Geschwistermord Zwei Brüder von Hatun Sürücü in der Türkei angeklagt

Sie trug kein Kopftuch und ging auf Partys - weil Hatun Sürücü sich nicht den Vorstellungen ihrer Familie anpasste, wurde sie 2005 erschossen. Nun ist in der Türkei Anklage gegen zwei ihrer Brüder erhoben worden.

Blumen und Kränze neben einem Gedenkstein (Archiv): Hatun Sürücü wurde 2005 von ihrem Bruder erschossen
DPA

Blumen und Kränze neben einem Gedenkstein (Archiv): Hatun Sürücü wurde 2005 von ihrem Bruder erschossen


Mehr als zehn Jahre nach dem Mord an der Deutsch-Türkin Hatun Sürücü wurden zwei ihrer Brüder nach Behördenangaben in der Türkei wegen Mordes angeklagt. Berlins Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) sei vom Bundesamt für Justiz über den Schritt der türkischen Behörden informiert worden, sagte seine Sprecherin.

Die 23-jährige Hatun Sürücü war am 7. Februar 2005 in Berlin von ihrem jüngsten Bruder erschossen worden, weil die Familie ihren westlichen Lebensstil nicht akzeptierte. Hatun Sürücü hatte sich nach einer Zwangsehe von ihrem ersten Mann getrennt, das Kopftuch abgelegt und ihren Sohn in Berlin allein aufgezogen. Sie feierte Partys und machte eine Ausbildung zur Elektroinstallateurin.

Der "Ehrenmord" hatte Deutschland erschüttert und eine Debatte über Integration und Parallelgesellschaften ausgelöst.

Flucht in die Türkei

Der Todesschütze wurde im Sommer 2014 nach verbüßter Haft nach Istanbul abgeschoben. Die jetzt angeklagten Brüder waren seit Jahren international zur Fahndung ausgeschrieben, nachdem sie sich in die Türkei abgesetzt hatten.

Beide waren 2006 in einem ersten Prozess in Berlin aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Der Bundesgerichtshof hatte die Freisprüche 2007 aufgehoben. Zu einem neuen Verfahren kam es aber wegen der Flucht der Brüder nicht mehr.

Die türkische Seite hatte 2013 ein eigenes Strafverfahren gegen die beiden Männer eingeleitet. Die Türkei liefert ihre Staatsbürger grundsätzlich nicht aus.

Prozessbeginn ungewiss

Justizsenator Heilmann begrüßte das jüngste Vorgehen der Istanbuler Staatsanwaltschaft. Die Berliner Justiz habe den türkischen Behörden alle Unterlagen zu dem Fall zur Verfügung gestellt. "Dass nun in der Türkei Anklage erhoben wurde, ist ein wichtiges Signal: Man kann sich durch Flucht nicht der Strafverfolgung entziehen", betonte der CDU-Politiker.

Zuerst hatte die "Bild am Sonntag" über den Fall berichtet. Laut den Angaben erhob die Generalstaatsanwaltschaft Istanbul am 10. März Anklage vor dem 10. Schwurgericht der Stadt wegen Mordes zum Nachteil eines Familienangehörigen. Wann der Prozess beginnt, ist noch unklar.

jme/dpa/AFP

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