Heckhoff und Michalski vor Gericht Lebenslang, Ausbruch, lebenslang

Fesseln, Käfig, Sprechverbot: Für die Häftlinge Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski gilt die höchste Sicherheitsstufe. Im November flohen sie aus der JVA Aachen und nahmen fünf Geiseln. Jetzt stehen sie vor Gericht - und wollen sich über unmenschliche Haftbedingungen beschweren.

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Hamburg - Kein Plastikbesteck mehr. Seit wenigen Tagen darf Peter Paul Michalski wieder mit Messer und Gabel aus Metall essen. Dreimal am Tag. Eine Stunde darf er auf dem Hof im Kreis gehen. In voller Fesselung und nur, wenn die anderen Häftlinge weggeschlossen sind. Die restlichen 23 Stunden hockt er allein in seiner Zelle mit einem Bett, einem Klo und einem Radio. Michalski sitzt in Isolationshaft in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld (JVA). Er darf mit niemandem sprechen und niemand mit ihm.

140 Kilometer entfernt, in der JVA Bochum, hat auch Michael Heckhoff Sprechverbot. Einmal pro Tag darf er im sogenannten "Käfig", einem eingezäunten Kasten unter freiem Himmel, seine Runden drehen - begafft von anderen Häftlingen. Wer ihn anredet, bekommt Ärger. Wenn Heckhoff spricht, wird er wieder in seine Einzelzelle gesperrt.

Die beiden Schwerverbrecher sollen für ihren spektakulären Ausbruch aus dem Aachener Gefängnis büßen: Am 26. November vergangenen Jahres waren Heckhoff und Michalski mit Hilfe eines JVA-Angestellten aus dem Hochsicherheitstrakt geflohen - beide schwer bewaffnet mit JVA-Dienstpistolen der Marke Heckler & Koch samt 16 Schuss Munition. Ein kleines Wunder ist es, dass in den Tagen ihrer Flucht keine ihrer fünf Geiseln schwer verletzt wurde oder gar ums Leben kam.

Ab Donnerstag stehen Heckhoff und Michalski vor dem Landgericht Aachen, angeklagt wegen schwerer räuberischer Erpressung, erpresserischen Menschenraubes und Geiselnahme. Beide sind bereits zu lebenslanger Haft und Sicherungsverwahrung verurteilt. Sie haben nichts mehr zu verlieren.

Heckhoff verbrachte 15 Jahre in Einzelhaft

Wird das Gericht die Haftzeit der beiden Schwerkriminellen schlichtweg verlängern, wird man sie mit einer zweiten Sicherungsverwahrung weiterhin wegschließen? Oder wird im Rahmen des Prozesses auch der Umgang der Gesellschaft mit Langzeithäftlingen und deren Chancen auf eine Rückführung diskutiert?

Auf letzteres hoffen die Verteidiger der beiden Angeklagten: Heckhoffs Rechtsanwalt, Rainer Dietz aus Aachen, will das Verfahren nutzen, "um Missstände im Vollzug" aufzuzeigen. Speziell die JVA Aachen sei laut Heckhoff "ein regelrechter Sumpf", so Dietz. Michalskis Verteidiger, Andreas Chlosta aus Bielefeld, sagt: "Der Kernpunkt des Vollzugs ist Resozialisierung. Nur, gibt es überhaupt ein Gesamtkonzept?"

Heckhoff ist 51 Jahre alt. 25 Jahre seines Lebens verbrachte er im Gefängnis, 15 davon in Einzelhaft. Bevor er in die JVA Aachen kam, saß er in Köln ein. Dreimal im Jahr durfte er damals unter Aufsicht seine Tante oder seine Bekannte besuchen. Im Jahr 2008 wurde ihm sogar in Aussicht gestellt, 2014 noch mehr Freiheiten zu bekommen, sagt sein Verteidiger.

Doch Schwerkriminelle wie der gebürtige Mülheimer müssen in unregelmäßigen Intervallen zwischen drei und fünf Jahren die JVA wechseln, damit sie keine festen Bindungen zu anderen Gefangenen oder dem Gefängnispersonal aufbauen können. So landete Heckhoff im Frühjahr 2009 im Hochsicherheitstrakt von Aachen. Plötzlich seien ihm seine begleiteten Freigänge - sogenannte Ausführungen - gestrichen worden, sagt Dietz. "Heckhoff hatte von der Anstaltsleitung erfahren, er brauche sich für die nächsten 15 Jahre keine Hoffnungen auf Haftentlassung zu machen. Diese Perspektivlosigkeit setzte ihm zu."

"Er wird einiges zu sagen haben"

In Heckhoffs Auftrag verklagte Dietz im September 2009 die JVA Aachen, das Verfahren läuft noch. Dass sein Mandant einen Monat später fliehen würde, sei damals nicht absehbar gewesen. "Dafür gab es keinerlei Anhaltspunkte", erklärt Dietz. Der Ausbruch sei vielmehr eine "Spontanentschluss" gewesen, die "ohne Hilfe von innen nicht funktioniert" hätte.

Heckhoff wird sich zum Prozessauftakt am Donnerstag weder zu den Tatvorwürfen noch zu seiner Person einlassen, kündigt sein Anwalt an. "Aber wenn er sieht, dass sich das Gericht für die Zustände in der JVA interessiert, wird er zur für ihn fragwürdigen Politik der Anstaltsleitung einiges zu sagen haben, was dieser sicherlich nicht gefallen wird", konstatiert Dietz. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hat Heckhoff die ihm vorgeworfenen Taten in den Vernehmungen weitgehend gestanden.

Sein Kompagnon Michalski ist heute 46 Jahre alt, ein verurteilter Mörder und besonders gewalttätiger Mehrfachtäter: 1993 erschoss er im Hafturlaub einen Mittäter - und erhielt dafür eine lebenslange Haftstrafe. Das Bielefelder Landgericht stellte im März 1995 die besondere Schwere der Schuld fest.

Seine Strafe musste er im "Kühlschrank" absitzen

Insgesamt saß Michalski 17 Jahre in Isolationshaft. In der JVA Bochum musste er beispielsweise seine Strafe im sogenannten "Kühlschrank" absitzen. Das heißt: Man darf keine persönlichen Gegenstände mit in die Zelle nehmen. Am Abend musste sich Michalski komplett ausziehen, seine Kleidung in einen Karton stecken, den Karton aus der Zelle reichen. Im Gegenzug bekam er einen Schlafanzug und Pantoffeln ausgehändigt.

Michalski kennt durch die Rochaden, bei denen Schwerkriminelle von einem Gefängnis ins andere verschoben werden, so ziemlich jeden Knast in Nordrhein-Westfalen. Anfang 2006 war er von der JVA Wuppertal nach Aachen verlegt worden.

Nach Angaben seines Anwalts will sich Michalski im bevorstehenden Prozess erstmals zu den Tatvorwürfen äußern, im Mittelpunkt seiner Erklärung soll sein Motiv stehen. "Unserer Ansicht nach war es zu erwarten, dass es zu solch einer Katastrophe kommt", sagt Chlosta. Michalski habe sich in einem "Tunnel ohne Aussicht" befunden, der stete Wechsel von Gefängnis zu Gefängnis und das Gefühl, ständig wieder bei null anfangen zu müssen, hätten ihn zermürbt.

Häftlinge wie sein Mandant seien "eine harte Linie" gewohnt und würden sich der auch beugen, "aber sie wollen sich eben auch nicht mit falschen Versprechungen verarschen lassen", sagt Chlosta.

Michalski habe nicht geglaubt, dass die Haftbedingungen für ihn noch schlimmer werden könnten. Doch es ging schlimmer: Seit dem spektakulären Ausbruch darf er seinem Anwalt jetzt nur noch mit einem ledernen Bauchgurt begegnen, an dem seine Handschellen befestigt sind. Als er sich vor kurzem beim Hofgang bückte, um ein herabgefallenes Blatt vom Boden aufzuheben, wurde er seinem Verteidiger zufolge sofort ins Gebäude zurückgescheucht. Dort musste er sich ausziehen, weil das JVA-Personal sicherstellen wollte, dass er nichts an sich genommen hatte.



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Oskar ist der Beste 19.05.2010
1. so nicht
Zitat von sysopFesseln, Käfig, Sprechverbot: Für die Häftlinge Michael Heckhoff und Peter Paul Michalski gilt die höchste Sicherheitsstufe. Im November flohen sie aus der JVA Aachen und nahmen fünf Geiseln. Jetzt stehen sie vor Gericht - und wollen sich über unmenschliche Haftbedingungen beschweren. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,695523,00.html
also, es handelt sich um Kriminelle, die ihre Strafe absitzen muessen...aber nach 15 Jahren sollte eigentlich gemaess den Richtlinien des Bundesverfassungsgerichtes eine vorzeitige Entlassung in Erwaegung gezogen werden, sofern die Taeter nicht mehr gefaehrlich sind; ist das aber nicht moeglich, so muessen die Haftbedingungen menschenwuerdig sein, denn Art. 1 gilt auch und gerade fuer Strafgefangene...und was in dem SPON Beitrag beschrieben ist, ist eines modernen Rechtstaates unwuerdig und erinnert eher an Guantanamo.
marypastor 19.05.2010
2. Wuerdig ?
Zitat von Oskar ist der Bestealso, es handelt sich um Kriminelle, die ihre Strafe absitzen muessen...aber nach 15 Jahren sollte eigentlich gemaess den Richtlinien des Bundesverfassungsgerichtes eine vorzeitige Entlassung in Erwaegung gezogen werden, sofern die Taeter nicht mehr gefaehrlich sind; ist das aber nicht moeglich, so muessen die Haftbedingungen menschenwuerdig sein, denn Art. 1 gilt auch und gerade fuer Strafgefangene...und was in dem SPON Beitrag beschrieben ist, ist eines modernen Rechtstaates unwuerdig und erinnert eher an Guantanamo.
Welche Haftbedingungen sind denn fuer Schwerverbrecher "wuerdig" ? Haben die jemals an Wuerdigkeit gedacht, als sie ihre Verbrechen begingen ? Solche Leute sind eine Gefahr und eine Belastung fuer die Gesellschaft und verdienen keine Konzessionen.
boam2001, 19.05.2010
3. Krasse Zustände im Strafvollzug in NRW - Ministerin Müller-Piepenkötter lässt grüßen
Wenn es stimmt, das Michalski 17 Jahre in Isolationshaft verbracht hat, dann ist das schon ziemlich hart. Da wundert es mich kaum, wenn es im Strafvollzug gerade in NRW drunter und drüber geht und die Justizministerin Müller-Piepenkötter ständig unter Beschuß wegen der unhaltbaren Haftbedingungen in NRW steht. Wenn man - wie in der JVA Bochum - seine Haftzeit in einem sog. "Kühlschrank" verbringen muss, wo persönliche Gegenstände nicht erlaubt sind, man sich am Abend komplett ausziehen musste und seine Kleidung in einen Karton stecken und diesen aus der Zelle reichen, dann erinnert mich das irgendwie an Guantanamo. Es mag sein, daß die schweren Jungs einiges auf dem Kerbholz haben, daß rechtfertigt es meiner Ansicht nach jedoch nicht, diese so menschenunwürdig zu behandeln.
john mcclane, 19.05.2010
4.
Wenn jemand hier die ach so unmenschlichen Haftbedingungen anprangert, unter denen die beiden Kadetten jetzt zu leiden haben, dann kann man nur sagen: Selbst schuld, da sehen sie mal, wie gut sie es hatten vor ihrem Ausbruch. Diese kriminelle Energie auf mangelnde Resozialisierung zurückzuführen, ist schon reichlich dreist. Ich fürchte aber, das das nur ein Vorgeschmack ist, was uns während des Prozesses erwartet. Das entwürdigende Theater, das RA Dietz während des "Anhaltermord-Prozesses" abgezogen hat, ist den Leuten rund um Aachen noch in schlechtester Erinnerung. Das sich Prozessbeteiligte vor Gericht so benehmen dürfen, wie es dieser Winkeladvokat getan hat, treibt einem den Mageninhalt nach oben...
gsm900, 19.05.2010
5. Mir kommen die Tränen
Zitat von boam2001Wenn es stimmt, das Michalski 17 Jahre in Isolationshaft verbracht hat, dann ist das schon ziemlich hart. Da wundert es mich kaum, wenn es im Strafvollzug gerade in NRW drunter und drüber geht und die Justizministerin Müller-Piepenkötter ständig unter Beschuß wegen der unhaltbaren Haftbedingungen in NRW steht. Wenn man - wie in der JVA Bochum - seine Haftzeit in einem sog. "Kühlschrank" verbringen muss, wo persönliche Gegenstände nicht erlaubt sind, man sich am Abend komplett ausziehen musste und seine Kleidung in einen Karton stecken und diesen aus der Zelle reichen, dann erinnert mich das irgendwie an Guantanamo. Es mag sein, daß die schweren Jungs einiges auf dem Kerbholz haben, daß rechtfertigt es meiner Ansicht nach jedoch nicht, diese so menschenunwürdig zu behandeln.
aber der Apostel Matthäus hat Recht (5,3).
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