Heilbronner Phantom-Fall: BKA fordert verbesserte Spurensicherung

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150.000 nicht zugeordnete DNA-Spuren lagern in der Datenbank des Bundeskriminalamts - wie viele davon sind falsche Fährten? Jetzt fordern Deutschlands Chefermittler höhere Standards bei der Spurensicherung. Der Heilbronner "Phantom-Fall" soll sich nicht wiederholen.

Hamburg - Im Keller des Bundeskriminalamts, im Inneren leistungsstarker Rechner lagert die Hinterlassenschaft des früheren Bundesinnenministers Manfred Kanther. Der "schwarze Sheriff", der sich wegen des CDU-Spendenskandals später selbst mit der Justiz auseinandersetzen musste, hatte in Wiesbaden 1998 eine DNA-Analyse-Datei einrichten lassen.

Inzwischen umfasst die Datenbank die Erbinformationen von genau 624.617 Personen. Darüber hinaus sind zusätzlich 149.458 DNA-Spuren erfasst, die Kriminaltechniker im Laufe der Jahre an Tatorten in Deutschland sichergestellt haben. Wie viele davon gehen noch auf Fehler bei der Spurensicherung zurück?

Ein Sprecher des Bundeskriminalamts (BKA) wollte sich dazu auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht äußern. Das sei "spekulativ", hieß es. Gleichwohl sagte er: "Wir müssen Verfahren entwickeln, die die DNA-Kontamination in Zukunft ausschließen." Dass Dutzende, wenn nicht gar Hunderte Polizisten nach einer Serientäterin suchen, die es wahrscheinlich gar nicht gibt, soll sich nicht wiederholen.

Dass es Fehlverurteilungen aufgrund von DNA-Analysen gegeben haben könnte, schloss BKA-Präsident Jörg Ziercke im Deutschlandfunk aus. "Die DNA-Analyse ist ein taugliches Beweismittel." Im konkreten Fall müssten sich die Ermittler nun die Spurenlage noch einmal sehr genau ansehen, so Ziercke. Es seien Tatzusammenhänge hergestellt worden, die hinterfragt werden müssten.

Paradoxon der Spurensicherung

Der Münchner Experte für DNA-Spurenuntersuchungen, Burkhard Rolf, spricht von einem Paradoxon: Die fortschreitende Verfeinerung der kriminologischen Spurensicherungstechnik selbst habe das "Phantom" erschaffen.

Noch vor zehn bis 15 Jahren wären versehentlich übertragene, geringe Mengen an Genmaterial auf den Wattestäbchen gar nicht feststellbar gewesen, so Rolf. Er leitet die Abteilung für Spurenuntersuchung am privaten Institut "Medigenomix" in Martinsried bei München und arbeitet seit Jahren auch mit Polizei und Staatsanwaltschaften zusammen.

"In den allermeisten Fällen sind an den Tatorten keine großen Mengen DNA vorhanden", berichtet Rolf. Erst die "sehr sensitiven" Testmethoden hätten in den vergangenen Jahren die Analyse kleinster Spuren möglich gemacht. Diese aufzunehmen könne aber schwierig sein und den Fokus auf andere, ebenfalls nur mit modernsten Methoden feststellbare DNA-Reste lenken.

"An Tatorten zurückgelassene Spuren können manchmal Speichelreste an Zigarettenkippen sein oder auch nur 'Hautkontaktspuren': Proben von Werkzeugen oder Türklinken, von denen man annimmt, dass der Täter sie berührt hat", so Rolf. Dort fänden sich beispielsweise mikroskopisch kleine Hautabriebsreste.

Entdecke man eine solche, nahezu oder tatsächlich unsichtbare, potenzielle Spur, kämen die Wattestäbchen zum Einsatz, um damit eine Probe abzutupfen. "Wenn man über eine Stelle gerieben hat, an der DNA-Material war, klappt das. Manchmal kann es aber auch vorkommen, dass dummerweise nichts aufgenommen wurde", sagte Rolf.

"Nicht geeignet für DNA-Analytik"

Das Unternehmen Greiner Bio-One GmbH, das die möglicherweise mit DNA verunreinigten Wattestäbchen vertrieben hat, teilte am Freitagmorgen in medizinisch-technischen Worten mit, dass ihre "Abstrichbestecke nicht geeignet für DNA-Analytik" sind. Die Werkzeuge würden zwar mit "ionisierenden Strahlen" sterilisiert, mögliche Verunreinigungen durch DNA könnten damit jedoch nicht beseitigt werden.

Die Wattestäbchen werden den Angaben zufolge über einen deutschen Importeur bezogen. Die Stäbchen seien aus Holz gefertigt, die Watte bestehe aus Baumwolle. Wattestäbchen, Kunststoffröhrchen und Verschluss werden zu einem kompletten Abstrichbesteck montiert, teilte das Unternehmen mit.

Der Sprecher des österreichischen Bundeskriminalamts, Gerald Tatzgern, sagte hingegen, dass die Wattestäbchen garantiert frei von DNA gewesen seien. "Ich habe das schriftlich vor mir. Das ist sogar zertifiziert." Demnach belieferte die Firma auch das Landeskriminalamt Oberösterreich.

Die deutschen Landeskriminalämter (LKA) haben inzwischen in einer Sitzung über die wahrscheinliche Panne beraten. Dabei besprachen die Leiter der jeweiligen Kriminaltechnischen Institute in einer Schaltkonferenz, inwieweit ihre Behörden von den mutmaßlich kontaminierten Utensilien für DNA-Analysen betroffen sein könnten. "Man stimmt sich ab, wie man aus der Krise herauskommt", hieß es.

Ist es tatsächlich wahr, dass zwei Jahre lang fünf Sonderkommissionen, sechs Staatsanwaltschaften in drei Bundesländern und Polizisten in Österreich und Frankreich vergeblich gearbeitet haben, weil jemand die falschen Wattestäbchen eingekauft und kein Kriminaltechniker den Fehler erkannt hatte?

Ein LKA-Sprecher sagte dazu am Freitagmorgen auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE: "Wir prüfen das mit Hochdruck. Es gibt noch kein Ergebnis."

Die österreichischen Kollegen waren da offenbar schneller.

Der Tote im Tanzlokal

Es war dieser Tote in der Disco, der die Ermittler im Nachbarland stutzig werden ließ. Am 28. September 2008 starb in Linz ein 21-jähriger Bosnier - fünf Männer hatten ihn im Treppenhaus eines Tanzlokals bei einer Prügelei tödlich verletzt. Auf dem Finger des Opfers fanden Kriminaltechniker wenig später die DNA der in Deutschland gesuchten Serienkriminellen, die sie "das Phantom von Heilbronn" nennen.

Seit Jahren suchten Dutzende Beamte in mehreren Ländern mit größtem Aufwand diese "unbekannte weibliche Person", die im Verdacht stand, seit Mai 1993 an zahlreichen Diebstählen und Einbrüchen, einem Raubüberfall sowie mindestens zwei versuchten und drei tatsächlich erfolgten Morden beteiligt gewesen zu sein - darunter auch an der Erschießung der Polizistin Michèle Kiesewetter, 22, vor knapp zwei Jahren in Heilbronn.

Doch die Kriminalisten in Linz, so sehr sie sich auch mühten, konnten keine Verbindung zu einer Frau feststellen. Weder die festgenommenen Tatverdächtigen noch die Bekannten ihres Opfers konnten erklären, wie die DNA-Spur an den Finger des Mannes gekommen war.

"Für uns entstand daraus der begründete Verdacht, es nicht mit einer unbekannten Frau, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach mit kontaminierten Werkzeugen zu tun zu haben", sagte der Pressesprecher des österreichischen Bundeskriminalamts, Gerald Tatzgern, SPIEGEL ONLINE.

Große Verwirrung

Die Gen-Spur der Gesuchten war in Österreich von 2004 bis 2007 bei insgesamt 16 Diebstählen aufgetaucht, in acht Fällen konnten die Täter gefasst werden. Die "Kronen"-Zeitung hatte noch im November 2008 berichtet, in Klagenfurt sei ein mit internationalem Haftbefehl gesuchter Kaukasier festgenommen worden, bei dem die Ermittler die weibliche DNA der Unbekannten gefunden hätten. Seinerzeit sei eine zweite Probe angeordnet worden. Die Verwirrung war wohl groß.

Anfang 2009 hätten die österreichischen Behörden dann, so sagt es der BKA-Sprecher Tatzgern, "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen", dass es das "Phantom" tatsächlich gibt. Gleichzeitig habe man die Wattestäbchen, die von der Firma Greiner Bio-One International AG vertrieben worden seien, als verunreinigte Spurenträger identifiziert.

Es sei daher veranlasst worden, sämtliche Stäbchen des Herstellers, die in den österreichischen Sicherheitsbehörden im Umlauf gewesen seien, sofort aus dem Verkehr zu ziehen. "Die Delikte waren auch so unterschiedlich, die konnten nichts miteinander zu tun haben", sagte Tatzgern.

Möglichkeit einer verunreinigten DNA-Spur

Das Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg prüft nach Angaben der Heilbronner Staatsanwaltschaft seit April 2008 intensiv die Möglichkeit einer verunreinigten DNA-Spur. Im Kriminaltechnischen Institut des LKA in Stuttgart seien seither bereits mehrere hundert unbenutzte Wattestäbchen als sogenannte Leerproben untersucht worden. Ohne Ergebnis. Dennoch werde der Hypothese seit Februar verstärkt nachgegangen, hieß es.

An der Existenz der Täterin gibt es auch nach Angaben der Saarbrücker Staatsanwaltschaft "begründete Zweifel". Sie seien entstanden, als die Identität einer in Forbach entdeckten, verbrannten Leiche geklärt werden sollte, sagte Behördensprecher Ernst Meiners. Man habe prüfen wollen, ob es sich bei dem Toten um einen im Jahr 2002 verschwundenen Asylbewerber gehandelt habe. Die Untersuchung des Fingerabdrucks in der Ausländerakte des Mannes auf DNA-Material habe am 19. März 2009 eine Übereinstimmung mit den Erbinformationen der Unbekannten ergeben. "Das konnte einfach nicht sein", so Meiners.

Der Fingerabdruckbogen des Asylbewerbers habe außerdem längere Zeit in einer Akte gelegen. Mit einem "garantiert DNA-freien" Wattestäbchen sei dann ein Gegentest gemacht worden. Das Ergebnis: "Plötzlich war die DNA des 'Phantoms' nicht mehr da", sagte Meiners. "Das ließ ja zumindest den begründeten Schluss zu: Das Untersuchungsmaterial ist irgendwie nicht in Ordnung."

Mit Material von dpa, AP und ddp

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Forum - Wie zuverlässig sind DNA-Analysen?
insgesamt 87 Beiträge
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1.
lis 27.03.2009
Zitat von sysopSpurensicherung mit Hindernissen: Ermittler haben jahrelang ein Phantom gejagt. Der Grund: Forensiker haben für DNA-Analysen wohl verunreinigte Wattestäbchen verwendet. Wie anfällig für Irrtümer und Pannen sind DNA-Analysen?
Die Analysen waren doch okay - nur die Wattestäbchen nicht :-)
2. Die absolute Zuverlässigkeit der DNS-Analysen
Kampfbuckler 27.03.2009
wurde so beeindruckend bewiesen. Damit kann man sogar einer Wattebauschvepackerin gelegentliches Schlampern bei der Arbeit nachweisen, und das sogar bis 1993 zurück. Probleme entstehen erst dann, wenn die richtigen DNS-Analysen zur Polizei und Justiz gelangen und passend zu einem Verbrechen eingeordnet werden sollen. Da wird dann kriminalistischer Spürsinn und logisches Denken gefordert.Und das klappt wohl nicht immer.
3.
Als_Tom 27.03.2009
Zitat von Kampfbucklerwurde so beeindruckend bewiesen. Damit kann man sogar einer Wattebauschvepackerin gelegentliches Schlampern bei der Arbeit nachweisen, und das sogar bis 1993 zurück. Probleme entstehen erst dann, wenn die richtigen DNS-Analysen zur Polizei und Justiz gelangen und passend zu einem Verbrechen eingeordnet werden sollen. Da wird dann kriminalistischer Spürsinn und logisches Denken gefordert.Und das klappt wohl nicht immer.
Ich möchte hier eine Bresche schlagen für die Verpackerin. Nicht sie ist schuld an der Misere, sondern die oder der die Charge für den Handel freigab. Wenn eine solche Schlamperei seid 1993 vorkahm, dann ist es einfach eine schlampig geleitete und kontrollierte Firma. In der Regel muß jede Charge auf DNA überprüft werden. Hier ist offensichtlich eine solche Kontrolle nicht erfolgt und das ist skandalös.
4. Aw -Kampfbuckler
mainstreet 27.03.2009
Ich habe da irgendwie Hemmungen einfach so über die Wattenbausch-DNA-Spurensicherung loszudiskutieren da dies inhaltlich vorausetzt das man prinzipiell mit der DNA-Spurensicherung einverstanden ist. Die DNA-Spurensicherung ist eine Produkt der neueren Medizinforschung und ich finde Sie generell unethisch. Mag Sie zwar vom Bundestag abgesegnet sein eine öffentliche Diskussion hat es darüber nie gegeben. Ich bin nicht gegen jede Art der Spurensicherung wie Fingerabdrücke aber DNA-Spurensicherung halte ich für menschlich unethisch. Sie ist die Offenlegung des Menschen und der Menschenwürde sein Innerstes wessen zu schützen die oberste Aufgabe der Verfassung ist . Diese Einstellung mag konservativ erscheinen da Sie beinhaltet einen Mörder laufen zu lassen den man möglicherweise feststellen könnte aber ich nehme dies prinzipiell in Kauf. Der Verfall der christlichen Grundwerte sehe ich in der Praktizierung der DNA-Spurensicherung gegeben und ich lehne Sie deshalb kategorisch ab.
5.
Olaf 27.03.2009
Zitat von sysopSpurensicherung mit Hindernissen: Ermittler haben jahrelang ein Phantom gejagt. Der Grund: Forensiker haben für DNA-Analysen wohl verunreinigte Wattestäbchen verwendet. Wie anfällig für Irrtümer und Pannen sind DNA-Analysen?
Anscheinend wurde nicht sorgfältig genug gearbeitet. Der Kriminalbiologe Mark Benecke sagt, dass bei jeder Probenentnahme als Gegenprobe ein unbenutztes Wattestäbchen mit untersucht werden muss. http://www.zeit.de/online/2009/14/benecke-interview-wattestaebchen?page=1 Wenn auf diese Weise verfahren worden wäre, hätte es ja eigentlich nicht zu dieser Panne kommen können.
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