Urteil im Heilbronner Mordprozess "Ich möchte die Todesstrafe"

Der 27-jährige Abubaker C. muss lebenslang ins Gefängnis, weil er eine schlafende Seniorin in ihrem Bett stranguliert hat. Um von einem Wohnungsdiebstahl abzulenken, schrieb er religiöse Parolen an die Wand.

Abubaker C. vor Gericht (am 20. Januar)
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Abubaker C. vor Gericht (am 20. Januar)

Von , Heilbronn


Nach der ausführlichen Urteilsbegründung fragt der Vorsitzende Richter den Angeklagten, ob er noch etwas sagen will. "Ich möchte die Todesstrafe", sagt Abubaker C. "Die kann ich Ihnen nicht bieten", antwortet Roland Kleinschroth. "Ich möchte Zeit haben, um zu weinen", legt C. nach. Der Vorsitzende entgegnet: "Dafür haben Sie jetzt relativ viel Zeit."

Der Dialog ist das Ende eines außergewöhnlichen Prozesses vor dem Landgericht Heilbronn. "Selten hat ein Verfahren die Menschen in unserer Region und darüber hinaus so bewegt", sagt Kleinschroth in seiner Urteilsbegründung. Eine Frau sei in ihrem höchstpersönlichen Bereich kaltblütig getötet worden, in ihrem Bett liegend, von einem Unbekannten.

Für die Tat wurde nach zwölf Verhandlungstagen nun Abubaker C., ein 27-jähriger Asylbewerber aus Pakistan, verurteilt. C., der die Tat bestreitet, erhielt eine lebenslange Freiheitsstrafe, unter Feststellung einer besonders schweren Schuld. Laut Urteil wollte C. durch den Mord einen Wohnungsdiebstahl verdecken. Um von sich und seinem Motiv abzulenken, hinterließ er religiöse Parolen auf Arabisch und auf Urdu am Tatort.

In der Nacht zum 19. Mai 2016, so belegen es unter anderem DNA-Spuren und Funkzellendaten, dringt C. in das Wohnhaus der Familie M. in Untergriesheim ein, einem Stadtteil von Bad Friedrichshall. Er ist auf der Suche nach Geld und Wertsachen, zwei Nächte hat er zuvor im Freien verbracht, er ist mit dem Zug von Heilbronn in das Dorf gefahren.

Minutenlanger Todeskampf

C. hält sich längere Zeit in dem Haus auf, er versteckt sich, bis alles still ist. Neben dem Seniorenehepaar, 70 und 74 Jahre alt, wohnt dessen Tochter mit eigener Familie im Haus. Die Familie hat am Tag noch den 18. Geburtstag der Enkelin gefeiert. Um 1.50 Uhr stellt C. sein zuvor ausgeschaltetes Handy an, wahrscheinlich, um sich den Weg zu leuchten. Gegen 2 Uhr betritt er das Zimmer, wo die 70-jährige Maria M. schläft. Ihr Mann schnarcht in einem anderen Schlafzimmer nebenan.

Wohl weil C. fürchtet, die Frau werde aufwachen und ihn entdecken, kommt es dann zu einer dramatischen Eskalation des Einbruchs. C. stürzt sich auf die schlaftrunkene Frau, er würgt sie und schlägt ihr mit den Fäusten und dem Hörer eines neben dem Bett stehenden Haustelefons auf den Kopf. Schließlich erdrosselt er sie mit dem Kabel des Telefons und einem Schal, der Todeskampf der Seniorin dauert mehrere Minuten. "Sie war völlig arglos und wehrlos", trägt Kleinschroth vor.

Nach dem Mord verlässt C. das Haus nicht etwa, um sich und seine Beute aus Bargeld, Schmuck und einem Handy in Sicherheit zu bringen. Stattdessen nimmt er sich einen roten Edding und schreibt in Schönschrift einen Satz an die Schrankwand, der sich auf Ali, den Schwiegersohn Mohammeds bezieht: "Seine Exzellenz Hoheit Ali war der Letzte, der zu den Leuten der Ewigkeit gesagt hat, ich bin Gott." Dazu die englische Losung: "It's payback time." ("Die Zeit der Rache ist gekommen.")

Der erdrosselten Frau drückt er ein Holzkreuz zwischen die gefesselten Hände, das er von der Wand in der Küche genommen. Einen christlichen Sinnspruch, der an der Wand im Schlafzimmer der Seniorin angebracht ist, streicht er mit dem roten Edding durch: "Jeder neue Tag ist ein neues Geschenk der Liebe Gottes."

Das Opfer, Maria M., ist gläubige Katholikin. Am ersten Tag des Strafprozesses schilderte ihr Ehemann Günter M. bewegend, wie er sich vor dem Zubettgehen von seiner Frau verabschiedete: Im Gang zwischen den getrennten Schlafzimmern zeichnete er Maria mit Weihwasser ein Kreuz auf die Stirn und wünschte ihr eine "gesegnete Nacht". Günter M. unter Tränen: "Ich bin glücklich, dass ich diese Verabschiedung hatte."

Ein Mord aus religiösem Fanatismus also, in einer Reihe mit den Attacken von Hannover, Würzburg, Ansbach oder Berlin? Die Staatsanwaltschaft Heilbronn war in ihrer Anklage zu dem Schluss gekommen, C. habe einen "aus seiner Sicht ungläubigen Menschen" töten wollen.

Hass auf Schiiten

Doch im Urteil ist von einem islamistischen Motiv nicht die Rede. Der religiöse Aspekt diente demnach vor allem der Vertuschung. C. wollte in seiner verqueren Denkweise den Eindruck erwecken, als habe ein religiöser Schiit den Mord begangen - und nicht er, ein Sunnit, der weder den Ramadan noch das Alkoholverbot achtete.

"Wir wissen, dass Sie einen Hass auf die Schiiten hatten", sagt der Vorsitzende Richter in seiner Urteilsbegründung. Woher und seit wann, das ließ sich in dem Prozess nicht genau rekonstruieren: C. ging 2011 aus Pakistan weg, er kam über Iran, die Türkei, Griechenland, Italien und Österreich nach Deutschland, noch vor dem Flüchtlingsandrang auf der Balkanroute. Ende 2013 kam er in Deutschland an, Anfang 2014 stellte er seinen Asylantrag. C. lebte in einer Flüchtlingsunterkunft, er arbeitete anfangs, bis er sich ab 2015 immer mehr isolierte und schließlich kein Einkommen mehr hatte.

Ohne C.s Herkunft und Biografie wäre die Tat aber nicht so passiert. In ihr mischt sich die labile Psyche des Täters, verursacht wohl auch durch die Flucht, mit einer kriminellen Karriere. Religiöse Wahnvorstellungen mit der Verachtung für das Wertesystem des Westens, die C. mehrfach während des Prozesses kundtat.

Das Gericht bescheinigt ihm "narzisstische Persönlichkeitsmerkmale" und eine "Anpassungsstörung". Doch C. sei voll schuldfähig, so der Vorsitzende Richter Kleinschroth: C. habe "eine barbarische Tat" begangen. "In einem Rechtsstaat gibt es für Täter wie Sie nur eine Strafe: Gefängnis." Sollte C. jemals aus der Haft freikommen, wird er wohl abgeschoben: Sein Asylantrag ist noch nicht bearbeitet.



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