Verfahren wegen Landfriedensbruchs Familienclan nach Krawallen in Hameln vor Gericht

Ein mutmaßlicher Räuber stürzt in den Tod, seine Angehörigen randalieren: Um diese Eskalation der Gewalt hat ein Prozess begonnen. Sechs Mitglieder eines Familienclans stehen wegen Angriffen auf Polizisten vor Gericht.

Rettungskräfte vor dem Amtsgericht Hameln (Archiv)
DPA

Rettungskräfte vor dem Amtsgericht Hameln (Archiv)


Wegen Landfriedensbruchs, versuchter Gefangenenbefreiung und Körperverletzung stehen sechs Mitglieder und Freunde einer Großfamilie vor dem Landgericht Hannover. Sie sollen zusammen mit rund 25 anderen im Januar 2015 in Hameln Polizisten angegriffen und in einem Krankenhaus randaliert haben. Dort war einer ihrer Angehörigen gestorben, der zuvor bei einem Fluchtversuch aus dem siebten Stock des Amtsgerichts gestürzt war und sich schwer verletzt hatte. Er starb später im Krankenhaus.

Der 26-Jährige wurde verdächtigt, in Aerzen eine Tankstelle überfallen zu haben - und sollte dem Haftrichter vorgeführt werden. Bereits nach seiner Festnahme versuchte ein Bruder, ihn aus dem Gewahrsam zu befreien. Bei den Tumulten vor dem Krankenhaus wurden laut Anklage 30 Menschen verletzt, darunter 24 Polizisten. Ein Beamter erlitt eine Platzwunde und einen Nasenbeinbruch, wurde am Bein verletzt. Direkt nach dem Todessturz sollen Polizei und Rettungskräfte an der Unglücksstelle attackiert worden sein, die Notaufnahme der Klinik musste vorübergehend schließen.

Polizeiaufgebot vor der Klinik (Archiv)
DPA

Polizeiaufgebot vor der Klinik (Archiv)

Mutter und Bruder hatten den mehr als 20 Meter tiefen Sturz aus nächster Nähe miterlebt. "Wir wissen, welche Tragik das für Ihre Familie bedeutet", sagte der Richter zu Prozessbeginn. Aber es sei auch klar, dass nicht in Ordnung sei, was danach passierte.

Der angeklagte Bruder des Toten soll bereits einen Tag vor dem Fluchtversuch versucht haben, seinen Bruder aus einem Streifenwagen zu befreien. Dem 27-Jährigen werden insgesamt sechs, der 50-jährigen Mutter der libanesisch-kurdischen Großfamilie zwölf Straftaten vorgeworfen.

Auftritte in Gruppen, Gewaltbereitschaft, Tumulte und Einschüchterungsversuche vor Gericht, überhaupt völlige Respektlosigkeit vor der Staatsgewalt - dieses Verhalten nennt die Polizei typisch für einzelne Mitglieder libanesisch-kurdischer Großfamilien. In diesem Fall gehören die Angeklagten größtenteils zu den sogenannten Mhallamiye-Kurden. Kriminelle Mitglieder dieser Gruppe stellen Polizei und Justiz seit Jahren vor Probleme.

Sie sei die aggressive Antreiberin der Gruppe gewesen, sagte Staatsanwalt Jörg Hennies. Sie habe Polizisten beschimpft, vier Beamten soll sie gedroht haben: "Ich zünde euch an, ihr Schweine!" Die Mutter habe wider besseres Wissens das Gerücht verbreitet, ihr Sohn sei von Beamten aus dem Fenster des Gerichts gestoßen worden.

Für den Prozess, der die Tumulte aufklären soll, lesen Sie hier eine Chronik der Ereignisse, sind bislang 30 Termine bis September angesetzt. Allerdings könnte sich das Verfahren verkürzen: Die Prozessbeteiligten führten Verständigungsgespräche. Sollte es zu einem Deal kommen, könnten die Angeklagten mit Bewährungsstrafen davonkommen.

apr/AFP/dpa



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