Skandal um Harvey Weinstein New Yorker Staatsanwalt verteidigt Verzicht auf Anklage

Ermittler in New York hatten Harvey Weinstein schon 2015 im Visier. Der Hollywoodproduzent entging einer Anklage - trotz einer belastenden Tonbandaufnahme. Nun gibt die Staatsanwaltschaft der Polizei die Schuld dafür.

Staatsanwalt Cyrus Vance (Archiv)
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Staatsanwalt Cyrus Vance (Archiv)


Die Vorwürfe von sexueller Belästigung bis hin zu Vergewaltigung gegen Harvey Weinstein beschäftigen auch die Strafverfolger. Der New Yorker Bezirksstaatsanwalt Cyrus Vance gerät unter Druck, weil sein Büro den Filmproduzenten nach Ermittlungen vor zwei Jahren nicht angeklagt hatte.

"Wenn wir Harvey Weinstein für dessen Verhalten im Jahr 2015 hätten anklagen können, hätten wir das getan", teilte die Staatsanwaltschaft laut BBC in einer Stellungnahme mit. Vance beschuldigte die New Yorker Polizei, nicht ausreichend Beweismittel für diesen Schritt geliefert zu haben.

Bemerkenswert ist in dem Zusammenhang vor allem eine Tonaufnahme der verdeckten Ermittlungen von 2015. Bei denen ist Weinstein beim Versuch zu hören, das Model Ambra Battilana Gutierrez in sein Hotelzimmer zu locken, nachdem er sie tags zuvor offenbar begrapscht hatte.

Im Video: Audiomitschnitt von sexueller Belästigung

"Warum hast Du gestern meine Brust angefasst?", fragt Gutierrez. "Oh bitte, es tut mir leid, komm' einfach rein. Ich bin das gewohnt", sagt Weinstein. "Du bist das gewohnt?", fragt das damals 22-jährige Model. "Ja, komm' rein", sagt Weinstein.

Die Polizei habe das Treffen arrangiert, ohne die Staatsanwaltschaft zu informieren, heißt es in der Stellungnahme. "Die Staatsanwälte hatten vor dem Treffen keine Gelegenheit, den Ermittlern Ratschläge darüber zu geben, was nötig ist, um eine Sexualstraftat zu beweisen."

Die "schreckliche" Tonbandaufnahme habe nicht ausgereicht, um eine Straftat nach New Yorker Gesetzen nachzuweisen, so das Büro des Bezirksstaatsanwalts. Deshalb habe man "keine andere Wahl gehabt, als die Ermittlungen ohne Anklage abzuschließen".

Öffentlich gemacht hatte die Tonaufnahme das Magazin "New Yorker". Zahlreiche Frauen berichteten in dem dazugehörigen Artikel von sexuellen Übergriffen Weinsteins. Frühere Kollegen in Weinsteins Unternehmen beschrieben zudem, dass sie Zeuge seiner sexuellen Annäherungsversuche geworden seien oder davon gewusst hätten.

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Harvey Weinstein: Skandal in Hollywood

Auch weitere prominente Schauspielerinnen haben sich inzwischen geäußert - nachdem zunächst Ashley Judd, Angelina Jolie, Gwyneth Paltrow und Heather Graham ähnliche Vorwürfe gegen Weinstein erhoben hatten. Die aus London stammende Schauspielerin Cara Delevingne beschrieb einen Vorfall mit Weinstein, bei dem sie sich "machtlos" gefühlt habe, als er sie in sein Zimmer einlud und versucht habe, sie auf den Mund zu küssen.

Die französische Top-Schauspielerin Léa Seydoux ("Blau ist eine warme Farbe", "James Bond 007: Spectre") beschrieb im britischen "Guardian", wie Weinstein in seinem Hotelzimmer auf sie gesprungen sei, um sie zu küssen. "Ich musste mich verteidigen. Er ist so groß und dick, dass ich viel Kraft brauchte, um mich zu widersetzen."

Alle Mädchen hätten Angst vor Weinstein gehabt, sagte Seydoux. "Er nutzte seine Macht aus, um Sex zu bekommen." Das Ekelhafteste sei gewesen: "Jeder wusste, was Harvey vorhatte, und keiner tat etwas. Es ist unglaublich, dass er jahrzehntelang so handeln und trotzdem noch Karriere machen konnte."

Ehefrau Georgina Chapman trennte sich von Weinstein. "Ich unterstütze ihre Entscheidung", teilte Weinstein mit. Er habe eine Therapie begonnen und könne die Beziehungen vielleicht wieder aufbauen, wenn es ihm "viel besser" gehe. Er übernahm die Verantwortung für das "viele Leid", das seine Familie in der vergangenen Woche erfahren habe.

Ob erneut Ermittlungen gegen den 65-Jährigen aufgenommen werden, ist unklar.

wit/dpa

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