Hells Angel André Sommer im Interview: "Ich bin wieder fit"

Von Thomas Heise

Thomas Lobenwein

Im Sommer 2012 wurde der Hells Angel André Sommer bei einem Attentat mit sieben Schüssen niedergestreckt. Jetzt ist er wieder auf den Beinen - und will reden. SPIEGEL TV hat den Rocker-Boss zu einem Interview getroffen.

Am Hintereingang der Kneipe Germanenhof in Berlin-Hohenschönhausen wartete im Juni 2012 der Tod auf André Sommer. Es war gegen 3 Uhr morgens, Sommer hatte Feierabend und wollte einfach nur nach Hause. Doch bevor er sich auf seine Harley Davidson schwingen konnte, peitschten sieben Schüsse durch die Nacht. Der Hells-Angel-Anführer André Sommer blieb getroffen liegen.

Eine Kugel verfehlte sein Herz nur knapp und blieb neben der Wirbelsäule stecken. Eine ging an der Aorta vorbei, drei Kugeln durchschlugen den Arm. Was genau in jener Nacht geschah, weiß Sommer nur aus den Medien. Er selbst kann sich an nichts erinnern. Nicht an die Schüsse, nicht an die Sirene des Rettungswagens, nicht an den nahen Tod.

Sommer, ein Hüne mit einem Gewicht von 137 Kilogramm, empfängt in einer rustikalen Kneipe zum Interview. In einer Sitzecke neben dem Tresen haben sich ein paar Hells Angels versammelt, die misstrauisch herüberschauen. Zwei der Männer haben in der Vergangenheit mehrfach Journalisten bedroht.

Die neue Offenheit, sie währt nur kurz

Jetzt soll alles anders sein. Der Rockerpräsident sieht erholt aus. Die langen Haare wallen auf die schwarze Lederweste, an der rechten Hand zeugt ein dicker Ring mit dem "Dead Head", dem geflügelten Totenkopf, einem eingetragenen Warenzeichen der Hells Angels, von seiner Macht.

Über die Schüsse in der Nacht und was danach geschah redet Sommer zum ersten Mal. Die Offenheit ist Teil einer neuen Strategie der Hells Angels. "Wir haben uns zu lange vor der Öffentlichkeit verschlossen", sagt Sommer.

Darüber, ob er den Täter wiedererkennen würde, will er allerdings nicht reden. Lieber darüber, wie es war, als er aus dem Koma erwachte. "Da stand überall Polizei mit Maschinenpistolen. Ich dachte nur: Wo bin ich?" Die Schmerzen von den schweren Verletzungen, dazu noch der uniformierte Alptraum eines jeden Rockers am Bett - das war erst einmal zu viel für Sommer.

Rebellion gegen den Boss

Der Mordanschlag geht, zumindest ist das die Ansicht der Staatsanwaltschaft, auf das Konto von Sommers ehemaligem Hells-Angels-Bruder Holger "Hocko" Bossen. Bossen war lange Jahre Präsident des Hells-Angels-Charter der "Nomads" - und damit Sommers Vorgänger. Er führte sein Charter wie ein Gutsherr, ließ andere Brüder bei sich zu Hause im brandenburgischen Hinterland antanzen, damit sie seinen Hund Bruno ausführen.

Im Jahr 2008 rebellierten die einfachen Mitglieder gegen Bossen und schmissen ihn aus dem Club. In der Sprache der Hells Angels heißt das "Out in bad Standing". Die Nachricht vom Rausschmiss überbrachte damals André Sommer.

Nach seinem Verhältnis zu Bossen befragt, ist es mit der neuen Offenheit Sommers ebenfalls schnell wieder vorbei. "'Hocko' ist nicht mehr Bestandteil des Clubs. Daher auch keine Aussage von mir zu ihm. Nur so viel: Er hat Fehler gemacht. Ende." Und dass sein einstiger Mentor ihm wohl einen Killer auf den Hals hetzte? Sommer gibt sich staatsmännisch: "Das ist ein laufendes Ermittlungsverfahren. Da kann ich nichts zu sagen."

Wesentlich mitteilsamer ist der 1964 geborene Sommer, wenn es um seine Karriere als Rocker geht. "Ich bin ein gelebter DDR-Bürger", sagt er stolz. Sein Lieblingsfußballverein war damals der BFC Dynamo, früher ein Stasi-Club, verhasst im Rest des Landes und bei den normalen Fans. An der Spitze des BFC residierte Geheimdienstchef Erich Mielke.

Sommer prügelte sich schon im Arbeiter- und Bauernstaat gerne. Egal ob es gegen gegnerische Fans ging oder gegen die Polizei. Ein paarmal saß er im Knast. "Ich war ein Fußballrowdy. Meine Mutter hatte nicht immer Freude an mir. Ich hatte sogar mal Inselverbot auf Usedom." Nach dem Fall der Mauer arbeitete er im Sicherheitsbereich, 2001 trat er dann bei den Hells Angels ein. "Das war eine Bruderschaft. Das hat mir imponiert."

Mehr zu Sommer und dem erneut aufflammenden Rockerkrieg: SPIEGEL TV Magazin, Sonntag, 22:30 Uhr, RTL

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insgesamt 31 Beiträge
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1.
adal_ 02.03.2013
Zitat von sysopI...Die Offenheit ist Teil einer neuen Strategie der Hells Angels. "Wir haben uns zu lange vor der Öffentlichkeit verschlossen", sagt Sommer.... Hells Angel André Sommer im Interview - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/hells-angel-andre-sommer-im-interview-a-886533.html)
Was für eine "Offenheit"? Über die kriminellen Machenschaften von Sommers Charter erfährt man rein gar nichts.
2. Forum für Verbrecher?
sailor60 02.03.2013
warum wird Verbrechern dieses Forum geboten? Letztendlich sichern wir den HA so ein Einfluss zu der ihnen einfach nicht zusteht. Eine regelmäßige Berichterstattung über deren Taten und Opfer(wenn möglich) wäre viel sinnvoller. Mich interessiert ehrlich gesagt einen Dreck was dieser Knilch zu sagen hat. Interessant ist vielmehr was wir (bzw. der Staat) gegen die HA tut.
3.
focussierter 02.03.2013
Zitat von adal_Was für eine "Offenheit"? Über die kriminellen Machenschaften von Sommers Charter erfährt man rein gar nichts.
Nein. Natürlich nicht. Das ist ja auch nur der Aufmacher, mit dem der Spiegel Leser / Zuschauer locken will. Abgesehen davon finde ich es bemerkenswert und gleichzeitig in höchstem Maße bedenklich, daß der Spiegel / Spiegel TV einer Gruppierung, welche in etlichen Bundesländern verboten und also illegal ist, überhaupt eine Plattform zur Selbstdarstellung bietet. Mehr gibt es dazu m.E. nicht zu sagen, um dieser Verbrecherbande nicht noch mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.Obwohl regelmäßiger SpiegelTV-Zuschauer seit mehr als 10 Jahren werde zumindest ich morgen eine Ausnahme machen und SpiegelTV boykottieren.
4. nicht sicher
eifelwissen 02.03.2013
Ich bin nicht sicher, ob der Spiegel diesen Herren hier ein Forum bieten sollte. Auch ich liebe Harleys, kann es überhaupt nicht leiden, wenn deutsche Journalisten ALLES, was mit Motorradfahrern oder Motorrädern zu tun hat, als "Biker" oder "Bikes" bezeichnet. Das ist peinlich und v.a. falsch! Mal zur Info: "Biker" sind im US-Raum, und da kommen nun mal die "Angels" und andere Subkulturen her: ROCKER ! Es ist gut zu wisssen, daß es auch noch Clubs mit Motorradfahrern gibt, die so harmlos wie Nachbars Mieze sind, und trotzdem nicht spiessig. GERN auch einmal darüber berichten! Grüße vom Moppedfahrer.
5. ...
KnoKo 02.03.2013
Zitat von sailor60warum wird Verbrechern dieses Forum geboten? Letztendlich sichern wir den HA so ein Einfluss zu der ihnen einfach nicht zusteht.
Wir sichern denen gar nichts. Wenn die Einfluss wollen, dann nehmen sie ihn sich. Aber das ist dann kein Einfluss über die Medien, denn da tauchen die eh nicht wirklich gerne auf. Was denn für eine Berichterstattung? Wenn mal wieder einer wegen KV angeklagt ist? Glauben Sie mir - das wird ganz schnell langweilig und dass einige von denen in Drogen-, Waffen- und Menschenhandel verstrickt sind, ist sowieso kein Geheimnis. Was soll der Staat denn machen? Inzwischen ist es doch so weit gekommen, dass in einigen Gegenden die Angels oder Bandidos als Bollwerk gegen noch weit schlimmere "Gangs" gesehen werden. Alles in allem eignet sich das Thema aufgrund des Images dieser Gruppen zwar ganz gut, um mediale Umsätze zu generieren, aber eine wirkliche Gefahr für den Staat geht von "Rockerbanden" nicht aus. Die lauert wo ganz anders.
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Hells Angels
Hells Angels ist die Abkürzung für den berüchtigten Hells Angels Motorcycle Club und zugleich die Bezeichnung für ihre Mitglieder. Von den Rockern, die typischerweise Harley-Davidson-Motorräder fahren, gelten viele als gewalttätig und kriminell; die Angels sind eine der umstrittensten Biker-Vereinigungen.
Bandidos
Die Bandidos sind ein Rocker- und Motorradclan, der aufgrund nachgewiesener Nähe einzelner Mitglieder zur Organisierten Kriminalität umstritten ist. Die langjährige Feindschaft zwischen den Bandidos und den Hells Angels führte immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Rockern.
Outlaws MC
Einer der größten und ältesten Motorradclubs der Welt. Der Outlaws MC taucht, wie alle anderen großen Bikergangs auch, regelmäßig in den Verfassungsschutzberichten der Länder auf.
Gremium MC
Der letzte große Motorradclub deutschen Ursprungs, der sich bisher keiner internationalen Biker-Vereinigung, wie z. B. den Hells Angels, Bandidos oder den Outlaws, angeschlossen hat. Laut Berichten des Verfassungsschutzes steht der Verein immer wieder in Verbindung mit illegalem Menschen-, Drogen- und Waffenhandel.