Totschlagsprozess gegen Rentnerin Der emotionale Appell des Richters

Elisabeth S. soll den ihr anvertrauten kleinen Ole getötet haben, sie ist angeklagt wegen Totschlags. Im Prozess schweigt die 70-Jährige. Das Gericht macht ihr Mut, sich zu öffnen.

Angeklagte Rentnerin im Heilbronner Landgericht (Archivfoto)
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Angeklagte Rentnerin im Heilbronner Landgericht (Archivfoto)

Von , Heilbronn


Seit mehr als 23 Jahren ist Roland Kleinschroth Vorsitzender Richter am Landgericht Heilbronn. Mit seiner Kammer musste er Urteile fällen und Schicksale besiegeln, die ihn bei aller Professionalität berührt haben. Das merkt man an der Art, wie er seine Hauptverhandlungen führt, wie er Zeugen behandelt, wie er mit Prozessbeteiligten spricht.

In diesem Fall: mit Staatsanwalt Harald Lustig, der davon überzeugt ist, dass die Angeklagte Elisabeth S. den kleinen Ole erwürgt hat; mit der Angeklagten, die zu den Vorwürfen schweigt; mit den Nebenklägern, Oles Eltern, die hoffen, in diesem Prozess zu erfahren, warum ihr sieben Jahre alter Sohn starb.

Mehr als fünf Jahre lang pflegte das Paar eine innige Beziehung zu Elisabeth S. Für die alleinlebende Rentnerin war Ole wie ein Enkel, sie für das Kind wie eine Großmutter. Sie passte auf ihn auf, unternahm mit ihm Ausflüge, betreute ihn über Nacht.

Am ersten Verhandlungstag hatte Kleinschroth zu Oles Eltern gesagt, er könne es ihnen nicht versprechen - aber das Gericht werde alles dafür tun, den Tod des Jungen aufzuklären.

Nur Elisabeth S. kennt die Wahrheit

Doch die bisherigen Verhandlungstage zeigten: Ohne eine Einlassung der Angeklagten ist die Aufklärung schwierig. Nur Elisabeth S. kennt die Wahrheit. Nur sie kann berichten, was am Abend des 27. April vergangenen Jahres oder in der darauffolgenden Nacht in ihrem Haus in Künzelsau passiert ist, als Ole in ihrer Obhut war.

Elisabeth S. aber sagt nichts.

Richter Kleinschroth ließ Oles Mutter sprechen, als diese Elisabeth S. in Tränen aufgelöst in öffentlicher Hauptverhandlung anflehte, endlich zu sagen, was geschehen sei. Elisabeth S. schwieg weiter.

Kleinschroth bat den erwachsenen Sohn der Angeklagten in den Zeugenstand. Auch er, tief berührt und schockiert aufgrund der schweren Vorwürfe gegen seine Mutter, bat sie in aller Öffentlichkeit um Aufklärung. Elisabeth S. weinte und schwieg.

Doch der Auftritt des Sohnes hat die Angeklagte bewegt. Ihre Verteidigerin Anke Stiefel-Bechdolf bat das Gericht um ein Gespräch zwischen Mutter und Sohn, eines, in dem sich die Angeklagte öffnen würde - ohne Beaufsichtigung von Justizvollzugsbeamten.

Den fünften Verhandlungstag beginnt Kleinschroth deshalb mit einer Ansprache. Er und seine Kollegen der 1. Großen Strafkammer seien der Auffassung, nicht der Mensch sei für das Gesetz da, sondern das Gesetz für den Menschen. Sie hätten daher dem Wunsch der Verteidigerin stattgegeben: Mit Einverständnis aller Prozessbeteiligten hätten Elisabeth S. und ihr Sohn am vergangenen Donnerstag mehr als drei Stunden in einer Zelle im Keller des Landgerichts zusammengesessen und geredet.

"Sie allein haben es in der Hand, den Eltern diese Last zu nehmen"

Er habe die Hoffnung gehabt, sagt Kleinschroth, Elisabeth S. würde sich an diesem fünften Verhandlungstag auch vor Gericht öffnen, doch ihr fehlt der Mut. Sie sei aber bereit, sich gegenüber dem psychiatrischen Sachverständigen Thomas Heinrich einzulassen; ihm zu schildern, wie und warum Ole sterben musste.

Richter Kleinschroth ist bereit, Elisabeth S. die Last zu nehmen, sich in der Öffentlichkeit zu äußern. Allerdings nicht ohne einen letzten Appell. Nach der Befragung von Zeugen schaut er die Angeklagte eindringlich an, sie sitzt keine zwei Meter von ihm entfernt vor ihm.

Kleinschroth sagt: "Egal, warum und wie es passiert ist: Dass es passiert ist - was auch immer - ist schlimmst genug. Schlimmer kann es nicht kommen - für alle Beteiligten. Schlimmer wäre nur, wenn Oles Eltern nicht erfahren, was passiert ist. Das wäre für sie, als würde es noch mal passieren. Sie allein haben es in der Hand, den Eltern diese Last zu nehmen."

Richter Roland Kleinschroth (Archivfoto aus einem anderen Verfahren)
DPA

Richter Roland Kleinschroth (Archivfoto aus einem anderen Verfahren)

Elisabeth S. hält den Kopf gesenkt. Er hoffe, dass sie merke, wie menschlich das Gericht mit ihr umgehe, sagt Kleinschroth noch. Aber auch dessen Geduld sei irgendwann zu Ende.

Der Richter schließt mit einer Erkenntnis aus seinem eigenen Leben: Als "kleiner Bub" habe er auch etwas angestellt, die Mutter habe ihn zur Rede gestellt. Er habe sich erklärt, die Mutter aber habe ihn unterbrochen und gesagt, es gebe immer zwei Erklärungen: Eine, die gut klinge, und eine, die wahr sei. Sie, die Mutter, wolle nur die hören, die wahr sei.

"Meine Mutter hat so zu mir gehalten wie auch Ihr Sohn zu Ihnen halten wird", sagt Kleinschroth und fixiert die Angeklagte. Das habe er ihr vor dem Gespräch mit dem Psychiater noch mit auf den Weg geben wollen, sagt er.

Am kommenden Montag wird die Verhandlung fortgesetzt.



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