Hamburger Piratenprozess "Wir hatten schicksalhaftes Glück"

Der Kapitän des vor Somalia gekaperten Frachters "Taipan" zeigt sich im Prozess vor dem Landgericht Hamburg versöhnlich: Eindringlich schilderte er die dramatischen Stunden des Überfalls auf sein Schiff - und hegt doch keinen Groll. Solche Situationen gehörten zu seinem Berufsrisiko, sagte er.

Kapitän Dierk Eggers vor dem Hamburger Landgericht: "Keine Furcht und kein Hass"
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Kapitän Dierk Eggers vor dem Hamburger Landgericht: "Keine Furcht und kein Hass"


Hamburg - Dierk Eggers ist ein erfahrener Kapitän. Der 69-Jährige sieht den Angriff auf den Frachter "Taipan" im April gelassen - trotz Kugelhagel und entfesselter Angreifer: "Ich hatte keine Furcht und habe auch keinen Hass", sagte er am Mittwoch vor dem Hamburger Landgericht. "Ich liebe Afrika, und ich liebe Somalia nach wie vor." Piraterie gebe es seit Jahrzehnten, ein solcher Überfall sei "Teil meines Berufsrisikos".

Freundlich grüßte der Kapitän in die Riege der Angeklagten, als er den Saal 337 des Hamburger Landgerichts betrat. Für den Überfall auf das Hamburger Containerschiff müssen sich seit November zehn mutmaßliche somalische Piraten vor dem Landgericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen einen Angriff auf den Seeverkehr und erpresserischen Menschenraub vor.

Mit leiser, aber bestimmter Stimme schilderte Eggers vor Gericht die dramatischen Stunden des Überfalls rund 530 Seemeilen vor der somalischen Küste. Vor den mit Kalaschnikows um sich feuernden Piraten hatten sich Kapitän und Crew in den Maschinenraum gerettet. Befreit wurden sie von einem niederländischen Marinekommando. "Wir hatten ein schicksalhaftes Glück."

"Da blieb uns nur der Rückzug"

Im Dunst der tropischen Hitze habe er das acht Meilen entfernte hölzerne Schiff zunächst für ein Fischerboot gehalten. Plötzlich seien zwei kleine Motorboote direkt auf die "Taipan" zugerast. "Da habe ich die Besatzung alarmiert", erzählte der Kapitän. Eggers gab noch schnell Hilferufe über Satellitentelefon und per E-Mail ab. "Hätten sie uns in ihre Gewalt gebracht, wir hätten keine Hilfe mehr holen können."

Um den Verfolgern zu signalisieren, dass sie entdeckt seien, habe er eine Leuchtrakete in ihre Richtung abgefeuert. Daraufhin hätten die Piraten das Feuer eröffnet, ein Kugelhagel prasselte auf die Brücke des Frachters. "Da blieb uns nur der Rückzug", berichtete Eggers.

Die Besatzung habe den Strom abgeschaltet, um das Schiff manövrierunfähig zu machen. In der Stille der ruhenden Bordmotoren sei nur ein "erschreckender Radau" zu hören gewesen. Wenig später habe man das Kreisen eines Hubschraubers über dem Schiff und ein Schusswechsel gehört.

Als der Hubschrauber des niederländischen Marinekommandos landete, vernahmen die Eingeschlossenen Schusswechsel. Erst Stunden später traute sich die Besatzung aus ihrem Versteck. Verletzt wurde niemand.

Das Containerschiff war am Ostermontag auf dem Weg von Haifa nach Mombasa, etwa 530 Seemeilen vor der Küste Somalias, von mutmaßlichen Piraten attackiert worden. Ein Spezialkommando der niederländischen Fregatte "Tromp" befreite das 140 Meter lange Schiff der Hamburger Reederei Komrowski noch am selben Tag.

Seit dem 22. November müssen sich die zehn an Bord des Schiffes festgenommenen somalischen Männer wegen Angriffs auf den Seeverkehr und erpresserischen Menschenraubs vor der Großen Strafkammer 3 des Hamburger Landgerichts verantworten. Die Verhandlung soll am 3. Januar nächsten Jahres fortgesetzt werden.

ala/dpa/dapd



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