Zivilcourage bei Messerattacke in Hamburg "Du Hund, du bist kein Mann!"

In einem Hamburger Supermarkt stach ein mutmaßlicher Islamist mehrere Passanten nieder - bis ihn muslimische Migranten stoppten. Vor Gericht zeigt sich der Mut der "Helden von Barmbek".

Ahmad A. im Landgericht Hamburg
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Ahmad A. im Landgericht Hamburg

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Nach knapp zwei Stunden Verhandlung nimmt der Messerstecher Ahmad A. seine Kopfhörer ab und lässt den Dolmetscher ins Leere übersetzen. Es ist der Moment, in dem es an diesem Verhandlungstag in Saal 237 des Hamburger Landgerichts erstmals nicht um die Bluttat des 27-Jährigen geht - sondern um den Angeklagten selbst.

Ein Student namens Ali sitzt im Zeugenstand, er ist ein Bekannter von Ahmad A. - und zeichnet von dem Angeklagten das Bild eines unauffälligen jungen Mannes. Erst kurz vor der Tat habe sich sein Freund verändert, sagt er. "Er war ein fremder Mensch", sagt der Zeuge. "Ich hätte nie gedacht, dass er so etwas machen würde."

Zuvor hatte Ahmad A. 110 Minuten lang augenscheinlich aufmerksam zugehört, als andere Zeugen das Geschehen im Hamburger Stadtteil Barmbek vor rund einem halben Jahr rekonstruierten: Am Nachmittag des 28. Juli erstach der Palästinenser in und vor einem Edeka-Markt einen Mann und verletzte sechs weitere Passanten teilweise schwer - laut Bundesanwaltschaft verstand A. seine Tat als "Beitrag für den weltweiten Dschihad gegen Ungläubige".

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Messerattacke in Hamburg: Der Prozess gegen Ahmad A.

Als A. sein erstes Opfer niederstach, stand hinter der Fleischtheke ein Auszubildender. Er habe im Laden plötzlich großen Lärm gehört, sagt der 20-Jährige vor Gericht, deshalb habe er schauen wollen, was los sei. "Da habe ich ihn schon auf mich loslaufen sehen", sagt der junge Mann - "blutverschmiert, mit dem Messer in der Hand."

Der Bewaffnete habe "Allahu Akbar" gerufen, Gott ist groß. Er selbst sei daraufhin ins Lager geflüchtet, wo er sich bis zum Eintreffen der Polizei in der Toilette verschanzt habe. Wie der Angreifer auf ihn gewirkt habe, will Richter Norbert Sakuth von dem Zeugen wissen. "Auf jeden Fall nicht ansprechbar", sagt er. "Er sah übertrieben aggressiv aus, hat Mordlust ausgestrahlt."

Dass es an jenem Sommertag im Hamburger Norden trotzdem nicht mehr Tote gab, ist einigen äußerst mutigen Leuten zu verdanken: den "Helden von Barmbek", wie der Boulevard die Männer später taufte. Drei von ihnen schildern an diesem Verhandlungstag ihre Sicht der Dinge - und verdeutlichen eindrücklich, wie waghalsig ihr Eingreifen war.

"Ich will nur die anderen, die Ungläubigen!"

An Kasse 3 saß ein hagerer Auszubildender mit kurzem Haar und arabischem Migrationshintergrund. "Vor meinen Augen hat er ein paar Leute angegriffen", sagt der 20-Jährige. Spontan habe er entschieden, den Täter zu stoppen. Er sei an ihm vorbei gerannt und habe so viele Leute wie möglich gewarnt und fortgeschickt.

Tatkräftige Hilfe bekam der 20-Jährige von einem Zeitungsauslieferer. Der 45-Jährige, der zufällig mittags dasselbe Gebet wie A. in einer nahe gelegenen Moschee besucht hatte, kam auf dem Heimweg am Tatort vorbei - und knöpfte sich A. nach eigenen Angaben sofort vor. "Ich bin Moslem", habe er dem Angreifer zugerufen, "ich bin seit 27 Jahren hier!" Doch statt das Messer fallen zu lassen, stach A. demnach auch in seine Richtung.

Der vielleicht mutigste Helfer war ein 40-Jähriger, der gerade mit seinen zwei Kindern vor dem Supermarkt entlangspazierte. Er habe die beiden am Straßenrand stehen lassen, sich zum Schutz ein herumliegendes Plakat geschnappt und sei zu Ahmad A. gerannt. "Du Hund, du bist kein Mann!" habe er ihm entgegengebrüllt. A. habe daraufhin geantwortet: "Leute, ich will mit euch nichts zu tun haben - ich will nur die anderen, die Ungläubigen!" Die Antwort des Familienvaters: "Wenn du die anderen möchtest, musst du zuerst uns kriegen."

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Alle drei Aussagen zusammen zeigen, wie die drei Männer die Bluttat schließlich gemeinsam stoppten. Demnach schickten sie Umstehende weg und wappneten sich selbst mit Stühlen, die vor einer Bäckerei standen. In einer Nebenstraße umkreisten sie dann Ahmad A. und warfen diverse Gegenstände auf ihn. "Er hat uns gesagt, dass wir alle in die Hölle kommen", sagt der 45-jährige Zeuge. Kurz darauf sei A. zusammengesackt, nachdem ein Stein ihn am Kopf getroffen hatte.

Die Aussagen der "Helden von Barmbek" machen den Gewaltausbruch des Ahmad A. anschaulich - aber weshalb hatte sich der Palästinenser zuvor dazu entschlossen? Aufschluss über seine Hinwendung zum Dschihadismus gibt die Expertise eines Islamwissenschaftlers, die Richter Sakuth vorliest. Demnach hatte A. ein Notizbuch geführt, in dem Ermittler später beängstigende Einträge fanden: "Die Flammen des Krieges werden euch früh genug erreichen." Mit solchen Formulierungen vertrat A. dem Experten zufolge ein "seit Jahrzehnten von Islamisten im Internet verbreitetes Opfer-Narrativ".

Der Angeklagte streicht sich durch den Bart und lächelt

War A. also ein überzeugter Radikaler, ein religiös motivierter Terrorist? Ganz so eindeutig ist der Fall womöglich nicht gelagert. Jedenfalls bemerkte das Umfeld lange nichts, das wird während der Zeugenaussage von Ahmad A.s früherem Kumpel Ali deutlich. Er habe den Angeklagten aus einem Sprachkurs gekannt, ab und zu zum Mittagessen oder in einem Flüchtlingscafé auf dem Uni-Campus getroffen, sagt der Informatikstudent.

Religion sei nie ein Thema gewesen in den gemeinsamen Gesprächen, sagt der 27-Jährige. Ahmad A., der in Gaza Abitur gemacht und danach für kurze Zeit in Ägypten an der Uni war, habe oft davon erzählt, in Hamburg Zahnmedizin studieren zu wollen. Ansonsten lebte er demnach das Leben eines jungen Mannes: "Manchmal haben wir Alkohol getrunken", sagt der Zeuge, A. habe auch regelmäßig Marihuana geraucht.

A. selbst lässt sich nicht anmerken, ob ihn an diesem Verhandlungstag irgendetwas berührt oder beschäftigt. Unentwegt streicht er sich durch seinen dunklen Vollbart und lächelt zwischendurch - wie ein fleißiger Student in seiner Lieblingsvorlesung, der sich schon jetzt auf die nächste Stunde freut.

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