Helikopter-Überfall Wie Schwedens spektakulärster Raub ablief

Sie kamen mit dem Hubschrauber, erbeuteten vermutlich viele Millionen Euro, tricksten die Polizei aus - und sind jetzt spurlos verschwunden. Ein militärisch präzise agierender Trupp von Profis hat in Stockholm einen spektakulären Raubzug verübt. Protokoll einer unglaublichen Tat.

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Stockholm - Das Wort "filmreif" ist ein bisschen verbraucht - aber auf die Tat eines Trupps von Profi-Verbrechern in Stockholm passt keines besser. Zehn oder mehr Täter stahlen einen Hubschrauber, seilten sich am frühen Mittwochmorgen aufs Dach eines Bargeld-Depots eines auf Geldtransporte spezialisierten Unternehmens ab, drangen in das Gebäude ein und erbeuteten wohl viele Millionen Euro. Wie viel tatsächlich abhanden kam, dazu schweigen schwedische Behörden und das betroffene Unternehmen bis heute. Der schwedische Handelsverband warnt vor drohender Bargeldknappheit.

Die Polizei ist bloßgestellt - die Räuber tricksten die Beamten mit einer Bombenattrappe aus, erschwerten die Verfolgung mit reifenzerfetzenden "Krähenfüßen" auf Ausfallstraßen - und ließen ihren Flucht-Hubschrauber weniger als eine Stunde nach Beginn ihrer militärisch präzise durchgeführten Aktion auf einem Feld zurück.

Der frühe Räuber schnappt den Geldsack

Dem schwedischen Boulevardblatt "Aftonbladet" zufolge ging es frühmorgens los, um Viertel nach Fünf. Ein Helikopter wurde über dem Dach des Bargeld-Depots des Geldtransporter-Unternehmens G4S gesichtet, das im Stockholmer Stadtteil Västberga liegt. Vier Minuten später benachrichtigte dem Blatt zufolge jemand die Polizei - unterdessen seilten sich aus dem gestohlenen weißen Helikopter drei oder vier Personen aufs Dach des Gebäudes ab. Mehrere Explosionen waren zu hören. Die abgesetzten Passagiere drangen ins Gebäude ein, der Helikopter schwebte über dem Dach. Ein Sprecher der Stockholmer Polizei teilt später mit, man habe es vermutlich mit einer Gruppe "in zweistelliger Größe" zu tun. Wie viele Täter genau an dem Raub beteiligt waren, ist immer noch unklar.

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Schweden: Räuber seilen sich aus Helikopter ab
An einem Seil werden Augenzeugenberichten zufolge mehrere Säcke in den Hubschrauber hinaufgezogen. Um 5.25 Uhr sind die Räuber immer noch mit dem Einladen der Geldsäcke beschäftigt, als die erste Polizeistreife am Tatort eintrifft - "Aftonbladet" zufolge sind die Beamten aber gehalten, nicht einzugreifen, sondern auf ein Sonderkommando zu warten.

Um 5.35 fliegen die Räuber samt den Geldsäcken davon. Wie groß die Beute war, wurde bislang nicht mitgeteilt - da es sich offenbar um diverse Säcke voller Banknoten handelte, dürfte die Summe jedoch nicht unerheblich sein.

Der in Schweden sehr prominente Kriminologie-Professor und Krimi-Autor Leif G. W. Persson sagte der Nachrichtenagentur TT am Mittwoch, es könne sich um bis zu einer Milliarde Kronen handeln - knapp 100 Millionen Euro. Fachleute bezweifelten kurz darauf aber, dass diese Zahl stimmen könne - denn so viel Bargeld wäre ihrer Meinung nach zu schwer für einen Helikopter dieses Typs.

Geldautomaten könnten den Dienst verweigern

Beim schwedischen Handelsverband machte man sich schon am Mittwoch Sorgen, dass all das verschwundene Bargeld zu Engpässen führen könnte: "Das Depot stellt einen großen Anteil der lokalen Cashreserven", sagte Dick Malmlund vom Handelsverband der Agentur TT. Wenn eine solche Einrichtung ausfalle, gebe es keine Notfallpläne, "wir haben keine ausreichend große Reservekapazität. Das kann sich heute niemand mehr leisten."

Der Raub fand zu der Zeit des Monats statt, zu der in Schweden die Löhne überwiesen und gern größere Abhebungen getätigt werden. Deshalb, spekulieren Fachleute, könnte das Depot auch besonders üppig gefüllt gewesen sein. Ein G4S-Sprecher widersprach jedoch den Spekulationen, es könne leere Geldautomaten geben. Man habe "99 Prozent der Automaten" mit Bargeld versorgt.

Aufhalten konnte die Bande mit ihrer stattlichen Beute im Hubschrauber jedenfalls niemand. Die Straßen in ihrer Flugrichtung hatten die Gangster mit sogenannten Krähenfüßen präpariert: vierzackigen Metallobjekten, die dazu gemacht sind, Autoreifen zu zerstechen. Das hält die Polizei bei ihrer Verfolgungsjagd mächtig auf - per Hubschrauber kommen die Beamten ohnehin nicht an die Bande heran. Denn die Polizeihubschrauber stehen nicht zur Verfügung.

Zum einen werden die Hubschrauberpiloten auf dem Gelände bei Myttingen auf der Insel Värmö in der Nähe Stockholms erst gegen zehn vor sechs Uhr morgens alarmiert - also viel zu spät, über eine halbe Stunde nach dem Beginn des Raubs. Und dann können sie nicht starten - denn jemand hat in ihrem Helikopter-Depot eine Bombenattrappe deponiert, die verhindert, das irgendjemand in eine Maschine einsteigt und startet. Das "Svenska Dagbladet" (SvD) berichtet, in der Nähe der beiden dort stationierten Polizeihubschrauber habe man eine Tasche mit der Aufschrift "Bombe" gefunden, was die dortigen Beamten gezwungen hätte, entsprechende Sicherungsmaßnahmen einzuleiten. Entfernt wurde die vermeintliche Bombe später unter anderem mit Hilfe einer Wasserkanone.

Den Helikopter ließen die Täter einfach zurück

Als das Sonderkommando der Polizei, die sogenannte Nationale Einsatztruppe, in das Gebäude eindringt, sind die Räuber längst über alle Berge. Alle 21 Angestellten von G4S sind unverletzt. Im Gebäude wird weiterer Sprengstoff gefunden, die Polizei sperrt das Gelände weiträumig ab. Um 8.15 Uhr schon wird der verlassene weiße Bell-Helikopter der Bande in einem Waldstück in der Nähe von Skavlöten in Arninge gefunden, nördlich von Stockholm. Erfreulich für den Besitzer - so ein Helikopter kostet mehrere hunderttausend Euro. Die Maschine war vor der Tat nördlich von Stockholm gestohlen worden.

Die schwedische Nachrichtenagentur TT zitiert eine ungenannte Polizeiquelle mit den Worten: "Die komplizierte Logistik erinnern an militärisches Vorgehen. Nicht jeder ist in der Lage, einfach so aus einem Helikopter heraus- und wieder hineinzukommen. Man muss irgendeine Form von Infanterie- oder Spezialeinsatz-Ausbildung haben." Laut dem englischsprachigen schwedischen Nachrichtenangebot "The Local" schätzt die schwedische Polizei die Zahl derer, die im eigenen Land zu einem solchen Verbrechen fähig wären, auf nicht mehr als 25. Die Fähigkeiten des Hubschrauberpiloten allein sorgen bei der schwedischen Polizei fast schon für Bewunderung: "Das war sehr professionell. Nicht mal ein Polizei- oder Rettungshubschrauber würde normalerweise so landen", zitiert "Aftonbladet" einen Stockholmer Beamten.

Polizeibeamter vermutet einen "Inside Job"

Die schwedische Polizei sucht nun fieberhaft nach Kandidaten aus der schwedischen Unterwelt, die für eine derartige Aktion überhaupt in Frage kämen - und nicht ohnehin gerade hinter Gittern sitzen. Es gibt aber auch Gerüchte, ein Mafiaboss vom Balkan könne hinter dem minutiös geplanten Raub stecken. Die Nachrichtenagentur TT zitiert wiederum einen anonymen Beamten mit den Worten, er vermute einen Insider des Unternehmens hinter der Tat: "Die Räuber müssen Zugang zu Zeichnungen und anderen detaillierten Informationen gehabt haben, darüber, wie sie hineinkommen und sich, einmal drin, dort orientieren könnten."

Kurz: Die Mutmaßungen schießen ins Kraut. In Schweden mehrt sich inzwischen die Kritik an der Polizei und ihrem als zögerlich empfundenen Eingreifen. Nicht zuletzt die Blamage mit den mit einer simplen Attrappe einsatzunfähig gemachten Hubschraubern sorgt für Unverständnis. "Es ist einfach peinlich, dass Kriminelle die Polizei mit Tricks aus einem Kinderbuch ausschalten können", hieß es in einem Leitartikel der Zeitung "Aftonbladet". Die Zeitung "Svenska Dagbladet" stellte die grundsätzliche Fähigkeit der Polizei in Frage, Gesellschaft und Bürger zu schützen.

Die Zeitung "Dagens Nyheter" (DN) zitiert einen Experten, der die Sicherheitsvorkehrungen an dem improvisierten Hangar auf Värmö scharf kritisiert. Schon im Jahr 2008 habe Sten-Olov Hellberg, Polizeichef der Polizei der zentralschwedischen Provinz Dalarna, in einem Bericht angemahnt, die Maschinen seien dort nicht sicher: "Die Helikopter werden praktisch in einem Zelt aufbewahrt. Soweit ich weiß, wird die Einrichtung nicht rund um die Uhr bewacht." Die Hubschrauber seien dort seit einem Feuer in ihrem ursprünglichen Hangar im Jahr 2002 stationiert. Der Chef der Bundespolizei Bengt Svenson sagte dem Fernsehsender Sveriges Television (SVT) nun, dass die Hubschrauber dort unbewacht gewesen seien, sei nicht akzeptabel. Man müsse sie an einen anderen Ort bringen, etwa eine Marinebasis in der Nähe Stockholms. Die Einsicht kommt spät.

Ein am Mittwoch verhafteter Mann ist inzwischen wieder auf freiem Fuß, ein weiterer ist noch in Haft - aber aus anderen Gründen, die nichts mit dem Raubzug zu tun haben, wie die Polizei mitteilte.

Von den Tätern und ihrer mutmaßlichen Millionenbeute fehlt jede Spur.

Mit Material von AP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
systemfeind 24.09.2009
1. kein Kommentar ? nanu
Zitat von sysopSie kamen mit dem Hubschrauber, erbeuteten vermutlich viele Millionen Euro, tricksten die Polizei aus - und sind jetzt spurlos verschwunden. Ein militärisch präzise agierender Trupp von Profis hat in Stockholm einen spektakulären Raubzug verübt. Protokoll einer unglaublichen Tat. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,651111,00.html
tja, schnell rein , keine Spuren hinterlassen , schnell weg , Paramilitärs . Meine Kollegen machen zur Zeit Ferien in Schweden , die können mir sicherlich berichten was sie so aus der Zeitung erfahren haben . Spannende Sache .
Walter Sobchak 24.09.2009
2. Bitte geben Sie einen Titel für den Beitrag an!Bitte geben Sie einen Titel für den Be
Also im Prinzip genauso wie die Bankster? Die kommen im Hubschrauber, tricksen die Polizei aus...
IDECT 24.09.2009
3. Bankraub
so ein spektakulärer Raub kann nur mit Insiderwissen eines Mitarbeiters der Bank durchgeführt werden.
nonbeliever1911 24.09.2009
4. Genial?
Irgendwie fällt es mir schwer nicht einfach zu sagen: "Wer so schlecht auf sein Geld aufpasst hats nicht besser verdietn" andererseits, ist es schon beunruhigend, das derartig effektive Paramilitärs mitten in Europa einfach so operieren können. Wer wohl dahinter steckt? Das könnte noch eine spsnnende Geschichte werden :P
Monsterpudel 24.09.2009
5. !
Respekt!
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