Erschossene Hélène Pastor Der mysteriöse Mord an Monacos Immobilienkönigin

Der Täter schlug vor einem Krankenhaus zu: Der Mord an der schwerreichen Immobilienerbin Hélène Pastor erschüttert Monaco. Nun rätseln sie im Fürstentum: War es ein persönlicher Racheakt, oder steckt die Mafia dahinter?

Von Annika Joeres, Nizza


Die Nachricht erschütterte das Fürstentum, als gerade die letzten Tribünen für das Formel-1-Rennen am Wochenende aufgebaut wurden: Hélène Pastor, eine der mächtigsten Frauen Monacos, ist zwei Wochen nach einem Mordanschlag ihren Verletzungen erlegen. Die 77-Jährige herrschte über das größte Immobilienimperium in dem monegassischen Staat. Es gab wohl kaum eine Baustelle, kaum ein Ereignis, bei dem sie nicht irgendwie die Finger mit im Spiel hatte. Der tödliche Anschlag zählt schon jetzt zu den rätselhaftesten Verbrechen in dem Eldorado für Millionäre. Von mafiösen Tätern bis zu einem persönlichen Racheakt scheint alles möglich.

Die Pastors haben durch Immobiliengeschäfte ein gewaltiges Vermögen angehäuft. Hélène Pastors Vater Gildo kaufte in den Fünfziger- und Sechzigerjahren billiges Land direkt am Meer und baute Hochhäuser darauf. Heute kostet ein Quadratmeter in den häufig dreißigstöckigen Betonburgen zwischen 40.000 und 80.000 Euro - Monaco gilt als einer der teuersten Flecken der Welt. Nach dem Tod von Gildo Pastor traten Hélène und ihre inzwischen ebenfalls gestorbenen Brüder Victor und Michel das Erbe an. Das Vermögen des Familienclans wird auf bis zu 20 Milliarden Euro taxiert. Manchen Schätzungen zufolge gehört den Pastors jede vierte Immobilie in Monaco.

Zu dem Imperium gehörten einst auch der Fußballklub AS Monaco und die luxuriösen Feinkostläden Hédiard, in denen es gefüllte Jakobsmuscheln, goldbestäubte Pralinen und seltenen Champagner zu kaufen gibt. Nichts geht in Monaco ohne die Pastors, ihr überbordender Reichtum ist für jeden sichtbar: Sie fliegen in eigenen Helikoptern und Flugzeugen umher, ihre Jachten belegen Stammplätze am Hafen, und ihre Immobilienagenturen säumen die edelsten Straßen.

Für ihre Brüder mag Monaco ein Laufsteg gewesen sein - für Hélène Pastor war es eher ein goldener Käfig. Die zierliche Frau lebte zurückgezogen, ging höchstens mal mit ihrem Hund und einer großen Sonnenbrille im Gesicht spazieren. Es gibt nur wenige öffentliche Fotos von ihr, so dass die einzige Lokalzeitung vor Ort, der "Monaco Matin", seit dem Anschlag immer wieder dasselbe Bild druckt.

Der Täter entkam auf dem Motorrad

Die tödlichen Schüsse fielen bereits am 6. Mai, als Hélène Pastor ihren Sohn in einem Krankenhaus im nicht weit entfernten Nizza besuchte. Der Täter lauerte ihr vor dem Hospital auf, er schoss mehrfach und aus nächster Nähe auf Pastor und ihren Chauffeur im Auto. Pastor wurde an der Brust, am Nacken und am Kiefer getroffen, ihr Fahrer starb bereits vier Tage nach dem Vorfall. Der Täter entkam auf dem Motorrad eines Komplizen. Er trug lediglich eine Schirmmütze, aber die Videokameras vor dem Krankenhaus waren zu weit entfernt, um den unmaskierten Mann erkennen zu können. Und obwohl sich Dutzende Menschen in dem Eingangsbereich der Klinik aufhielten, konnte bislang niemand etwas Erhellendes über den Täter sagen.

Die Polizei hatte Pastor im Krankenhaus offenbar kurz befragen können. Laut "Monaco Matin" soll sie den Ermittlern vor wenigen Tagen gesagt haben, dass sie "keine Ahnung" habe, wer auf sie geschossen haben könnte. Und warum.

Bei Kriminalfällen herrscht in dem Steuerparadies die Omertà: Statistiken über Verbrechen sind nicht öffentlich, angeblich hat es seit Jahren keinen Mord mehr gegeben. Hélène Pastors Tod wird das Fürstentum nun lange Zeit verstören. "Es kann die Mafia sein, aber auch ein persönlicher Racheakt oder ein geschäftlicher Gegner", sagt ein Sprecher der Polizei in Nizza. Inzwischen ist eine auf organisierte Verbrechen spezialisierte Staatsanwaltschaft in Marseille für die Aufklärung des Falls verantwortlich.

Mord aus Rache?

Monaco liegt nur 20 Kilometer von der italienischen Grenze entfernt. Schon länger beklagen Experten eine Ausweitung der kalabrischen Mafia 'Ndrangheta in den Fürstenstaat. Erst in diesem Monat wurde die stadtbekannte Ehefrau eines nach Dubai geflüchteten Mafiosi auf dem Flughafen in Nizza festgenommen. Die 44-Jährige wohnte in Monaco und posierte sogar als eine von elf Frauen für den Kalender einer örtlichen Wohltätigkeitsorganisation.

Vielleicht war der Mord an Pastor aber auch eine Rachetat, so eine weitere These der Ermittler. In Monaco können Menschen von einer Minute auf die andere entlassen werden, und womöglich hatte sich Pastor von einem ihrer zahlreichen Angestellten - Köche, Dienstmädchen, Gärtner, Sekretäre - auf harsche Weise getrennt.

Nach Pastors Tod wird das immense Vermögen nun an die nächste Generation weitergegeben. Potenzielle Erben gibt es genug: Hélène und ihre zwei Brüder waren jeweils zweifach verheiratet. Sie haben insgesamt elf Kinder hinterlassen.



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