Prozess gegen Supermarkträuber Warum tötete Marek K.?

Er überfiel Supermärkte in Serie - und erschoss einen Kunden, der eine Kassiererin schützen wollte. Vor dem Landgericht Hannover berichten Zeugen von seiner Brutalität. Doch das Motiv von Marek K. bleibt rätselhaft.

Polizisten am Tatort in Hannover (Dezember 2014): Hier starb Joey K.
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Polizisten am Tatort in Hannover (Dezember 2014): Hier starb Joey K.


Die Dolmetscherin übersetzt für Marek K. fast jeden Satz, der in die Mikrofone des Saals 127 im Landgericht Hannover gesprochen wird. Marek K., 42, lebt in Schlesien, er hört ihr aufmerksam zu, wenn sie flüsternd auch schwierige juristische Begriffe ins Polnische überträgt.

Doch als Cornelia K. in den Zeugenstand tritt, schweigt die Dolmetscherin. Marek K. scheint auch so zu verstehen, was die Mutter zu sagen hat. Sie erzählt von Joey, ihrem Sohn, welch ein Mensch er war, warum er nach Hannover zog und wie sein Tod auch sie aus dem Leben riss.

Sie habe drei Kinder allein großgezogen, sagt Cornelia K., 50, eine Frau mit einem mädchenhaften Gesicht, umrahmt von dunklen Haaren. Eine examinierte Altenpflegerin, die seit dem Tod ihres Sohns nicht mehr in der Lage ist, ihrer Arbeit nachzugehen. Joey sei ein Jugend-forscht-Kind gewesen: wissbegierig, laut, quirlig. Ein hilfsbereiter Junge mit einem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, der sich das Leben manchmal selbst schwer machte und von klein auf Koch werden wollte. Sein Spitzname: "Ratatouille". Im August 2013 begann er in Hannover mit seiner Ausbildung zum Koch.

Marek K. im Landgericht Hannover: Hohes Maß an krimineller Energie
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Marek K. im Landgericht Hannover: Hohes Maß an krimineller Energie

Marek K. schaut die Frau an, sie erwidert seinen Blick. "Ich vermisse meinen Sohn", sagt Cornelia K. "Und ich möchte, dass dieser Mensch weiß, was er unserer Familie angetan hat."

Joey K., 21, musste sterben, weil er bei einem Raubüberfall auf den Supermarkt NP Discount in Hannover-Stöcken am 4. Dezember 2014 eine Kassiererin schützen wollte. Der Täter tötete den jungen Mann, der sich ihm in den Weg stellte, mit zwei aufgesetzten Schüssen, sogenannten Nahschüssen: Er hielt eine halbautomatische Ceska, Kaliber 7,65 Millimeter, direkt an Joeys Kopf, danach an dessen Brust. Das erste Projektil zerschlug mehrere Hirnregionen, das zweite traf Lunge und Hals. Jeder Schuss für sich wäre schon tödlich, sagt der Rechtsmediziner dem Gericht.

Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft soll Marek K. dieser Räuber sein - und zwischen Februar 2014 und Juni 2015 zahlreiche Supermärkte in Niedersachsen, Thüringen, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Bayern überfallen haben. Angeklagt hat die Staatsanwaltschaft diejenigen 24 Fälle, die laut Oberstaatsanwalt Thomas Klinge nachzuweisen sind. Die Beute: etwa 30.000 Euro. Sie vermutet, dass er sogar bis zu 45 Märkte ausraubte.

Die Sonderkommission "Discounter" hatte bundesweit nach dem Täter gefahndet und ein aufwendiges Bewegungsprofil erstellt. Sie kam Marek K. auf die Spur, indem sie an den Tatorten die in der Nähe befindlichen Funkzellen auswertete. In vier Fällen stieß sie auf dieselbe Nummer: die von Marek K.s Mobiltelefon.

Aufnahme einer Überwachungskamera: Immer das gleiche Muster
Polizeidirektion Hannover

Aufnahme einer Überwachungskamera: Immer das gleiche Muster

Als Marek K. im Juni 2015 die Grenze nach Deutschland passierte, meldete sich sein Mobiltelefon nahe Cottbus am deutschen Netz an. Ein Spezialeinsatzkommando nahm ihn am folgenden Morgen auf einem Rasthof fest. Im verdeckten Rückteil des Beifahrersitzes seines schwarzen BMWs fanden die Beamten die gesuchte Waffe, durchgeladen und schussbereit. Im Kofferraum lagen deutsche Kennzeichen und ein Akkuschrauber.

Die 13. Große Strafkammer wickelt in den ersten sechs Prozesstagen die Beweisaufnahme über acht Raubüberfälle ab. Einige Zeugen können das Zittern oder Weinen vor Gericht nur schwer unterdrücken, sie alle berichten von der Brutalität des Täters: Er schoss einer Kassiererin in den Fuß, eine andere verfehlte er nur knapp, er schoss auf den Fußboden des Supermarkts, in die Decke, auf einen Spiegel. Einen Kunden traf ein Querschläger. Einer Angestellten schlug der Räuber die Waffe auf den Hinterkopf. Bei den acht Überfällen gab er 13 Schüsse ab.

Der Täter ging immer nach dem gleichen Muster vor: Er betrat kurz vor Ladenschluss den Supermarkt, bemühte sich, der letzte Kunde an der Kasse zu sein, legte einen oder wenige Artikel auf das Fließband, hielt Bargeld parat und zog dann die Waffe. Maskiert war er nicht, er trug keine Handschuhe, meist eine Schiebermütze. Die Beweise sind erdrückend. An allen Tatorten wurden DNA- oder Fingerspuren von ihm sichergestellt oder ballistische Spuren jener Waffe, die ihm gehörte und die er bei seiner Festnahme bei sich hatte. Die Zeugen beschreiben übereinstimmend einen Täter, der Marek K. zumindest ähnelt.

"Wer zweimal hintereinander abdrückt, der will töten"

Marek K. schweigt zu den Vorwürfen. Er ist ein wuchtiger Mann mit grau meliertem Haarkranz und Vollbart, der 42-Jährige wirkt zehn Jahre älter als er ist. Er hat drei Kinder, sie sind sieben, fünf und eineinhalb Jahre alt; ein gelernter Industriemechaniker ohne Arbeit, der bei Fiat in der Produktion arbeitete und zweimal als Gastronom scheiterte. Zuletzt habe er chinesische Waren auf Flohmärkten verkauft, sagte er einem Ermittler.

Das Gericht möchte auf die Beweisaufnahme in den 16 anderen Fällen verzichten und hat vorgeschlagen, das Verfahren abzukürzen; die Staatsanwaltschaft will nun einen entsprechenden Antrag stellen. Das Schwurgericht hatte 25 Termine für die Hauptverhandlung gegen Marek K. festgelegt, 145 Zeugen geladen. Es geht darum, Zeit und Kosten zu sparen. Das Gericht hat offenbar bereits ein detailliertes Bild gewonnen, und die Fortführung des Prozesses würde am zu erwartenden Strafmaß nichts ändern.

So verkündet der Vorsitzende Richter Wolfgang Rosenbusch am siebten Verhandlungstag eine "vorläufige Zwischenbilanz": Die Wahrscheinlichkeit, dass Marek K. der Täter sei, sei "sehr, sehr groß". Es ist eine Bewertung und Würdigung der bisherigen Beweisaufnahme, die einer Urteilsbegründung schon nahekommt. Für das Gericht scheint, zumindest vorläufig, die Lage klar zu sein.

Entscheidend ist die Tat vom 4. Dezember 2014, als Joey K. ums Leben kam. Die Art der Schüsse auf Joey K. sprechen nach Ansicht der Kammer gegen "ein zufälliges, aus dem Ruder gelaufenes Geschehen". Kein "dolus eventualis", bedingter Vorsatz, vielmehr ein "dolus directus 1. Grades", Absicht also. "Wer zweimal hintereinander abdrückt, der will töten", sagt Rosenbusch.

Rettungskräfte in Hannover am 4. Dezember 2014: Warum schoss Marek K. auf Joey K.?
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Rettungskräfte in Hannover am 4. Dezember 2014: Warum schoss Marek K. auf Joey K.?

Das Mordmotiv? Aus Sicht der Kammer: Habgier und die Ermöglichung einer anderen Straftat. Der Täter habe nicht geschossen, um unerkannt zu entkommen, meint Rosenbusch. Denn er hatte sich bei anderen Raubüberfällen auch nicht maskiert, nicht versteckt, dafür viele Spuren hinterlassen. "Das spricht eine deutliche Sprache." Wäre der sterbende Joey K. nicht auf die Beute gesackt, der Täter hätte sie ohne Aufwand mitnehmen können.

Das Schwurgericht geht zum jetzigen Zeitpunkt von einer lebenslangen Freiheitsstrafe aus, bei gleichzeitiger Feststellung der besonderen Schwere der Schuld, wie die Juristen sagen. Das bedeutet: Die Strafe kann - selbst bei günstiger Prognose - nach 15 Jahren noch nicht zur Bewährung ausgesetzt werden. Die Staatsanwaltschaft hatte in der Anklage außerdem Sicherungsverwahrung gefordert. Hat Marek K. den bedrohlichen Hang, ein derart kriminelles Inneres, dass er wieder schwerste Straftaten begehen würde? Quasi aufgrund charakterlicher Veranlagung?

Ein hohes Maß an krimineller Energie liege vor, konstatiert Richter Rosenbusch. Doch bei Marek K. könne man einen Hang nicht nachweisen. Die Tatserie begann im Februar 2014, aber was war zuvor? "Es gibt keinerlei Feststellung, dass Sie schwere Straftaten begangen haben - weder in Deutschland noch in Polen." Es gebe auch keine Warnungen. "Sie haben ein normales Leben geführt, wir können Ihnen keine Lebensführungsschuld zuweisen", sagt Rosenbusch. Die Voraussetzungen für die Anordnung der Sicherungsverwahrung nach Paragraf 66 des Strafgesetzbuchs sieht er nicht erfüllt.

"Als Mutter erträgt man das natürlich nicht"

Die Staatsanwaltschaft will ihre Forderung nun deshalb nicht weiterverfolgen, am 17. Februar könnte das Urteil gegen Marek K. ergehen.

Sollte Marek K. verurteilt werden, bleibt sein Motiv rätselhaft. In Hemmingen bei Hannover soll er zweimal denselben Supermarkt überfallen haben. Ein Ermittler vermutet vor Gericht, dass "die Geldnot so groß" war, dass Marek K. keine Zeit hatte, einen Überfall auf einen ihm fremden Markt vorzubereiten.

Bei einer Vernehmung soll Marek K. dem Beamten gesagt haben, er habe seiner Familie "etwas bieten wollen". Doch Kollegen, die sein Haus in Polen durchsuchten, konnten nichts finden, was solch eine Aussage stützen würde. "Vielleicht hatte er noch Ausstände oder andere Verbindlichkeiten", orakelt der Ermittler. Den Angeklagten beschreibt er dem Gericht als "kaltschnäuzig". Marek K. habe sich im Verhör für die Tatvorwürfe nicht interessiert, keinen Wert auf Details gelegt. Der Fahnder sagt, er habe ihm vorgerechnet, wie alt Marek K.s jüngste Tochter sei, wenn er die zu erwartende Strafe abgesessen habe. Marek K. habe ihm mit ruhiger Stimme geantwortet, dass seine Eltern im Alter von 62 und 63 Jahren gestorben seien und er davon ausgehe, in Deutschland zu sterben.

Ob er diese Aussage protokolliert habe, will Verteidiger Holger Nitz von dem Polizeibeamten wissen. Der kann sich nicht erinnern. Marek K. hat die Vernehmung nicht unterschrieben. Nitz bezweifelt, dass sein Mandant rechtmäßig belehrt wurde: "Marek K. ist über seine Rechte im Unklaren gelassen worden."

Richter Rosenbusch wendet sich am Ende seiner Zwischenbilanz noch mal an Cornelia K., Joeys Mutter. Er erklärt ihr, was Sicherungsverwahrung bedeutet: "Wir sperren einen Menschen ein, der seine Strafe schon verbüßt hat. Wir lassen ihn im Gefängnis, weil wir sagen, der ist so unglaublich gefährlich und so wenig einsichtig, dass wir die Gesellschaft vor ihm schützen müssen. Wir sperren ihn als Unschuldigen ein. Das kann in einem Rechtsstaat nur die Ultima Ratio sein."

Cornelia K. blickt ins Leere und nickt. "Als Mutter erträgt man das natürlich nicht", sagt Rosenbusch. Wenn Marek K. seine Strafe abgesessen habe, sei seine Schuld verwirkt. "Dann hat er eine zweite Chance. Eine Chance, die Joey nicht hatte."

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