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Heilpraktikertreffen: Massenrausch war wohl Therapie-Trip

Großeinsatz in Handeloh (Archiv): 160 Helfer rückten an Zur Großansicht
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Großeinsatz in Handeloh (Archiv): 160 Helfer rückten an

Wahnvorstellungen, Herzrasen, Krämpfe: Fast 30 Teilnehmer eines Heilpraktikertreffens bei Hamburg kamen nach einem Drogenexzess ins Krankenhaus. Vermutlich experimentierten sie mit einem höchst umstrittenen Therapieansatz.

Der Massenrausch bei einem Heilpraktikertreffen südlich von Hamburg Anfang September ist vermutlich gezielt herbeigeführt worden: Es handelte sich nach Informationen der Nachrichtenagentur dpa um ein therapeutisches Drogenexperiment.

Die Organisatoren der Veranstaltung in Handeloh - eine Heilpraktikerin und ein Psychologe aus dem Raum Aachen - befassen sich demnach mit sogenannter Psycholyse. Dabei soll mithilfe von Drogen eine Art Bewusstseinserweiterung erreicht werden. Wiederholt ist es dabei in den vergangenen Jahren zu schweren Zwischenfällen gekommen. So verlief im März 2009 eine solche Sitzung in Berlin für zwei Teilnehmer tödlich.

In der vergangenen Woche hatte bereits der Schweizer "Tages-Anzeiger" berichtet, dass der Organisator ein enger Vertrauter des Schweizer Therapeuten Samuel Widmer sei, auch andere Medien hatten über einen möglichen Psycholyse-Zusammenhang berichtet. Widmers "Kirschblütengemeinschaft" wird von der Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche als "problematisch" eingestuft, Kritiker sprechen von einer Sekte.

"Der ganze Tagungsraum war verwüstet"

"Mit Psychotherapie und Medizin hat die sogenannte Psycholyse nichts zu tun", sagt Dr. Iris Hauth, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde. "Wenn jemand zu diesem Zweck illegale Drogen verabreicht, dann ist das eine Straftat. Außerdem wird dabei dem Machtmissbrauch durch den Therapeuten Tür und Tor geöffnet."

Ob die Teilnehmer - Heilpraktiker, Ärzte, Homöopathen und Psychologen - die Droge bewusst und freiwillig nahmen, ist noch unklar. Die Polizei ermittelt gegen sie wegen des Verdachts auf Drogenmissbrauch. Die Ermittler vermuten weiter, dass die 24- bis 56-Jährigen kollektiv die Droge 2C-E genommen haben.

Das Psychedelikum ist in Szenekreisen auch als Aquarust bekannt. Es ist seit Ende 2014 in Deutschland verboten. Die Substanz zählt wie Amphetamin zu den Phenylathylaminen, verändert die Wahrnehmung von Farben und Geräuschen und ist ein starkes Halluzinogen. Wer es konsumiert, sieht Dinge, die gar nicht da sind.

Der Vorfall hatte einen Großeinsatz von Polizei und Rettungskräften ausgelöst. Die Teilnehmer mussten mit Wahnvorstellungen, Krämpfen, Luftnot und Herzrasen in Krankenhäuser gebracht werden. "Der ganze Tagungsraum war verwüstet, nach dem Einsatz der Rettungskräfte lagen blutverschmierte Matten und Kissen herum", sagt Stefka Weiland, Geschäftsführerin des Tagungszentrums. Sie habe kein Verständnis für den Einsatz von Drogen, auch nicht zur Bewusstseinserweiterung. "Das ist konträr zu unserer Arbeit."

wit/dpa

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insgesamt 43 Beiträge
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1. Dinge, die gar nicht da sind
ponyrage 25.09.2015
"...ist ein starkes Halluzinogen. Wer es konsumiert, sieht Dinge, die gar nicht da sind." Besser kann man es nicht beschreiben!
2.
pharmer 25.09.2015
Das war vor 2 oder 3 Wochen...
3.
rudy532 25.09.2015
Es sieht so aus,als hätten die Heilpraktiker endlich mal etwas gefunden,das wirkt.
4. Quod erst demonstrandrum!
JuJo0209 25.09.2015
Die Kosten für den Einsatz trägt hoffentlich der entsprechende "Berufsverband"..... Und schön, dass hier die Scharlatanerie und Gefährlichkeit dieser Leute eindrucksvoll unter Beweis gestellt wurde. Wer kann ernsthaft anderen Menschen helfen, wenn er sich mit den eigenen "Therapiemethoden" fast selbst umbringt!
5. Auf der Suche nach Daseinsberechtigung
schokohase123 25.09.2015
Da die Sparte der alternativen Medizin stets infrage gestellt wird -nicht zuletzt auch wegen der häufig vermuteten und in Teilen auch bestätigten Nähe zur Esoterik- ist es aus Gründen der Daseinsberechtigung nachvollziehbar, dass man sich wieder und wieder auf die Suche nach Lösungsansätzen begibt. Teils mangelnde Realitätsnähe sowie der Wunsch nach Anerkennung lassen die Damen und Herren dann sicher gerne auch Umsicht und Vorsicht vergessen, und man versucht sich in solchen erhofften alternativen Behandlungsmethoden. Doch während Zuckerkügelchen mit nicht mehr nachweisbaren Inhaltsstoffen höchstens für Diabetiker noch gefährlich sein könnten, bringt man sich bei Experimenten mit bewusstseinserweiternden Drogen, vielleicht noch aus unbekannter Quelle, selbst in höchste Gefahr. Wer sich zu tief in das Thema Alternativmedizin fallen lässt und die Grenzen zur Realität aus den Augen verliert, sollte mal komplett seinen eigenen Ansatz überprüfen.
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