Heilbronner Polizistenmord Das perfekte Versteck

Sie zündete das Wohnmobil an, in dem ihre toten Freunde lagen, brachte ihre Katzen in Sicherheit und sprengte dann ihr Haus in die Luft: Beate Z., offenbar Mitglied der militanten Neonazi-Szene, soll 2007 auch am Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter beteiligt gewesen sein. In ihrem Wohnhaus fanden Ermittler offenbar die Tatwaffe.

Aus Zwickau berichtet

SPIEGEL ONLINE

Weißenborn gehört zu den distinguierten Stadtteilen Zwickaus: Honiggelbe und beigefarbene Ein- und Zweifamilienhäuser mit gepflegten Vorgärten und Holzzäunen säumen die verkehrsberuhigten Straßen. Das ideale Versteck.

Besser hätten sich Beate Z., Uwe M. und Uwe B. nicht tarnen können, sagt der Wirt der Puppenstube, einem Lokal am Rande der angrenzenden Kleingartenkolonie. In diesem Viertel wohnen "die Chefs", wie er sagt, der ehemalige Bürgermeister, der Bankchef, die, die in der Stadt "ganz oben mitmischen". Drei mutmaßliche Neonazis aus der militanten Szene hat dort niemand vermutet.

Sie stehen im Verdacht, die Polizistin Michèle Kiesewetter im April 2007 in Heilbronn getötet zu haben. In ihrem Wohnhaus in Zwickau fanden die Ermittler nun offenbar die Tatwaffe mit der die Beamtin erschossen wurde, ein vom Balkan stammendes Modell. Vier Tage lang war nach Beate Z. mit einem internationalen Haftbefehl gefahndet worden, am Dienstag stellte sie sich in Begleitung eines Rechtsanwalts der Polizei in Jena. Nach der Vernehmung wurde sie nach Zwickau gebracht. Laut Staatsanwaltschaft Heilbronn hat Z. bisher keine Angaben zu dem Polizistenmord gemacht. Inzwischen hat der Thüringer Verfassungsschutz dementiert, dass Z.s mutmaßliche Komplizen V-Männer der Behörde gewesen seien.

Nicht auffallen, sondern anpassen

Anfang 2008 tauchen Beate Z., Uwe M. und Uwe B. im Stadtteil Weißenborn auf, nachdem sie jahrelang im Untergrund gelebt haben. Sie ziehen in ein gerade renoviertes Mehrfamilienhaus in der Frühlingsstraße, mit zwei Eingängen, einem weitläufigen Garten hinten und einer wuchtigen Thuja vorne. Im Parterre befinden sich eine Drogerie und ein griechisches Restaurant. Sie mieten zwei Wohnungen, die sie nach Rücksprache mit dem Verwalter auf eigene Kosten zu einem 120-Quadratmeter-Quartier umbauen. Ein Zimmer gestalten sie als Fitnessraum. Sie zahlen pünktlich ihre Kaltmiete von 500 Euro. Wer nicht auffallen will, muss sich anpassen.

Uwe M., 38 Jahre, kurzgeschorene Haare, und Beate Z., 36 Jahre, gelten für die Nachbarn als Paar. Uwe B., 34 Jahre, hält man für den Bruder der Frau.

Wer die drei kennt in Zwickau, muss lange überlegen, ob irgendetwas an ihnen auffällig war. Höchstens die Kleidung, heißt es dann: Die Männer verließen ausschließlich in Schwarz das Haus und selten ohne Rucksäcke, es sei denn, sie gingen joggen. Viele Nachbarn dachten, die beiden beziehen Hartz IV. Beate Z. trug entweder Schwarz oder Rot, die schulterlangen Haare hat sie schwarz gefärbt. Mit vielen in der Straße hielt sie ein Schwätzchen, erzählte, sie arbeite von zu Hause aus, was genau, verriet sie aber nicht.

Spuren verwischen per Brandbeschleuniger

Am Freitag kurz vor 15 Uhr überquert sie den Veilchenweg, klingelt im Eckhaus und bittet die Nachbarstochter, ihre beiden Katzen zu beaufsichtigen, nur für kurze Zeit, die Tiere überreicht sie in zwei getrennten Käfigen. Die Nachbarin sieht Qualm aufsteigen, Beate Z. sagt, sie habe bereits die Polizei alarmiert und rennt zurück. Um 15:05 Uhr zerbersten Glasscheiben, meterhohe Flammen schießen aus den Fenstern, Teile der Mauer werden auf die Straße geschleudert, Dachziegel krachen auf den Bürgersteig. Die Explosion schreckt das Viertel auf. Beate Z. habe Brandbeschleuniger verwendet, sagt ein Ermittler. Es grenze an ein Wunder, dass niemand verletzt wurde.

Orangefarbene Stahlträger stützen inzwischen das verkohlte Dachgebälk und verhindern den Einsturz. Schuttberge türmen sich auf dem umzäunten Gelände, das von Polizisten bewacht wird. Noch immer sichern Kriminaltechniker Spuren am Tatort.

Beate Z. soll die Wohnung selbst in die Luft gesprengt haben, um Spuren zu verwischen. Sie soll aber auch, an diese Hoffnung klammern sich einige Nachbarn, mit der Detonation gewartet haben, bis zwei arbeitslose Mieter und zwei Handwerker die Doppelhaushälfte verlassen hatten, um keine Menschen zu gefährden.

Die Ermittler tun sich schwer mit dem Bild der verständnisvollen Täterin. Beate Z. und ihre beiden Mitbewohner stammen aus Jena, wo sie sich in den Neunzigern der Neonazi-Szene angeschlossen haben sollen. Im Januar 1998 entdeckten Fahnder in einer Garage im Jenaer Stadtteil Burgau vier funktionsfähige Rohrbomben, TNT, Waffen und Neonazi-Propagandamaterial. Dem Trio gelang jedoch die Flucht, obwohl sie dem SPD-nahen Aufklärungsportal "Blick nach Rechts" zufolge observiert wurden. 2003 stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren wegen Verjährung ein, das Trio gab sich dennoch nicht zu erkennen. Bislang ist unklar, wo es sich zwischen 1998 und dem Umzug nach Zwickau im Jahr 2008 aufhielt - und wer es unterstützte.

Kaltblütige Täterin

Auch Arnfried Martin hält Beate Z. für eine kaltblütige Täterin. Seine 89-jährige Tante, die in der anderen Hälfte des Doppelhauses wohnt, konnte von Verwandten gerettet werden. Beate Z. habe deren Tod in Kauf genommen. "Da hätte ja auch eine Schulklasse oder ein Kindergarten vorbeimarschieren können", sagt Joseph Hergert, ein direkter Nachbar, "an all diese Leute hat sie nicht gedacht".

Bekannt war Beate Z. in Zwickau unter dem Namen Lise, wie sie sich selbst vorstellte. Offiziell gab sie sich auch aus als Mandy Struck oder Susann Dienelt. Der Mietvertrag läuft auf den Namen Matthias D., erinnert sich der Hausverwalter. Probleme? Gab es nie, sagt er. Sonst wären sie doch aufgefallen!

Beate Z., Uwe M. und Uwe B. mischten sich in Weißenborn unters Volk, gesellten sich beim alljährlichen Siedlerfest zu den anderen, kamen mal auf ein Bier in die Dorotheenklause ein paar Straßen weiter, erzählten von ihren Urlauben, zum Beispiel von sechs Wochen auf Sylt.

Den Nachbarn fiel auf, dass sie oft verschiedene Autos fuhren, geliehene, immer mit anderen Kennzeichen, mal aus dem Erzgebirge, mal aus Leipzig oder Chemnitz. Auch das Wohnmobil mit Vogtländer Kennzeichen war unübersehbar, das das Trio in Schreiersgrün nahe der Stadt Treuen gemietet hatte und das knapp zwei Wochen vor dem Wohnhaus mit den Spitzbogenfenstern parkte. "Für mich war klar, die planen wieder einen ihrer Urlaube", sagt die Nachbarin von gegenüber.

Laut Ermittlern ist es das Auto, in dem das Trio flüchtete, nachdem es am vergangenen Freitag in Eisenach eine Sparkasse überfallen und mehr als 10.000 Euro erbeutet hatte. Beate Z. soll es gelenkt haben.

Drei Stunden nach dem Banküberfall brannte der in Eisenach-Stregda abgestellte Caravan. Zeugen wollen gesehen haben, wie Beate Z. gegen 12 Uhr den Wagen verließ, der kurz darauf in Flammen aufging. Im Fahrzeug fanden Ermittler die Leichen von Uwe B. und Uwe M., Geldscheine aus dem Überfall - und zwei Pistolen des Typs Heckler & Koch P2000. Es sind die bei dem Polizistenmord von Heilbronn entwendeten Dienstwaffen der getöteten Michèle Kiesewetter und ihres Kollegen. Zudem entdeckten sie die ebenfalls gestohlenen Handschellen der Polizeibeamtin.

Für die Ermittler steht fest: Uwe B., Uwe M. und Beate Z. haben die Waffen nicht auf dem Schwarzmarkt erstanden, sondern auch den Mord an der 22-jährigen Beamtin begangen. Der Stuttgarter Generalstaatsanwalt Klaus Pflieger ist davon überzeugt, dass sie der Polizistin in den Kopf schossen und ihren Kollegen schwer verletzten. Baden-Württembergs Innenminister Reinhold Gall sagte hingegen, von einem Durchbruch bei den Ermittlungen könne noch keine Rede sein.

Doppelter Suizid?

Die Fahnder bleiben außerdem bei ihrer Theorie, dass sich die beiden Männer in dem Wohnmobil selbst töteten, ob gegenseitig oder im Sinne eines doppelten Suizids, wollte die Polizei nicht kommentieren. Die Männer starben an einem Brust- und einem Kopfschuss.

Aber warum sollten sie sich selbst töten? Warum sollte Beate Z., wenn sie das Wohnmobil mit den Toten anzündete, um Spuren zu verwischen, Geld aus dem Banküberfall zurücklassen? Spurentechniker sollen auch in der ausgebombten Wohnung in Zwickau verbrannte Scheine gefunden haben.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit seien die Männer für den Überfall in Eisenach sowie einen weiteren Bankraub in Arnstadt im September verantwortlich, sagte Staatsanwalt Thomas Waßmuth. Weitere ungeklärte Banküberfälle rücken nun wieder in den Fokus der Ermittler.

Details sollen auf einer Pressekonferenz am Mittwoch bekanntgegeben werden. Auch, ob es eine Verbindung zu dem Mord an einem Augsburger Polizisten gibt. Der 41-Jährige war am 28. Oktober nach einer Verfolgungsjagd erschossen worden.

Die Bewohner der Frühlingsstraße in Zwickau schließen nichts mehr aus. Das Schlimmste sei, sagt Joseph Hergert, "dass man nie wissen kann, wer neben einem wohnt - und was dem im Kopf herumgeht".

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