Freispruch in Hamburger Cold Case Ungesühnt

38 Jahre nach der Tat steht ein Mann in Hamburg wegen versuchten Mordes vor Gericht und wird freigesprochen - die Ermittler sind blamiert. Der Fall zeigt die Tücken bei der Aufklärung von Cold Cases.

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Von Wiebke Ramm


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Hamburg-Steilshoop, 1. November 1980. Ein Mädchen ist auf dem Weg nach Hause, als ein Jugendlicher die 16-Jährige mit einem Messer angreift. Sie wird durch zwölf Stiche lebensgefährlich verletzt, der Täter zerrt sie in ein Gebüsch und versucht, sie zu vergewaltigen. Erst als eine Gruppe Teenager sich nähert, lässt er von ihr ab.

Für das Opfer ist der Albtraum nicht vorbei. Der versuchte Mord bleibt ungeklärt. Dabei sah im Februar dieses Jahres alles noch nach einem riesigen Erfolg für die Hamburger Ermittler aus. Ein Spezialeinsatzkommando nahm einen Mann fest, Anklage wurde erhoben, der Prozess begann. Am Mittwoch nun sprach das Landgericht Hamburg den 54-jährigen Angeklagten frei.

"Hätten wir zu Beginn gewusst, was wir heute wissen, hätten wir das Verfahren gar nicht eröffnet", sagte die Vorsitzende Richterin Anne Meier-Göring bei der Urteilsverkündung: "Der Nebenklägerin und dem Beschuldigten wäre vieles erspart geblieben." Die Richterin übte scharfe Kritik an der Hamburger Cold-Cases-Einheit. Sie sprach von "fehlerhafter Polizeiarbeit". Es spreche mehr dafür, dass der Angeklagte die Tat nicht begangen habe.

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Cold Cases: Mord verjährt nicht

Der Steilshooper Fall zeigt, wie schwer es ist, nach so langer Zeit noch Schuldige zu überführen. Nach Jahrzehnten fehlen Akten, Asservate sind unauffindbar, Spuren verwischt. Ermittler sprechen bei lange ungeklärten Tötungsdelikten und Vermisstenfällen von Cold Cases (mehr zu solchen Fällen lesen Sie hier). Die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen irgendwann eingestellt, weil alle Spuren erkaltet sind. Wenn die Opfer oder Hinterbliebenen Glück haben, finden sich Ermittler, die die Suche nach dem Täter eines Tages wieder aufnehmen.

Ob sie erfolgreich sind, hängt oft davon ab, was in den ersten Stunden nach einer Tat geschah. Sie sind das Fundament, auf dem auch die Arbeit der Cold-Cases-Ermittler steht. "Gerade die erste Zeit ist entscheidend, um Spuren zu sichern, die flüchtig sind", sagt Kriminaloberrat Karsten Bettels. "Dazu gehören Spuren, die vielleicht Witterungsverhältnissen ausgesetzt sind, wenn ein Tatort im Freien liegt. Dazu gehören aber auch elektronische Daten, die gelöscht werden könnten, oder die Vernehmung von Zeugen, deren Erinnerungen im Laufe der Zeit natürlich nachlassen."

Bettels war Leiter der Soko "Levke". Das achtjährige Mädchen war 2004 in Cuxhaven ermordet worden, in der Untersuchungshaft gestand ihr Mörder auch den Mord an dem gleichaltrigen Felix. Seit fünf Jahren ist Bettels Dozent an der Polizeiakademie Niedersachsen. Er leitet den Wahlpflichtkurs "Cold Cases" für angehende Kommissare. Die Studierenden lernen, wie sich auch in lang zurückliegenden Fällen neue Ermittlungsansätze finden lassen.

"Der erste Schritt ist, den Bestand an Akten zu sichern und zu sichten", sagt Bettels: "Welche Akten sind wo vorhanden? Sind sie vollständig? Gibt es noch Asservate, die sich kriminaltechnisch auswerten lassen? Gibt es Zeugen, die noch leben?" Jahre, manchmal Jahrzehnte nach der Tat Ermittlungen wieder aufzunehmen, bedeutet aufwendige Detailarbeit, erfordert große Sorgfalt - und akribisches Aktenstudium.

Welche Zeugen haben was ausgesagt? Welche Fragen wurden nicht gestellt? Was haben die damaligen Kollegen übersehen? Welche Beweismittel sind noch vorhanden und können mit Methoden untersucht werden, die es zum Tatzeitpunkt vielleicht noch gar nicht gab?

Von den heutigen Möglichkeiten der DNA-Analyse haben Kriminalisten früher wohl nicht mal zu träumen gewagt. Immer wieder gibt es Erfolge. Erst vor wenigen Monaten wurde in den Niederlanden dank eines DNA-Abgleichs ein Verdächtiger gefasst, der 1998 einen Elfjährigen ermordet haben soll. Und auch im Fall der Morde an Generalbundesanwalt Siegfried Buback und zwei Begleitern 1977 gab es Jahrzehnte später noch einen Prozess. 2012 wurde in dem Fall die ehemalige RAF-Terroristin Verena Becker wegen Beihilfe zum Mord in drei Fällen verurteilt.

Auch in diesem Fall waren es DNA-Spuren, die auf Becker wiesen. Ein Rechtsmediziner fand sie an Briefumschlägen, in denen die RAF mehr als drei Jahrzehnten zuvor Bekennerschreiben verschickt hatte. Mehrfach waren die Umschläge in all den Jahren untersucht worden, erst neue Analysemethoden brachten die Spuren zum Vorschein.

Video: Cold Cases - der zweite Blick

Selbst bei Zeugenaussagen kann ein großer zeitlicher Abstand zur Tat unter Umständen ein Vorteil sein. Zeugen können zwar vergessen, sie können sich aber auch neu verlieben. So kann das Alibi eines Verdächtigen sich Jahre später in Luft auflösen, weil eine nunmehr ehemalige Lebenspartnerin plötzlich einräumt, damals aus Liebe falsch ausgesagt zu haben. "Lebensweisen ändern sich", sagt Bettels. Manchmal hilft das.

Auch die öffentliche Aufmerksamkeit kann helfen. Vielleicht melden sich nach Medienberichten Mitwisser, die ihr Gewissen erleichtern wollen. Vielleicht Zeugen, die erst jetzt begreifen, was sie einmal beobachtet haben. "Es geht auch darum, den Tätern zu zeigen: Ihr habt noch keine Ruhe!", sagt Bettels.

Auch im Hamburger Fall kamen Zeugenaussagen eine entscheidende Rolle zu, allerdings keine gute. Die Tatwaffe, ein Messer, war nicht aufzufinden. Es ist bei der Polizei verloren gegangen. Die Anklage beruhte auf Indizien.

Diese zerpflückte die Richterin in der Urteilsbegründung mit deutlichen Worten. Demnach deutet vieles darauf hin, dass das Opfer, der Angeklagte und auch der wichtigste Zeuge von den Ermittlern "höchst suggestiv" befragt und "gegebenenfalls sogar getäuscht" wurden.

Zeuge änderte Aussage um 180 Grad

Dem Opfer wurden Fotos vorgelegt. Die Frau sollte sagen, ob sie darauf den Täter wiedererkenne. Unzulässigerweise sei ihr zuvor gesagt worden, dass auf einem Foto tatsächlich der Täter zu sehen sei, der nur noch überführt werden müsse. Das Foto, das den Angeklagten in seiner Jugend zeigte, war dabei das einzige Bild, auf dem ein junger Mann Kleidung aus den Achtzigerjahren trug.

Schließlich wurde ein Schulfreund des Angeklagten vernommen, der innerhalb einer Woche seine Aussage bei der Polizei um 180 Grad änderte. Erst auf die Hinweise, dass es möglicherweise eine Belohnung gebe und der Täter damals blonde Haare gehabt habe, behauptete der Zeuge, auch der Angeklagte habe zur Tatzeit blond gefärbte Haare gehabt und ein Messer besessen. Sein Messer habe jene Beschädigungen aufgewiesen, die auch beim Tatmesser vorhanden gewesen seien. Allerdings hatte der Zeuge zuvor ein Foto des Tatmessers zu sehen bekommen. Die Beschädigungen waren mit Pfeilen markiert.

Selbstverständlich müsse alles getan werden, um schwere Verbrechen auch Jahrzehnte später noch aufzuklären, sagte Verteidiger Jan Jacob nach dem Freispruch für seinen Mandanten. Cold-Cases-Einheiten seien durchaus sinnvoll. "Aber so etwas wie in diesem Verfahren darf nicht passieren, das darf weder Opfern noch Beschuldigten angetan werden." In diesem Verfahren gebe es "nur Verlierer", sagte auch die Richterin. Damit war ausdrücklich auch die Cold-Cases-Einheit gemeint.

"Mit der Gewissheit leben, dass dieses Verbrechen nie geklärt werden wird"

Claudia Krüger, Anwältin des Opfers, hat angekündigt, zusammen mit der Polizei das Versagen der Ermittler aufzuarbeiten, "um dafür zu sorgen, dass sich so etwas nicht wiederholt". Trotz allem hat auch sie keine Zweifel an der grundsätzlichen Bedeutung der Arbeit von Cold-Cases-Einheiten.

"Ich weiß, dass es für Opfer sehr wichtig ist, zu erfahren: Wer hat mir das angetan? Warum ist mir das passiert?' Sie wollen Klarheit haben", sagte Krüger. "Deswegen ist es gut, dass es Cold-Cases-Einheiten gibt, ihre Arbeit ist ganz, ganz wertvoll." Ihre Mandantin jedoch habe das Vertrauen in die Polizei verloren. "Sie dachte, der Täter sei gefasst. Nun muss sie mit der Gewissheit leben, dass dieses Verbrechen nie geklärt werden wird."

Man darf den Hamburger Cold-Cases-Ermittlern glauben, dass sie das Verbrechen endlich aufklären wollten. Möglicherweise wurde aber genau das zum Problem.

"Die Frage ist, worum es uns letztlich geht. Geht es uns darum, irgendjemanden zu verurteilen, um nach Jahren, vielleicht Jahrzehnten endlich den Aktendeckel schließen zu können? Oder geht es darum, die Wahrheit zu ermitteln?", sagt der Berliner Strafverteidiger Stefan Conen. Er ist Vorsitzender der Vereinigung Berliner Strafverteidiger und Mitglied des Ausschusses Strafrecht im Deutschen Anwaltsverein. "Ein Freispruch in einem altem Fall bedeutet eben auch, dass die ganze Arbeit der Ermittler für die Katz gewesen ist und die Tat vermutlich niemals aufgeklärt wird."

Conen geht noch einen Schritt weiter. "Wenn es uns darum geht, die Wahrheit herauszufinden, dann wäre es wünschenswert, wenn die gleiche Energie, die in die Aufklärung sogenannter Altfälle gesteckt wird, auch den Fällen gewidmet wird, in denen es zu zweifelhaften Verurteilungen gekommen ist."

Denn auch das gibt es: Eine Tat gilt als geklärt, ein Unschuldiger sitzt im Gefängnis. Dem Hamburger Angeklagten blieb dieses Schicksal erspart. Für seine viereinhalb Monate in Untersuchungshaft wird er entschädigt. Und der Mann, der damals zustach, läuft - sofern er noch lebt - wohl immer noch frei herum.


Zusammengefasst: Das Landgericht Hamburg hat einen Mann freigesprochen, dem der versuchte Mord an einer 16-Jährigen im Jahr 1980 vorgeworfen worden war. Der Fall wirft ein Schlaglicht auf die Schwierigkeiten, die Ermittler bei Jahrzehnte zurückliegenden Taten haben. Im konkreten Fall kritisierte das Gericht die Arbeit der Ermittler heftig. Für das Opfer ist der Ausgang des Verfahrens besonders bitter - nach Aussage ihrer Anwältin hat die Frau das Vertrauen in die Polizei verloren.

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