Panorama

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Angriff auf Flüchtlinge in Heilbronn

Rentner zu fünf Jahren Haft verurteilt

Willi B. stach auf mehrere Flüchtlinge ein. Nun hat das Landgericht Heilbronn ihn unter anderem wegen versuchten Mordes verurteilt. Der Rentner habe "unter dem Eindruck einer persönlichen Krise" gehandelt.

Von Wiebke Ramm

DPA

Landgericht Heilbronn

Mittwoch, 31.10.2018   15:36 Uhr

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Was genau am Abend des 17. Februar im Kopf von Willi B. vorgegangen ist, lässt sich wohl nicht mehr klären. Ein verfestigtes rechtsextremes Weltbild haben die Richter bei dem 70-jährigen Rentner jedenfalls nicht finden können. Die Schwurgerichtskammer am Landgericht Heilbronn hat den Russlanddeutschen wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von fünf Jahren verurteilt. Willi B. hatte auf drei junge Flüchtlinge eingestochen und sie zum Teil erheblich verletzt.

Der 70-Jährige war an jenem Abend alkoholisiert mit einem Messer aus seiner Wohnung zum nahegelegenen Heilbronner Marktplatz gelaufen. Dort stach er auf einen 17-jährigen Afghanen, einen 25-jährigen Iraker und einen 19-jährigen Syrer ein. Dass Willi B. einen weiteren Flüchtling angegriffen hat, wie es in der Anklage hieß, hat die Beweisaufnahme nicht ergeben.

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Willi B. selbst hatte noch in der Tatnacht gegenüber Polizisten gesagt, er habe ein Zeichen gegen die Flüchtlingspolitik von Kanzlerin Angela Merkel setzen wollen. Nach Überzeugung der Schwurgerichtskammer unter Vorsitz von Roland Kleinschroth habe der Angeklagte sich dazu jedoch "spontan unter dem Eindruck einer persönlichen Krise" und im Zustand erheblich verminderter Schuldfähigkeit entschlossen.

Verteidigung will nicht in Revision gehen

Willi B. hatte am Tattag getrunken. Der Alkohol vertrug sich nach Einschätzung eines Gutachters nicht mit den Medikamenten, die er nahm. Willi B. leidet zudem an Diabetes, was damals noch nicht erkannt worden war, und an beginnender Demenz. Hinzu kam die Sorge um seine Tochter, die den 70-Jährigen an jenem Abend wohl sehr umgetrieben hatte. Alles zusammen habe dazu geführt, dass Willi B. sein Verhalten zur Tatzeit nur noch sehr eingeschränkt habe steuern können.

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Die Tat sei heimtückisch begangen worden. Da Willi B. den drei Flüchtlingen körperlich unterlegen war, habe er von hinten auf seine arglosen Opfer eingestochen. Heimtücke ist ein Mordmerkmal. Der Rentner habe die Tragweite seiner Handlungen jedoch nicht erfasst, weswegen die Richter nicht zusätzlich noch von niedrigen Beweggründen ausgegangen sind. Zugunsten des 70-Jährigen wertete das Gericht seine Reue, seine Entschuldigung bei den Opfern, die er jeweils mit 2000 Euro entschädigt hat, und dass Willi B. keine Vorstrafen hat.

Die Verteidigung wird gegen das Urteil nicht in Revision gehen, wie Anwältin Anke Stiefel-Bechdolf dem SPIEGEL auf Nachfrage mitteilte. Die Verteidigerin von Willi B. hatte in ihrem Plädoyer eine Bewährungsstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung beantragt. Staatsanwaltschaft und Nebenklage sahen versuchten Mord als erwiesen an. Statt fünf hatten sie sieben Jahre Gefängnis gefordert.

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