Angriff auf Flüchtlinge in Heilbronn Bluttat im "geordneten Dämmerzustand"

War Willi B. bei klarem Verstand, als er im Februar in Heilbronn auf mehrere Flüchtlinge einstach? Nein, meint ein psychiatrischer Gutachter. Seine Analyse macht den Fall für das Gericht nicht einfacher.

Angeklagter mit Anwältin im Landgericht Heilbronn (Archivfoto)
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Angeklagter mit Anwältin im Landgericht Heilbronn (Archivfoto)

Von Wiebke Ramm, Heilbronn


Nach Ansicht des Gutachters war Willi B. nicht er selbst, als er an einem Samstagabend im Februar in den Keller ging, ein Jagdmesser holte, seine Jacke anzog, durch die Straßen Heilbronns zum Marktplatz lief und dort vor einer Kirche auf drei junge Männer aus einer Gruppe von Flüchtlingen einstach. Der 70-jährige Russlanddeutsche muss sich vor dem Landgericht Heilbronn wegen versuchten Mordes verantworten. Nie zuvor war Willi B. straffällig geworden. In seiner Wohnung fanden die Ermittler nichts, was auf eine rechtsradikale Gesinnung hinweist.

Willi B. selbst sagte dem psychiatrischen Gutachter Kristian Olav Rosenau, er könne sich an die Tat nicht erinnern. Er wisse noch, dass er zu Hause das Essen zubereitet habe, irgendwann sei er ins Badezimmer gegangen. Dort sei ihm schwindelig geworden, er meine, dass er umgefallen und wieder aufgestanden sei. Dann setze die Erinnerung erst wieder ein, als ihm Handschellen angelegt worden seien und er einen heftigen Schmerz verspürt habe. Seine Schulter war ausgekugelt. Möglicherweise geschah dies, als Passanten Willi B. überwältigten, um Schlimmeres zu verhindern.

Psychiater Rosenau nimmt Willi B. seine Erinnerungslücke ab, er glaubt ihm auch, dass er sich seine Tat selbst nicht erklären kann. Der Gutachter spricht vor Gericht von einem amnestischen Zustand, in dem sich der Angeklagte befunden habe, eine Form der Bewusstseinsstörung.

Nicht bei klarem Verstand

Gleich mehrere Dinge hätten zu diesem Zustand geführt. Willi B. hatte am Tattag getrunken, was sich womöglich nicht mit den Medikamenten vertrug, die er nahm. Er hat Diabetes, was damals weder erkannt war noch behandelt wurde. Er leidet an beginnender Demenz. Und er hatte sich vermutlich kurz zuvor aus Sorge um seine Tochter sehr aufgeregt.

Alles zusammen führte laut Rosenau dazu, dass Willi B. sein Verhalten zur Tatzeit nur noch sehr eingeschränkt steuern konnte. Der Psychiater spricht von einem "geordneten Dämmerzustand", in dem sich Willi B. befunden habe. Er sei zwar nicht gegen Bäume gelaufen, habe zielgerichtet gehandelt, doch eben nicht bei klarem Verstand. Folgen die Richter dem Gutachter, dann war Willi B. erheblich vermindert schuldfähig. Seine Strafe könnte deutlich gemildert werden.

Gutachter Rosenau sagt, er glaube nicht, dass von dem Angeklagten noch eine Gefahr für die Allgemeinheit ausgehe. Der Vorsitzende Richter Roland Kleinschroth ist skeptisch. "Es hätte jeden treffen können", sagt er. "Woher nehmen Sie die Gewissheit, dass von Herrn B. für die Allgemeinheit nicht wieder eine solche Gefahr ausgeht?"

Straftaten ähnlicher Art seien nicht zu erwarten, weil die Ausgangsbedingungen nicht mehr vorhanden seien, sagt der Gutachter. Die Diabetes werde behandelt, Alkohol werde Willi B. wohl zukünftig meiden. Und eine Amnesie sei ein sehr seltenes und in der Regel einmaliges Lebensereignis.

Wie passt eine fehlende Erinnerung zu sprudelnden Erklärungsversuchen?

Noch in der Tatnacht hatte Willi B. sich bei der Polizei geäußert. Er wollte reden, so der Eindruck der Beamten. Sie sagten ebenfalls vor Gericht aus. Sie bemühten sich damals, die Worte mitzuschreiben, die aus Willi B. heraussprudelten. "Ich wollte ein Zeichen setzen. Ich bin schuldig, Ich habe Scheiße gebaut", so notierte es ein Polizist.

Und weiter: "Was mit Deutschland passiert, ist unmöglich. Ich wollte nur ein Zeichen setzen, niemanden umbringen. Ich bin doch kein Staatsfeind. Ich bin für Deutschland." Er habe niemanden Schmerzen zufügen wollen. "Ich wollte nur ein Zeichen setzen. Das war nicht aus Hass. Ich wollte ein Zeichen gegen die Politik setzen." So ähnlich hatte es am vergangenen Verhandlungstag auch ein Streifenpolizist geschildert, der als Erster am Tatort war. Willi B. "ein politisches Zeichen gegen Angela Merkel" setzen wollen, das habe der Rentner ihm gesagt.

Wie passt das alles zusammen? Wie passt eine fehlende Erinnerung zu sprudelnden Erklärungsversuchen? Das fragt sich auch das Gericht . "Ich sage es ganz offen", sagt Richter Kleinschroth. "Für mich stellt sich die Bewertung des Falles als nicht ganz einfach dar."

Auch die Familie von Willi B. rätselt. Seine Verteidigerin verliest einen Brief seiner Tochter. Darin beteuert die junge Frau, ihr Vater habe keine fremdenfeindliche Gesinnung habe. Er sei ein herzlicher, zuvorkommender und hilfsbereiter Mensch. Auch sie und ihre Mutter suchten noch immer nach einer Antwort auf das Warum.

Der Angeklagte weint

Die einzige mögliche Erklärung der Tochter sind Gespräche über ihre Zukunft auf ihrer Geburtstagsfeier. Die Tochter lebt bei ihren Eltern, am 16. Februar wurde sie 27 Jahre alt, einen Tag später feierte sie mit der Familie zu Hause. Es war der Samstag, an dem Willi B. gegen 21.20 Uhr auf den Marktplatz ging und wahllos auf Flüchtlinge einstach.

Es sei in den Gesprächen um ihre berufliche Situation gegangen. Sie habe ihr Studium mit guten Noten abgeschlossen, doch auch Monate danach noch keinen Job gefunden, schreibt die Tochter. Die Situation belaste auch ihren Vater sehr.

Willi B. lehne es ab, staatliche Leistungen in Anspruch zu nehmen. Die Tochter sah jedoch für sich keine andere Möglichkeit, als Arbeitslosengeld zu beantragen, darüber sei an dem Tag gesprochen worden. Sie habe lange überlegt, ob dies den Vater möglicherweise zu seiner Tat bewogen habe. "Ich weiß es nicht", schreibt die Tochter.

Willi B. weint, während er die von der Anwältin verlesenen Worte seines Kindes hört.

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