dissozialen Persönlichkeit des Angeklagten.

Ob Stephan K. aus rechtsradikalen Motiven handelte, ließ sich im Prozess nicht abschließend klären. Dennoch erlaubte die Verhandlung den Blick in einen Abgrund. Fast alle Zeugen aus dem Umfeld des Angeklagten hatten eine "völkische Einstellung", wie es die Staatsanwältin nannte.

Reste des Sprengsatzes am Tatort
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Reste des Sprengsatzes am Tatort

Die Ex-Freundin des Mannes etwa sagte vor Gericht, dass sie eine "gesunde, patriotische Einstellung" habe. Auf Nachfrage erklärte sie: "Jedes Land hat sein Volk." Eine gewisse Normalität müsse bleiben.

Sie habe nichts gegen Ausländer. "Aber ich finde es schön, dass ein Schwede seine Schwedin, ein Norweger seine Norwegerin und ein Deutscher seine Deutsche hat." Zu viel von außerhalb sei einfach zu viel, das habe nichts mit Rechtsradikalismus zu tun.

Diese Sätze stammen von einer Finanzbeamtin. Es sei erschreckend, sich so zu äußern - und dennoch den Anschein der Bürgerlichkeit wahren zu wollen, sagte die Staatsanwältin.

Wird Stephan K. das Urteil akzeptieren? Das ist eher unwahrscheinlich. Auf die Frage nach einer Revision sagte sein Verteidiger nur: "Die Antwort können Sie sich denken."

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