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Messerattacke auf Bundespolizist: Angriff aus dem Nichts

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Bundespolizist im Hauptbahnhof Hannover Zur Großansicht
DPA

Bundespolizist im Hauptbahnhof Hannover

Eine Jugendliche aus der salafistischen Szene sticht in Hannover einen Bundespolizisten nieder. Damit erfüllt sie offenbar ein Szenario, vor dem Polizei und Geheimdienste seit Langem warnen.

Es passiert am Freitagnachmittag vor einer Woche, kurz nach 17 Uhr. Vor dem Westausgang des Hauptbahnhofs in Hannover kontrollieren zwei Bundespolizisten eine Jugendliche. Die Schülerin ist ihnen aufgefallen, sie bewegt sich merkwürdig, sie stiert sie an. So jedenfalls schildert ein Polizeisprecher im Nachhinein die Umstände der Begegnung. Jedenfalls halten die Beamten sie an und lassen sich ihren Ausweis zeigen. Als sich einer der beiden Polizisten zur Seite wendet, sticht der Teenager ihm mit einem Messer in den Hals und verletzt ihn schwer.

Die Frage ist: warum?

Die mutmaßliche Täterin verkehrt seit Jahren in der salafistischen Szene. Als Kind ist Safia in Videos mit dem Prediger Pierre Vogel aufgetreten und hat brav Koranverse rezitiert. Vor Wochen soll die Gymnasiastin dann versucht haben, sich in Syrien dem "Islamischen Staat" (IS) anzuschließen. Ihre Mutter, die aus Marokko stammt, konnte sie jedoch in Istanbul aufspüren und zurück nach Deutschland bringen. In ihrer ersten Aussage nach der Bluttat sagte die Gymnasiastin, sie habe spontan zugestochen, weil sie sich über die Kontrolle geärgert habe.

Die Ermittler prüfen allerdings noch andere Möglichkeiten. So will die Staatsanwaltschaft Hannover klären, ob die Tat auf psychische Probleme des Mädchens zurückgehen könnte. Auch der Islamist Rafik Y., der im vergangenen September in Berlin Polizisten mit einem Messer angegriffen und von ihnen getötet worden war, litt wohl unter psychischen Problemen.

Die verhinderten Dschihadisten

Denkbar aber ist auch, dass es sich in Hannover um eine gezielte Attacke handelte, um einen Akt des Terrors einer radikalisierten Einzeltäterin. Ziel von sogenannten Low-Profile-Anschlägen, zu denen Hassprediger seit geraumer Zeit anstacheln, ist es, mit einfachsten Tatmitteln und ohne große Planung möglichst viel Furcht und Schrecken zu verbreiten.

Wie damals in London, als zwei Extremisten mit Fleischerbeil und Messern einen britischen Soldaten töteten. Für diese These scheint zu sprechen, dass Safia neben der Tatwaffe ein zweites Messer bei sich führte. Auch das provokante Verhalten den Beamten gegenüber ließe sich so erklären.

Die Sicherheitsbehörden gehen ohnehin davon aus, dass von sogenannten verhinderten Dschihadisten - denen also die Ausreise nach Syrien nicht gelungen ist - eine besondere Gefahr ausgeht. In einer vertraulichen Analyse der Polizei heißt es: "In derartigen Fällen besteht aufgrund der Nutzung von Alltagsgegenständen als Tatmittel und der allgemeinen Verfügbarkeit potenzieller Ziele die Gefahr, dass die Tatvorbereitungen unerkannt bleiben, die Täter ungehindert ihre jeweiligen Planungen vorantreiben und letztendlich auch umsetzen können."

Der Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes, Torsten Voß, hatte bereits Ende 2014 vor dem Phänomen gewarnt: "Wir müssen auch die Islamisten weiter in unseren Fokus nehmen, die im Ausland kämpfen wollen, aber ihr Ziel nicht erreicht haben." Wer entschlossen sei, könnte versuchen, die Ziele des IS auf deutschem Boden zu unterstützen, wie Beispiele aus Kanada und Australien zeigten, so Voß.

"'Seht her', werden sie sagen"

Und noch etwas treibt die deutschen Sicherheitsbehörden um: die Angst vor Nachahmungstätern. Die Beamten beobachten nun sehr genau, wie die Bluttat von Hannover in der islamistischen Szene aufgenommen, dargestellt und diskutiert wird. "Wenn es sich wirklich um ein gezieltes Attentat handelt, ist das eine Katastrophe", sagt ein Verfassungsschützer. Dann nämlich böte die Tat den Hetzern die Möglichkeit, sie propagandistisch auf besonders perfide Art und Weise auszuschlachten.

"'Seht her, werden sie sagen", so der Beamte, "das Mädchen hat sich getraut, was ihr nicht zustande bringt." Diese Tiraden, der Appell an den Machismo der Szene könnte einzelne Extremisten animieren, die Tat nachzuahmen, fürchtet der Nachrichtendienstler. Die sogenannten Löwen, wie gewaltbereite Islamisten sich gerne gegenseitig nennen, müssten es womöglich als Schande empfinden, im Gegensatz zu einer Minderjährigen bislang untätig geblieben zu sein.

Salafisten-Prediger Vogel jedoch, der zuletzt terroristische Anschläge öffentlich als unislamisch verurteilt hat, geht erst einmal auf Distanz zu Safia. Über seine Facebook-Seite lässt der inzwischen gemäßigt auftretende Vorbeter mitteilen, er habe seit Jahren keinen Kontakt zu der mutmaßlichen Täterin gehabt: "Für einen auch nur halbwegs intelligenten Menschen sollte es selbstverständlich sein, dass ein Mensch nichts für die Taten anderer Menschen kann, nur weil er sie vor Jahren irgendwann mal irgendwo getroffen hat", heißt es in der Stellungnahme Vogels.

Das klingt ziemlich banal - und sehr beiläufig. Dass er womöglich Einfluss auf Safias Lebensweg hatte, ja, dass es als Prediger doch seine vermeintliche Berufung ist, Einfluss auf junge Menschen zu nehmen, lässt Vogel in diesem Zusammenhang lieber unerwähnt.

Zum Autor
Jörg Diehl

Jörg Diehl ist Chefreporter für SPIEGEL ONLINE in Düsseldorf.

  • E-Mail: Joerg.Diehl@spiegel.de

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