Prozess zu Messerangriff in Heilbronn "Er hat mein Leben zerstört"

Willi B. hat vier junge Männer mit einem Messer attackiert - vor Gericht schildern die Opfer, wie sie der Angriff bis heute verfolgt. Der Täter behauptet, er hatte einen Filmriss: "Mir ist die ganze Geschichte so peinlich."

Tatort Kilianskirche in Heilbronn
imago/Volker Preußer

Tatort Kilianskirche in Heilbronn

Von Wiebke Ramm, Heilbronn


Willi B.s Augen funkeln. "Moment mal!", ruft der 70-Jährige: "Ich möchte mich entschuldigen!" Willi B. betont den Satz mit deutlichem Ausrufungszeichen. Doch der junge Iraker, dem er ihn am Dienstag im Schwurgerichtssaal des Landgerichts Heilbronn hinterherruft, will davon nichts hören. Samer A. will einfach nur raus aus dem Saal.

Willi B. steht wenige Meter vor ihm und sieht ihn herausfordernd an. Samer A. blickt nicht zum Angeklagten, er blickt zum Dolmetscher. "Ich möchte das nicht annehmen", sagt der 26-Jährige: "Er hat mein Leben zerstört." Willi B. will weiterreden, seine Verteidigerin hält ihn zurück.

Am 17. Februar, einem Sonnabend, hat der Rentner Willi B. kurz nach 21 Uhr auf dem Marktplatz von Heilbronn mit einem Küchenmesser ohne jede Vorwarnung auf Samer A. eingestochen. Die 19 Zentimeter lange Klinge drang durch seinen linken Unterarm und durchtrennte einen Nerv. Seither kann Samer A. zwei Finger nicht mehr bewegen, die Hand ist taub. Seit Dienstag muss sich Willi B. wegen versuchten Mordes in vier Fällen vor Gericht verantworten. Denn Samer A. ist nicht das einzige Opfer.

"Wir versuchen zu verstehen, was in Herrn B. vorgeht"

Willi B. hat an jenem Abend noch auf zwei andere junge Flüchtlinge eingestochen, ein weiterer konnte den Stichen ausweichen. Dass niemand zu Tode kam, ist nach Ansicht der Staatsanwaltschaft dem Zufall zu verdanken. "Der Angeklagte spielte sich als Herr über das Leben und die körperliche Unversehrtheit von Menschen auf", trägt die Staatsanwältin zu Prozessbeginn aus der Anklage vor.

Willi B. habe wahllos auf Menschen eingestochen, die er für Ausländer hielt. Er habe dabei ihren Tod billigend in Kauf genommen. Aus Sicht der Anklagebehörde handelte Willi B. rassistisch motiviert. Er habe ein Zeichen gegen die aktuelle Flüchtlingspolitik setzen wollen, soll er gegenüber der Polizei gesagt haben. Die Staatsanwaltschaft wertet die Tat als versuchten Mord. Willi B. sei zur Tatzeit erheblich alkoholisiert, aber dennoch voll schuldfähig gewesen. Seine Verteidigerin bezweifelt das, sie geht von verminderter Schuldfähigkeit aus.

"Wir versuchen zu verstehen, was in Herrn B. vorgeht", sagt der Vorsitzende Richter Roland Kleinschroth zu Beginn der Verhandlung. "Wenn er das nur selber wüsste", entgegnet Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf. Vor Gericht werde sich Willi B. nicht zu den Anklagevorwürfen äußern, auch das sagt sie. "Er sieht sich dazu weder psychisch noch physisch in der Lage."

Angeklagter B. im Landgericht Heilbronn
DPA

Angeklagter B. im Landgericht Heilbronn

Aber zu seiner Person äußert sich Willi B. Und gleich am Anfang sagt er: "Mir ist die ganze Geschichte so peinlich."

Willi B. trägt Brille, ein kariertes Hemd unter blauem Pullover zu dunkler Stoffhose und Turnschuhen. Er ist von kleiner, schmaler Gestalt. Seinen verbliebenen Haarkranz hat er kurzgeschoren. Willi B. nuschelt und spricht gebrochen Deutsch mit stark russischem Akzent. Seiner Erzählung ist schwer zu folgen. Er springt hin und her, spricht in unvollständigen, undeutlichen Sätzen.

Die Staatsanwaltschaft wertete die Tat zunächst nicht als versuchten Mord, sondern nur als gefährliche Körperverletzung. Und die Polizei nannte B. in einer ersten Pressemitteilung einen russischen Staatsbürger. Tatsächlich hat B. auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Als Russlanddeutscher ist er in Kasachstan geboren, später ins russische Sotschi gezogen und kam 1991 mit Frau und Tochter nach Baden-Württemberg. "Ich wollte als Deutscher in Deutschland leben", sagt er auf Frage des Richters. Er habe sich "von klein auf" als Deutscher gefühlt. In Heilbronn hat er zuletzt als Hausmeister gearbeitet.

Nichts gefunden, "was in eine rechtsradikale Ecke geht"

"Würden Sie sich als politischen oder unpolitischen Menschen bezeichnen?", fragt der Richter. "Als unpolitisch, eigentlich", sagt B. Politisch habe er sich nie engagiert. Zuvor hatte Richter Kleinschroth erwähnt, dass bei der Durchsuchung der Wohnung von Willi B: nichts gefunden wurde, "was in eine rechtsradikale Ecke geht".

Gegenüber dem psychiatrischen Sachverständigen Kristian-Olav Rosenau hat sich der Angeklagte auch zu den Tatvorwürfen geäußert. Am Vortag habe seine Tochter Geburtstag gehabt, am Tattag sollte mit der Familie gefeiert werden. Er habe das Essen vorbereitet, dabei Schnaps getrunken. Ihm sei mehrfach schwindelig geworden, vielleicht sei er auch umgekippt.

Die Angaben sind verworren, lückenhaft. Dass er Menschen mit einem Messer verletzt hat, "daran kann er sich überhaupt nicht erinnern", habe B. dem Psychiater gesagt. Er wisse nicht, wie er auf den Markplatz gekommen sei, auch nicht, woher er das Messer habe. Die Erinnerung setze erst wieder ein, als er von Polizisten an den Händen gefesselt wurde.

Der Psychiater konfrontierte Willi B. auch mit den Sätzen, die er bei der Polizei gesagt haben soll. Dass er mit der Tat ein Zeichen gegen die Flüchtlingspolitik habe setzen wollen. "Er kann sich gar nicht vorstellen, das gesagt zu haben, er ist doch selber fremd", habe B. gesagt, berichtet der Psychiater.

Willi B. hat seinen Opfern Briefe geschrieben und ihnen 2000 Euro gezahlt. Er schrieb, er wisse, dass er Schreckliches getan habe. Der Richter verliest die Briefe im Saal. "Ich bin kein Fremdenhasser oder Rechtsextremist", heißt es darin. Und dass Willi B. das Geschehen selbst nicht begreifen könne. Er sei total betrunken gewesen. Dann führte er allerhand Krankheiten an, an denen er leide: Krebs, Diabetes, Herzoperationen, Magengeschwüre. "Das alles hat, glaube ich, dazu geführt, dass ich voll unzurechnungsfähig war", schrieb B. Er bereue die Tat sehr und hoffe, dass es seinen Opfern wieder besser gehe.

Die Opfer leiden unter Angst- und Panikattacken

Samer A. aber geht es nicht besser. Der Iraker sagt an diesem Tag vor Gericht aus. Bis zur Tat hat er als Bäcker gearbeitet. Das geht derzeit nicht mehr. Dafür braucht er beide Hände, durch den Messerstich kann er seine linke Hand kaum noch benutzen. Auch das Schreiben geht nicht, Samer A. ist Linkshänder. Hinzu kommen die psychischen Folgen. Samer A. leidet unter Schlafstörungen, Panikattacken und Depression.

"Ich bin aus dem Irak hierhergekommen, um in Sicherheit zu leben. Seit ich angegriffen wurde, habe ich Albträume", sagte Samer A. in seiner Vernehmung bei der Polizei. Der Richter verliest die Sätze aus dem Protokoll. "Mein Leben ist nun einfach nur die Hölle", sagte A. den Polizisten.

Auch Mohammad T. berichtet vor Gericht von den Folgen der Tat. Ihm stieß Willi B. das Messer in den Bauch. Der damals 17-jährige Flüchtling aus Afghanistan hatte Glück, dass keine inneren Organe verletzt wurden. "Ich habe immer noch Angst", sagt T. vor Gericht. Jede Nacht wache er auf. Und alleine traue er sich kaum noch auf die Straße. "Ich frage mich die ganze Zeit, warum er das gemacht hat."

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