Polizeiverbände zum Tod von Hells-Angels-Chef "Das sind keine Motorradfahrer und Kleingärtner"

Fiel der Gießener Hells-Angels-Boss Aygün Mucuk Revierkämpfen unter Rockern zum Opfer? Die Polizei ermittelt, aber ein Kripo-Chef fordert bereits, gewalttätige Charters als kriminelle Vereinigungen einzustufen.

Polizisten vor dem Klubheim der Hells Angels Gießen
DPA

Polizisten vor dem Klubheim der Hells Angels Gießen


Nach dem gewaltsamen Tod eines führenden Kopfes der Hells Angels in Hessen hat der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) vor einer ausufernden Bandenkriminalität in Deutschland gewarnt. "Das geht jetzt los. Wenn organisierte Kriminalität - und dazu gehören diese Rocker - die Streitigkeiten offen austrägt und auf offener Straße aufeinander losgeht und tötet, dann müssten die Alarmglocken eigentlich sehr, sehr laut läuten", sagte der stellvertretende BDK-Bundesvorsitzende Ulf Küch der Deutschen Presse-Agentur.

"Wir beobachten, dass sich diese Rockergruppen tatsächlich offen hinstellen und die Bundesrepublik untereinander aufteilen. Jetzt machen sie es sogar mit der Kanone in der Hand", konstatierte der Braunschweiger Kripo-Chef. Der Kopf der Gießener Hells Angels, Aygün Mucuk (45), war am Freitagmorgen erschossen aufgefunden worden.

Von dem oder den Tätern fehlte zunächst jede Spur. Die Ermittlungen der Polizei laufen weiter. Die Staatsanwaltschaft Gießen ordnete eine Obduktion der Leiche an. Mucuk war von mehreren Kugeln getroffen worden. Die Ergebnisse der gerichtsmedizinischen Untersuchung sollen am Montag bekannt gegeben werden. Hessens Innenminister Peter Beuth (CDU) äußerte sich zunächst nicht zu dem Fall.

BDK-Vertreter Küch forderte, statt einzelne Rockergruppen nur als Vereine zu verbieten, die jeweiligen Charters als kriminelle Vereinigung einzustufen. "Man muss feststellen, diese Banden hängen zusammen, es sind keine Motorradfahrer, es sind keine Kleingärtner, die sich gegenseitig besuchen, sie grillen auch nicht miteinander. Sie führen irgendwelche krummen Geschäfte aus - und wenn es dann nicht so funktioniert, gibt es offene Gewalt", warnte der Kriminalbeamte.

Sorge bereiteten Kriminalisten vor allem "die sogenannten ethnisch durchtränkten Rockergruppen, die auch ihre Süppchen kochen", sagte der BDK-Vize: "Das Geschäftsmodell 'Rocker' ist offensichtlich in den kriminellen Bereichen angekommen."

Aygün Mucuks Tod könnte im Zusammenhang stehen mit Hells-Angels-internen Machtkämpfen. Es geht um Jung gegen Alt, "Old School" gegen "New School", Deutsche gegen Migranten. Als Anführer der jungen Wilden stand der 45-jährige Aygün Mucuk dem Frankfurter Rockerboss Walter Burkard gegenüber, in der Szene als "Schnitzel-Walter" bekannt. Beide gehörten dem inzwischen verbotenen Frankfurter Ableger Westend an, in der Szene Charter genannt.

2014 gründete Mucuk mit weiteren Abtrünningen in Gießen ein eigenes Charter - ein klarer Verstoß gegen die strikten Regularien, der die Truppe um "Schnitzel-Walter" wurmte. Zwischenzeitlich sah es aus, als hätten sich die verfeindeten Fraktionen auf eine Art friedliche Koexistenz verständigt. Doch bereits am Himmelfahrtstag kam es mitten in Frankfurt zu einer Schießerei unter Rockern.

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) hatte bereits kurz nach der jüngsten Bluttat vor möglichen Racheakten rivalisierender Gruppen gewarnt. Die Vergangenheit habe gezeigt, "dass wir hellwach sein müssen", sagte der hessische GdP-Landesvorsitzende Andreas Grün in Wiesbaden. Welche Folgen der Tod von Mucuk in Wettenberg bei Gießen aber tatsächlich in den kommenden Tagen und Wochen habe, sei spekulativ. "Das ist eine Welt für sich, die sehr schwierig abzuschätzen ist", sagte Grün.

Sehen Sie hier eine SPIEGEL-TV-Reportage aus dem August 2016 über Aygün Mucuk und den Bruderkrieg der Hells Angels.

Mehr Hintergründe zu dem Fall bei SPIEGEL TV, Sonntag 22:55 Uhr RTL.

SPIEGEL TV Magazin

feb/dpa

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