Lebenslange Haft für Supermarkträuber "Mit eiskalter Ruhe"

Der Supermarkträuber von Hannover ist wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Bis kurz vor Schluss schwieg er vor Gericht - und präsentierte dann doch noch eine ganz eigene Version.

Marek K. vor dem Landgericht Hannover (Archiv): Lebenslange Haft
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Marek K. vor dem Landgericht Hannover (Archiv): Lebenslange Haft


Vor der Verkündung des Urteils hat ein Angeklagter im deutschen Strafprozess das Recht auf das letzte Wort. Es ist seine letzte Chance, sich vor der Bekanntgabe des Strafmaßes zu den Vorwürfen zu äußern oder zu seiner Person. Er kann Reue zeigen, sich entschuldigen, gestehen. Auch wenn er vorher nichts gesagt hat.

Marek K., 42, ein Familienvater aus Polen, ein unauffälliger Typ, nicht vorbestraft, hat im Prozess vor dem Landgericht Hannover konsequent geschwiegen. Er soll zwischen Februar 2014 und Juni 2015 in Niedersachsen, Thüringen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Bayern 24 Supermärkte überfallen, dabei einen jungen Mann getötet und weitere Personen verletzt haben.

Marek K. hat kein Wort zu den Vorwürfen gesagt. Nun räuspert er sich laut und äußert sich - zur Überraschung vieler Prozessbeteiligter - zum ersten Mal. "Heute soll das Urteil über mich gesprochen werden", sagt er. Sein Rechtsanwalt habe die Verhandlung für ihn geführt, er habe sich nicht früher erklären können.

"Die Beweise sind gefälscht", sagt Marek K. Die Handyverbindungen, die ihn angeblich überführten, könnten nicht stimmen; es sei unmöglich, dass an einigen Orten seine Fingerabdrücke gefunden worden seien; die DNA-Probe, die mit Spuren von den Tatorten übereinstimmt, stamme nicht von ihm. Seine Lebensgefährtin, deren Schwester, ein Bekannter - sie könnten bezeugen, dass er am 4. Dezember 2014, als der 21-jährige Joey K. in einem Supermarkt in Hannover erschossen wurde, zu Hause im polnischen Kattowitz gewesen sei.

Die deutschen Kennzeichen und andere Beweise, die in seinem Haus sichergestellt worden seien, könnten nur Polizisten "da hingelegt haben". Der Hauptermittler habe ihm bei seiner Festnahme gedroht, er werde "zusehen, dass ich nie wieder das Gefängnis verlasse".

"Mit eiskalter Ruhe"

Die 13. Große Strafkammer glaubt Marek K. nicht und verkündet am Nachmittag das Urteil: K. muss lebenslang in Haft, bei Feststellung der besonderen Schwere der Schuld. Er kann also selbst bei günstiger Prognose nicht nach 15 Jahren auf Bewährung freikommen. Marek K. schaut bei der Verkündung zur Decke, eine Dolmetscherin übersetzt.

Staatsanwalt Martin Lienau hatte Marek K. in seinem Plädoyer wenige Stunden zuvor vorgeworfen, er habe "mit eiskalter Ruhe" geraubt. "Empathie war nicht im Ansatz erkennbar", der Tod von Joey K. "ein gezielter Mord". Verteidiger Holger Nitz bezeichnete die Schüsse auf Joey K. hingegen als das Resultat einer "fatalen Entwicklung". Eine Tat, die nicht mit "dolus directus 1. Grades", also mit Absicht, begangen worden sei.

Wenn Marek K. der Täter war, was bewegte ihn zu der Raubserie mit dieser auffälligen Brutalität? Ein Gerichtsgutachter hat ausführliche Gespräche mit ihm geführt; aber zu den Tatvorwürfen schwieg Marek K.

Vor der Urteilsverkündung fasste der psychiatrische Sachverständige zusammen: Marek K. wuchs als fünftes von sieben Kindern in der Bergbauregion Kattowitz auf. Die Familie lebte lange an der Armutsgrenze. Er absolvierte eine Ausbildung als Industriemechaniker, arbeitete im Bergbau, hielt sich nach der Umstrukturierung in der Branche mit Gelegenheitsjobs über Wasser, arbeitete zuletzt fünf Jahre als Staplerfahrer bei Fiat, aber er fühlte sich schlecht bezahlt und nicht wertgeschätzt.

Sein unauffälliges Leben nahm eine "radikale" Wende, wie der Gutachter meint, als Marek K. im Sommer 2013 seine neun Jahre jüngere Partnerin kennenlernte. Sie brachte zwei Kinder mit in die Beziehung, im März 2014 wurde die gemeinsame Tochter geboren.

Die Mutter des Opfers spricht ihn direkt an

Handelte Marek K. aus Existenzängsten? Die neue Lebenssituation, die neue Herausforderung als Vater, könnte Versagens- und Verlustängste ausgelöst haben, sagte der Gutachter, aber es bleibe letztendlich eine Hypothese.

Warum wehrt sich Marek K., wenn er sich als Unschuldigen sieht, erst am letzten Verhandlungstag? Sind seine Äußerungen, die Polizei habe die Ermittlungen manipuliert, reine Schutzbehauptungen? Dem Psychiater gegenüber sprach K. von Kränkungen und Erniedrigungen, mangelnder Anerkennung und Ungerechtigkeiten, die er als Kind und als Angestellter erfahren habe. Diese Sichtweise könne nun Teil der Tatverarbeitung sein, meint der Gutachter. Eine Persönlichkeitsstörung liege nicht vor.

Cornelia K., die Mutter des im Supermarkt getöteten Joey, wandte sich vor der Urteilsverkündung an Marek K.: "Meine Tochter wünscht Ihnen den Tod." Sie könne das Mädchen beruhigen, sagt die Altenpflegerin, sterben müsse jeder Mensch. "Das Leben ist eine viel größere Strafe. Dass Sie Ihre Kinder nicht aufwachsen sehen, ihre Liebe und Zuneigung nicht spüren können. Das Bewusstsein, alles verloren zu haben, was das Leben ausmacht."

In seinem letzten Wort betonte Marek K. noch einmal, dass sich alles aufklären werde. Das werde der nächste Überfall des wahren Täters zeigen.

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