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Heilbronner Polizistenmord: Ermittler finden Tatwaffe der Döner-Morde

Spektakuläre Wende im Fall des Heilbronner Polizistenmords: In dem zerstörten Haus des Verdächtigen-Trios in Zwickau haben die Fahnder die Pistole gefunden, mit der die sogenannten Döner-Morde verübt wurden. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass eine rechtsextreme, terroristische Vereinigung hinter den Taten steckt.

Zwickau - Es war einer der mysteriösesten Kriminalfälle der vergangenen Jahre: Neun ausländische Kleinunternehmer in ganz Deutschland wurden in ihren Läden getötet, nie konnte ein Täter ermittelt werden. Nun hat die Bundesanwaltschaft die Ermittlungen übernommen, sie vermutet einen Verbindung zu dem Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter im Jahr 2007 in Heilbronn und dem Banküberfall in Eisenach vor wenigen Tagen.

Es hat sich eine neue Spur aufgetan, die alle Fälle miteinander verbindet: Fahnder haben in den Trümmern des explodierten Hauses in Zwickau eine Waffe gefunden, die bei den sogenannten Döner-Morden benutzt wurde. Das gab die Bundesstaatsanwaltschaft am Freitag bekannt. Bei der Durchsuchung der Zwickauer Wohnung wurde außerdem Beweismaterial sichergestellt, das auf eine rechtsextremistische Motivation der Morde hindeutet.

"Es liegen zureichende tatsächliche Anhaltspunkte dafür vor, dass die Mordtaten einer rechtsextremistischen Gruppierung zuzurechnen sind", teilte die Bundesanwaltschaft mit. Es bestehe deshalb gegen die Beschuldigte Beate Zschäpe der Anfangsverdacht der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung in Tateinheit mit Mord und versuchtem Mord sowie der schweren Brandstiftung. An diesem Dienstag hatte sich Beate Zschäpe gestellt, bislang schweigt sie zu den Vorwürfen. Die Fahnder gehen auch der Frage nach, ob weitere "Personen aus rechtsextremistischen Kreisen" in die Taten verstrickt sind.

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Neue Spuren: Der rätselhafte Fall der Döner-Morde
Mit den Ermittlungen wurde das Bundeskriminalamt in Zusammenarbeit mit den Landeskriminalämtern Baden-Württemberg, Sachsen und Thüringen beauftragt.

Immer dieselbe Pistole

Im Fall der sogenannten Döner-Morde starben seit September 2000 neun Kleinhändler in ihren Läden in Nürnberg, München, Rostock, Hamburg, Kassel und Dortmund, acht türkische Zuwanderer und ein Grieche. Zwei von ihnen verkauften Döner, daher die Bezeichnung.

Den Getöteten wurde am helllichten Tag aus nächster Nähe ins Gesicht geschossen, sie wurden regelrecht exekutiert - und zwar immer mit einer Pistole mit Schalldämpfer aus tschechischer Produktion, Ceska Typ 83, Kaliber 7,65 Millimeter. Die Tatwaffe galt bislang die einzige erkennbare Verbindung zwischen den Opfern.

In dem Fall ist es der erste neue Hinweis seit langem. 160 Ermittler gingen in mehreren Sonderkommissionen 3500 Spuren nach, überprüften 11.000 Personen, Millionen Datensätze von Handys und Kreditkarten - ohne Ergebnis. Es ergab sich keine Spur ins Drogen-, Glücksspiel- oder Schutzgeldmilieu.

Bislang mutmaßten Ermittler, die Morde seien die Rechnung für Schulden aus kriminellen Geschäften - oder die Rache an Abtrünnigen.

2006, nach dem Mord an Halit Y., dem 21-jährigen Betreiber eines Internetcafés in Kassel, waren die Ermittler den vermeintlichen Tätern sehr nahe gekommen. Festgenommene musste man wegen fehlender Beweise aber wieder laufenlassen - und sie verschwanden Stunden später Richtung Schweiz und Türkei. Die Mordserie stoppte, doch von der Ceska fehlte zunächst jede Spur. Nun ist sie in Zwickau wieder aufgetaucht.

Wer waren die Opfer der Verbrechensserie?

  • Als Erstes traf es den Blumenhändler Enver S., 38, aus dem hessischen Schlüchtern. Er stand mit seinem Verkaufswagen am Vormittag des 9. September 2000 an einer Ausfallstraße in Nürnberg-Langwasser. S. vertrat einen Kollegen, der an diesem Tag Urlaub genommen hatte. Am Nachmittag fand man S. im Transporter, von Kugeln durchsiebt.

  • Neun Monate später starb Abdurrahim Ö. Der geschiedene 49-Jährige, der in Nürnberg-Steinbühl wohnte, war Schneider, seit vielen Jahren in Deutschland. Tagsüber stand er bei Siemens am Band, abends besserte er für ein paar Euro Kleider aus. Am Nachmittag des 13. Juni 2001 hörten Nachbarn einen Streit, angeblich waren zwei osteuropäisch wirkende Männer bei Ö. Wenig später lag dieser tot auf dem fleckigen PVC-Boden hinter dem Schaufenster, mit zwei Kugeln im Kopf.
  • Süleyman T., 31, wurde nur wenige Tage später, am 28. Juni 2001, von seinem Vater gefunden. Der Obst- und Gemüsehändler arbeitete im eigenen Laden in Hamburg-Bahrenfeld. Kurz hintereinander hatte man ihm mit zwei Waffen - eine war die Ceska - dreimal in den Kopf geschossen. Den Ermittlern war klar: Die Morde haben System, die Waffe ist das verbindende Element. Nur: Wo ist ein Motiv, das zum Killer führen könnte?
  • Ende August waren der oder die Mörder zurück in Bayern: Am 29. August 2001 starb Habil K. durch zwei Kopfschüsse in seinem Gemüsegeschäft in München-Ramersdorf. Passanten glauben, sie hätten einen ausländisch aussehenden Mann mit Schnurrbart weglaufen und in ein dunkles Auto steigen sehen. Er wurde nie gefunden.
  • Zweieinhalb Jahre herrschte Ruhe, doch am Morgen des 25. Februar 2004 bekam der 25-jährige Yunus T. in einem Rostocker Dönerstand Besuch. Wieder war es ein Kopfschuss, wieder aus der Ceska. Bis heute ist unklar, ob T. verwechselt wurde. Er lebte erst seit ein paar Tagen in Rostock und war an diesem Morgen zufällig als Erster an der Bude.
  • Am 9. Juni 2005 kehrten der oder die Täter nach Nürnberg zurück. Mit gezielten Schüssen tötete er Ismail Y., 50, in dessen Dönerstand an der Scharrerstraße, kurz bevor Kinder aus der benachbarten Schule in der Pause bei "Onkel Y." Snacks kaufen konnten. Bauarbeiter sahen zwei Männer: Sie stellten ihre Fahrräder direkt vor Y.s Stand ab, gingen hinein, kamen rasch zurück und steckten eilig einen Gegenstand in den Rucksack. Die Täter? Das Duo wurde nie gefunden.
  • Sechs Tage später, es war der 15. Juni 2005, erschoss ein Unbekannter im Münchner Westend den Griechen Theodorus B., 41, der gerade einen Schlüsseldienst eröffnet hatte. Wieder die Ceska, wieder der Kopf. Und: B. hatte viele türkische Freunde.
  • Mehmet K., 39, hörte am 4. April 2006 wohl noch die Türglocke seines Kiosks an der belebten Dortmunder Mallinckrodtstraße bimmeln, dann fielen die Schüsse.
  • Bei seiner vorerst letzten Bluttat in Kassel am 6. April 2006 ging der Killer ein hohes Risiko ein: Er betrat das Internetcafé an der Holländischen Straße, obwohl mindestens drei Gäste sich dort aufhielten. Kurz nach 17 Uhr starb der 21-jährige Halit Y. durch zwei Schüsse aus der Ceska, beide in den Kopf.

Die Fahnder rätselten jahrelang über das mögliche Motiv der Täter: Die Opfer waren unauffällig, gut integriert. An den Tatorten fanden sich keine DNA- oder Faserspuren, keine Fingerabdrücke, es gab keine brauchbaren Zeugenaussagen. Ein auffällige zeitliche Abfolge ist nicht erkennbar: Zwischen manchen Morden liegen Tage, zwischen anderen Jahre.

han/ulz/dpa/AFP/Reuters

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