Anhörung vor OLG Karlsruhe Neumanns Hoffnung nach 51 Jahren Knast

Hans-Georg Neumann sitzt so lange wie kein anderer Häftling in Deutschland im Gefängnis. Nun fand erneut eine gerichtliche Anhörung statt. Sein Anwalt fordert eine Übergangsphase, die seinen Mandanten auf die Freiheit vorbereiten soll.

Hans-Georg Neumann in der JVA Bruchsal (Archiv): Mehr als 50 Jahre hinter Gittern
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Hans-Georg Neumann in der JVA Bruchsal (Archiv): Mehr als 50 Jahre hinter Gittern

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Wahrscheinlich muss man Vergleiche bemühen, um zu begreifen, wie lange Hans-Georg Neumann schon eingesperrt ist. Als er wegen Mordes festgenommen wurde, war Konrad Adenauer noch Bundeskanzler, John F. Kennedy noch am Leben, die Fußball-Bundesliga noch nicht gegründet.

Neumann hat als junger Mann im Januar 1962 ein Liebespaar erschossen und wurde knapp anderthalb Jahre später verurteilt. Heute ist er 77 und sitzt noch immer hinter Gittern. Niemand in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland war länger Häftling als Neumann. Im Januar sind es 52 Jahre.

"In meinen Augen ist das ein Exempel für verlorene Menschenwürde", sagt Gerhard Bruch. Der emeritierte Pfarrer aus Berlin verfolgt den Fall Neumann seit Jahrzehnten. Anfang der siebziger Jahre stand er dem gelernten Feinblechner als ehrenamtlicher Vollzugshelfer zur Seite. Seit Neumann 1991 von Berlin in die JVA Bruchsal verlegt wurde, haben sie sich nicht mehr gesehen. Aber der Kontakt ist nie abgerissen, sie schreiben einander regelmäßig, etwa einmal im Monat, wie der 87-jährige Bruch erzählt. "Ich versuche, ihm ein bisschen Hoffnung zu geben."

Wer in Deutschland zu lebenslanger Haft verurteilt wird, muss mindestens 15 Jahre absitzen. Unter bestimmten Voraussetzungen kann die Strafe nach Ablauf dieser Zeit zur Bewährung ausgesetzt werden - entscheidend sind unter anderem das Sicherheitsinteresse der Allgemeinheit, die Persönlichkeit des Täters und dessen Verhalten im Vollzug (Paragraf 57und 57a Strafgesetzbuch). Im Schnitt kommt ein lebenslang Verurteilter in der Bundesrepublik etwa nach 20 Jahren frei.

Das Bundesverfassungsgericht hat 1977 entschieden, dass jeder Inhaftierte grundsätzlich die Chance haben muss, seine Freiheit wiederzubekommen. Ansonsten sei der Strafvollzug nicht menschenwürdig.

Neumann hat diese Chance mehrfach versucht zu ergreifen, doch alle Anträge auf Bewährung wurden abgelehnt, der letzte im Januar dieses Jahres. Die psychiatrischen Gutachter stellen ihm stets negative Prognosen. Zuletzt wurden ihm, so fasst es sein Anwalt Oliver Brinkmann zusammen, die Bereitschaft und die Fähigkeit abgesprochen, sich an Regeln halten zu können.

Gegen die erneute Ablehnung der Bewährung hat Neumann Beschwerde eingelegt. Am Mittwoch fand vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe eine Anhörung statt. Brinkmann zufolge geht es darum, ob ein sogenanntes Prognosedefizit vorlag, weil sein Mandant zuletzt nur zwei Ausführungen pro Jahr bekam, obwohl ihm ein Gericht sechs zugesprochen hatte. Grund für die Reduzierung sei eine kleine Menge Haschisch gewesen, die man bei Neumann gefunden habe, sagt Brinkmann. Ziel des Juristen: Das Gericht könnte eine Aussetzung der Strafe mit einem Übergangszeitraum von zwei bis drei Jahren anordnen. In dieser Zeit wäre Neumann weiter im Vollzug, würde aber mit einem abgestuften Lockerungsplan auf die Freiheit vorbereitet. Die Staatsanwaltschaft fordert die Ablehnung der Beschwerde.

"Mit Liebe war da nichts"

Die "taz" hatte den Fall im vergangenen Jahr bekannt gemacht, mit der Berliner Zeitung sprach Neumann ausführlich über sein Leben. Demnach verdingte sich seine Mutter im Berlin der dreißiger Jahre als Prostituierte. Neumann kam zunächst in ein Waisenhaus und wuchs schließlich bei Pflegeeltern auf. "Da herrschte Desinteresse", sagte er der Nachrichtenagentur dpa. "Mit Liebe war da nichts." Als Jugendlicher landete er wegen Diebstahls in einer Anstalt, später wanderte er nach Kanada aus, wurde wegen bewaffneten Raubüberfalls inhaftiert und schließlich ausgewiesen.

Zurück in Deutschland streifte er bewaffnet durch Berlin. So auch am Abend des 13. Januar 1962. Er stieg zu einem Pärchen ins Auto, setzte sich ans Steuer und fuhr davon. Als die Frau ihn mit ihrem spitzen Schuhabsatz attackierte, steuerte er den Wagen gegen einen Baum und erschoss anschließend beide. An die Tatnacht erinnere er sich nicht, beteuert Neumann bis heute.

Während Gutachter ihm laut "taz" mangelnde Einsicht oder Bindungslosigkeit attestieren, fühlt er sich oft schlecht behandelt. Neumann sei ein Einzelgänger, heißt es bei der JVA Bruchsaal. In Ruhe gelassen werden sei sein oberstes Ziel, sagt auch Bruch. "Er ist ein sturer Hammel und in seinen Erwartungen oft enttäuscht worden." In Berlin habe er einmal aus Protest monatelang seine Zelle nicht verlassen. Neumann sei aber auch an vielen Dingen interessiert. Er sei zum Beispiel ein toller Schachspieler. Bruch lässt ihm über Abonnements regelmäßig die Zeitschriften "Readers Digest" und "PM" zukommen.

Neumann betätigt sich im Gefängnis auch als Händler, so hat er es selbst in Interviews erzählt. Zigaretten, Kekse, Schokolade - begehrte Ware in einer Justizvollzugsanstalt. Brinkmann sagt, man werfe Neumann vor, dass er sich im Gefängnis eingerichtet habe. Aber das sei zu kurz gedacht im Falle eines Mannes, der seit einem halben Jahrhundert einsitzt.

Eine Entscheidung des Oberlandesgerichts Karlsruhe wird in zwei bis drei Wochen erwartet.

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Seite 1
morini 05.12.2013
1. also...
er hat zwei unschuldige Menschen erschossen und sitzt dafür den Rest seines Lebens ein. Vollkommen in Ordnung.
runna 05.12.2013
2. Mitleid mit einem Mörder fällt mir schwer
Mitleid mit einem Mörder fällt mir schwer und er hat gleich zwei auf dem Gewissen. 2 Leben sind heuzutage eben nur noch 15 Jahren (außer diese unsäglich höhnische 'Schwere der Tat', als ob es für (Mord-)Opfer da Abstufungen gibt). Bei der Weichspüler-Rechtsprechung hierzulande ist schon Gnade angebracht ... evtl. auch noch ordentlich Schmerzensgeld!
zick-zack 05.12.2013
3. wie soll das gehen?
Wie soll jemand nach so langer Zeil "Alles inklusive" wieder allein zurecht kommen? Die Welt hat sich inzwischen ja auch ein klein eenig verändert. Schwer vorstellbar!
ariovist1966 05.12.2013
4. Mangelnde Liebe
hat sich wohl, nach meiner Laienauffassung, in der Kindheit auf die Persönlichkeit des Täters ausgewirkt. Danach hat sich der Kast auf die Persönlichkeit des Inhaftierten ausgewirkt. Aber sicher können mangelnde Bindungsfähigkeit und mangelnde Einsicht doch kaum genügen, einen Menschen bis zum Schluss wegzusperren. Therapiert diesen Menschen, davon hat die Gesellschaft und er etwas.
doppelpost123 05.12.2013
5. Gefahr
Zitat von sysopDPAHans-Georg Neumann sitzt so lange wie kein anderer Häftling in Deutschland im Gefängnis. Nun fand erneut eine gerichtliche Anhörung statt. Sein Anwalt fordert eine Übergangsphase, die seinen Mandanten auf die Freiheit vorbereiten soll. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/hans-georg-neumann-sitzt-seit-mehr-als-50-jahren-im-gefaengnis-a-936948.html
Nachdem ich den Artikel gelesen habe, verstehe ich nicht, warum der Mann so lange im Gefängnis sitzt. Auf welcher Grundlage kommt man zu dem Schluss, dass er so gefährlich ist, dass er tatsächlich 50 Jahre ins Gefängnis muss. Leute, die bewaffnete Überfälle und einen Doppelmord begangen haben, dürften wohl zahlreich in deutschen Gefängnissen sitzen. Was macht ihn so gefährlich?
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