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Rockerprozesse in Berlin: Die Glaubensfrage

Von Thomas Heise

In Berlin laufen zwei Verfahren zu Mordfällen aus dem Rockermilieu. Beide Prozesse haben denselben Kronzeugen - doch nur eine Kammer glaubt ihm. Über das seltsame Verhalten zweier Strafrichter.

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Es war Mord. Kein Zweifel. Nahezu aufgeklärt ist auch der Tathergang. Zu den möglichen Tätern aber gibt es keine Beweise, nur Indizien. Die Mordkommission verdächtigt drei Rocker, einen Schützen, zwei Helfer, und vermutet Rache als Motiv. Involviert sind Hells Angels, die sich in der Hauptstadt von nichts und niemandem etwas sagen lassen wollen. Hinweise auf andere potenzielle Täter aus einem anderen Milieu gibt es nicht.

In mehr als 40 Aktenbänden sind die Untersuchungsergebnisse der Berliner Polizei festgehalten. Darunter eine DNA-Teilspur und ein Kronzeuge der Anklage. Vor dem Landgericht wird den mutmaßlichen Tätern derzeit der Prozess gemacht. Monatelang wurden Ermittler, Zeugen, Gutachter gehört.

Alles lief nach Plan, im Sinne der Anklage. Bis zum 22. Dezember vergangenen Jahres.

An jenem Dienstag wurde der als Todesschütze angeklagte Rene P., 32, völlig überraschend nach eineinhalb Jahren aus der Untersuchungshaft entlassen. Seitdem tobt am Berliner Landgericht eine Schlammschlacht, es bahnt sich ein veritabler Richterstreit an. Beteiligt sind diverse Anwälte, mehrere Richter und die Staatsanwaltschaft. Es geht um gemeinsame Mittagessen, Nebenabsprachen, Anzeigen und Unterlassungsbegehren zwischen Juristen. Wie konnte es dazu kommen?

Der Mord

Die Kulturbrauerei im Prenzlauer Berg gilt seit Jahren als angesagte Location. Auf dem liebevoll restaurierten Backsteinareal sind ein Theater, Restaurants, ein Museum angesiedelt, Fitness für Frauen, Büros, ein Verlag. Gediegene links-urbane Bürgerlichkeit.

Mittendrin der Soda-Club. Coole Musik, cooles Ambiente. Die Türsteher gelten als hart, aber gerecht, in der Regel passiert nichts Gravierendes.

So beginnt auch die Nacht zum 1. September 2013, ruhig. Morgens um 5 Uhr verabschiedet sich Türsteher B. von seinem Kollegen Sebastian K., Spitzname "Locke". 23 Minuten später wird "Locke" tot sein.

B. hat Feierabend, geht mit einem anderen Kollegen zu dessen Auto auf dem Gelände der Kulturbrauerei. Schon als er auf das Auto zuläuft, so erzählt er es später der Polizei, sieht er eine Person, die direkt vor dem Twingo auf einer Stufe sitzt. Der Mann, schwarz gekleidet, hat die Arme verschränkt und den Kopf gesenkt, sein Gesicht ist nicht zu sehen.

Genau an jener Stelle werden später Zigarettenkippen gefunden und "einer unbekannten Person L, Spur Nr. 6.3 B2", zugeordnet.

Als B. den Twingo anlässt, leuchten die Scheinwerfer den Unbekannten aus nächster Nähe direkt an. Der Mann verharrt in seiner Position, zuckt nicht einmal. Die Türsteher wundern sich später, es sei ungewöhnlich, wenn eine Person, die so stark geblendet wird, nicht reagiert. "Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass auch Besoffene irgendwie reagieren, wenn ihnen mit der Lampe ins Gesicht gestrahlt wird", sagt B. der Polizei. Die Männer fahren davon, kümmern sich nicht weiter.

Minuten später rennt eine schwarz gekleidete Person Richtung Soda-Club, vier Schüsse peitschen durch die Nacht, abgefeuert aus einer 9-mm-Pistole. Auf den Bildern der Überwachungskamera ist zu sehen, wie Sebastian K. getroffen wird. Er schleppt sich in den Eingang der Diskothek, blutet, presst drei Worte heraus: "Draußen einer vermummt." Um 7.26 Uhr stirbt Sebastian K. Er wurde 39 Jahre alt.

Warum es gerade ihn traf, ob er getötet oder nur eingeschüchtert werden sollte - bisher unklar.

Im Video: Der Tatort des Mordes

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Die Spur

Fahnder der 7. Mordkommission übernehmen den Fall, durchleuchten zuerst das Umfeld des Opfers. Die Aussagen der Mutter, der Schwestern und von Freunden ergeben ein klares Bild: "Locke", der von allen als freundlich und hilfsbereit beschrieben wird, hatte keine Feinde. Und doch musste er sterben. War er nur ein zufälliges Opfer?

Die Polizei glaubt das nicht. Bei ihr trieb ein Vorfall die Ermittlungen in eine bestimmte Richtung. Zwei Wochen vor den tödlichen Schüssen gab es eine Schlägerei zwischen den Türstehern des Soda und einer Gruppe junger Männer, die zwar in den Club wollten, aber das temporäre Gewaltmonopol der Türsteher nicht akzeptierten.

Ein Überwachungsvideo zeigt die Auseinandersetzung. Ein großer kahl rasierter Kerl mit kräftigen Oberarmen wird aufgefordert, seine Bauchtasche zu öffnen. Will er aber nicht, schlägt stattdessen die Hand des Türstehers weg. Es folgt eine kurze, aber heftige Prügelei, einer geht zu Boden.

Die Angreifer, Mitglieder der Red Devils, einem Unterstützertrupp der Hells Angels, rennen weg. Was für eine Schmach in den Augen der Rocker, glauben sie doch, in der Hauptstadt unantastbar zu sein.

Aus verschiedenen Quellen erfährt die Polizei, dass die Hells Angels und ihre Unterstützer Rache wollen. Ein gewisser Igor W., so berichtet es eine V-Person, habe sich für die Vergeltung gegen die Türsteher angeboten. In der Szene kursiert da schon das Gerücht, dass es bald eine Aktion der Hells Angels gegen den Club geben werde.

Ein paar Tage nach der Prügelei kommt es in einem Boxstudio zu einer Art Vermittlungsgespräch zwischen "Manne", einem der Türsteher, und "Rick", einem Rocker. Rick sagt in dem Gespräch, so berichtet es später ein Zeuge: "Wer angefangen hat, müsse das wieder gerade machen." Die Türsteher also sollen Buße tun, Wiedergutmachung leisten.

Im Video: Die Rockergang und ihre Unterstützer

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Der Kronzeuge

Ermittlungen im Milieu der Hells Angels sind ausgesprochen schwierig. Die Rocker bezeichnen sich selbst als "Outlaw Motorcycle Gang", lehnen den Rechtsstaat ab. Ihr Verhältnis zur Polizei ist legendär und findet in der Losung "ACAB - All Cops Are Bastards" seine Entsprechung. Hells Angels reden nicht mit Cops.

Auch deshalb kommen die Ermittler im "Soda-Mord" nur schwer voran. Zwar sprechen die genannten Indizien bereits für Täter aus dem Umfeld der Hells Angels, Rache für die Schlägerei mit den "Red Devils" ist in dieser Szene ein starkes Motiv. Aber allzu viel mehr gibt es eben auch nicht.

Bis zu dem Tag, an dem Kassra Z. beschließt auszupacken.

Kassra Z. ist selbst Hells Angel und auch keiner, der aus der Art fällt. Er ist vorbestraft und sitzt selbst in U-Haft, als er sich zur Kooperation mit den Behörden entschließt. Er wird einer Beteiligung an einem Mord beschuldigt, hat eine Verurteilung zu befürchten und verspricht sich etwas von seinen Angaben. Er gibt vor, alles zu sagen, was er über seine Brüder weiß. Und das ist eine Menge.

Kronzeuge Kassra Z.
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Kronzeuge Kassra Z.

Im Fall "Soda-Mord" kennt Kassra Z. angeblich die Täter. Er berichtet in mehreren Vernehmungen gegenüber Fahndern über die Schüsse auf "Locke". Drei Personen nennt er: Rene P., 30, ein ehemaliger Bundeswehrsoldat, Tommy F., 31, eine Art Schlag-drauf-und-Schluss der Rockergang, und Dennis S., 26, bei dem später zwei Hitler-Fotos in der Schrankwand gefunden werden.

"Sie waren zu dritt im Auto, Tommy ist gefahren, Rene hat geschossen, Dennis stand Schmiere", beschreibt Kassra Z. den Tathergang. So habe sich Rene P. selbst im Großbordell Artemis mit dem Mord gebrüstet. Und Kassra Z. berichtet auch, dass Rene P. dort vermeldet habe, sich ein neues Tattoo stechen zu lassen, genauer ein "Filthy Few", eine Art Orden, den sich die Rocker auch wahlweise auf die Kutte nähen können. Verliehen wird die Auszeichnung nur an Mitglieder, die jemanden umgebracht oder mindestens schwer verletzt haben.

Die Aussagen von Kassra Z. bringen die drei Verdächtigen in Untersuchungshaft.

Im Gefängnis wird von Rene P. eine Speichelprobe genommen und anonymisiert zur Kriminaltechnik geschickt, um sie mit den Spuren abzugleichen, die auf den Kippen gefunden worden waren. Der Befund kommt kurz darauf, Zitat: "Der zunächst als unbekannte 'Person L.' geführte männliche Spurenverursacher konnte nunmehr der anonymisiert übersandten Person mit dem Barcode 12-MA08, 6-4 zugeordnet werden."

Rene P., ein ehemaliger Fallschirmjäger der Bundeswehr, war also am Tatort. Dazu die Aussagen des Kronzeugen und Rache als Motiv. Das scheint zu passen, auch wenn natürlich viele Fragen offen bleiben. Selbst wenn auch Tommy F. und Dennis S. am Tatort gewesen wären, könnte Rene P. sich im Nachhinein auch mit einer aus dem Ruder gelaufenen Aktion geschmückt haben. Der Prozess muss alle Fragen klären.

Im Video: Die Verhaftung eines Verdächtigen

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Die Richter

Prozessauftakt am 24. September 2014 vor der 22. Großen Strafkammer im Saal 500, gut ein Jahr nach dem Mord. Die drei Beschuldigten werden angeklagt wegen gemeinschaftlichen Mordes:

  • Rene P. ist der mutmaßliche Schütze. Dem schusswaffenerprobten Fallschirmjäger attestierte die Bundeswehr laut Erkenntnissen der Ermittler "eine ausgeprägte körperliche Leistungsfähigkeit und hohe Frustrationstoleranz".
  • Dennis S. soll Schmiere gestanden haben. Er lebt von staatlicher Unterstützung im Haushalt der Großeltern, ist wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen aktenkundig. Da passen die zwei gefundenen Hitler-Bilder.
  • Tommy F., kahl rasiert, mit zahlreichen Tätowierungen und einem Hals, der fast so breit ist wie der Kopf. F. ist mehrfach vorbestraft, im polizeilichen Erfassungssystem wird er 52-mal im Zusammenhang mit Strafverfahren geführt. Es geht um Betrug, Beleidigungen, gefährliche Körperverletzung. Vielleicht hat er viel Pech oder wird laufend zu Unrecht verdächtigt. Im Fall "Soda-Mord" soll F. jedenfalls den Wagen gefahren haben, mit dem der oder die Täter flüchteten.

Vorsitzender Richter ist Peter Faust, zweitweise für fünf weitere große Strafverfahren zuständig. Ein umfangreiches Programm. Faust hat derzeit keinen leichten Stand am Landgericht. Vor ein paar Monaten wurde er von der "Bild"-Zeitung als schlampigster Richter Deutschlands vorgeführt, weil er Akten liegen ließ und Fristen versäumt haben soll.

Beisitzender Richter ist Ulf Buermeyer, ein kritischer und kommunikativer Richter, der in sozialen Medien auch schon mal von "Cops" und "Sheriffs" schrieb. Für die einen endlich mal ein lockerer Richter, für Ermittler eher irritierend. Auf die Frage, ob das nicht eher Rockersprache sei, erklärt er unter anderem: "Ich weiß nicht, was die Hells Angels dazu sagen. Aber ich weiß, dass das keine negative Bezeichnung ist." Ein bisschen mehr Szenekenntnis wäre schön.

Es ist nicht das Einzige, was Erstaunen hervorruft. Vor einigen Tagen machte am Berliner Landgericht ein Foto die Runde. Darauf sind die beiden Richter während der Mittagspause beim Vietnamesen zu sehen. Mit am Tisch sitzen Anwalt R. und Rechtsanwältin J. Beide vertreten Rocker in Mordverfahren, beide werden dort für ihre Mandanten die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen Kassra Z. bezweifeln.

Treffen beim Vietnamesen Zur Großansicht

Treffen beim Vietnamesen

Geschossen hat das Foto ein ebenfalls an Rocker-Verfahren beteiligter Rechtsanwalt, der das Treffen beobachtete. Das Bild gelangte zur Staatsanwaltschaft, die vom Gericht umgehend eine dienstliche Stellungnahme anforderte. Die Ankläger wollen wissen, worum es in den Gesprächen ging. Schließlich könnten ja Nebenabsprachen getroffen worden sein, oder man hat sich ohne Beteiligung der Staatsanwaltschaft über das Verfahren ausgetauscht.

Auch die am Essen beteiligten Anwälte erfahren von dem Foto und verlangen wiederum von dem Anwalt, der das Foto knipste, eine Unterlassungserklärung, er dürfe das Foto keinesfalls veröffentlichen. Sie scheitern mit einem entsprechenden Antrag.

Die genauen Gesprächsinhalte sind bis heute unklar. Generell sollte man solche Treffen ohne die übrigen Richter und die Staatsanwaltschaft besser vermeiden, egal wie oberflächlich das Ganze blieb.

Die Freilassung

Die Verteidiger der drei Angeklagten verfolgen jedenfalls eine klare Strategie: Ihre Mandanten sagen nichts zur Sache, entlasten sich nicht selbst ohne Rücksicht auf die anderen. Vielmehr schweigen zwei komplett, einer bestreitet allgemein seine Beteiligung, und gemeinsam mit ihren Anwälten versuchen sie alles, um die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen zu erschüttern. Sie werden erfolgreich sein.

Kassra Z., aus dessen rundem Schädel kleine Augen finster blicken, war seit Jahren Mitglied der Hells Angels, als er Ende März 2014 beschloss, die Rocker zu verlassen und bei der Staatsanwaltschaft zu reden: über Morde, diverse andere Straftaten, den innersten Zirkel der Hells Angels, über Rocker-Boss Kadir Padir, über Neid und Eifersucht innerhalb der selbst ernannten Bruderschaft.

Auf Basis seiner Aussagen stehen aktuell in zwei großen Strafverfahren 13 Rocker vor dem Berliner Landgericht. Das Merkwürdige dabei: In einem Mordprozess wird Kassra Z. als glaubwürdig eingestuft. In dem anderen, zeitgleich stattfindenden Prozess zum "Soda-Mord" halten ihn die Richter für unglaubwürdig.

Peter Faust (Mitte) und Ulf Buermeyer
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Peter Faust (Mitte) und Ulf Buermeyer

Nun ist Skepsis immer Pflicht, wenn Kriminelle als Zeugen vor Gericht auftreten. Im Fall von Kassra Z. jedoch drängt sich der Eindruck auf, dass mit zweierlei Maß gemessen wird.

Im "Soda-Mord"-Prozess sind es Randaspekte, die das Gericht an der Glaubwürdigkeit des Kronzeugen zweifeln lassen. Beispiele:

Kassra Z. soll mit seiner Freundin zusammen ein Auto gekauft haben. Z., der damals nur mit zwei Krücken laufen konnte, bestreitet vehement seine Anwesenheit beim Autokauf. Der Verkäufer wurde auf Antrag der Verteidigung als Zeuge geladen und kann sich vor Gericht genau an Kassra Z. erinnern. Es steht Aussage gegen Aussage. Lügt Kassra Z. also auch zum "Soda-Mord"? Die Richter halten dies offenbar für gut möglich.

Auch auf Nachfrage von SPIEGEL TV ein paar Tage nach seinem Auftritt im Zeugenstand kann der Verkäufer sich angeblich noch genau an Z. erinnern. Dann aber eine Frage: "Hatte er Krücken? Konnte er gut laufen?" "Vielleicht eine Krücke, vielleicht keine. Ich weiß nicht genau."

Hat er nur Lücken, keine Erinnerung? So was kann passieren - stutzig macht aber, dass der Verkäufer seltsamerweise kurz vor seiner Aussage Besuch vom Angeklagten Tommy F. bekam. F. war schon ein paar Wochen zuvor aus der U-Haft entlassen worden und hat gleich den Zeugen besucht. Was immer Tommy F. vom Zeugen wollte - von den Krücken hätte er nichts erzählen können, weil er es selbst nicht wusste.

Nächstes Beispiel: Kassra Z. hatte Jahre zuvor bei einer Autokontrolle in Hamburg nicht seine wahre Identität, sondern die eines anderen Rockers mit Führerschein angegeben. Und? Rocker wie Kassra Z. sind keine Chorknaben, zudem haben Kronzeugen meist noch mehr Dreck am Stecken.

Weiter: Kassra Z. sagte den Behörden, ihm sei in einem Gespräch berichtet worden, dass es auf einer Hochzeit angeblich eine Auseinandersetzung gegeben hatte. Der Bräutigam, ein ehemaliger Hells Angel, wurde geladen und erklärte, es hätte nie eine Auseinandersetzung gegeben. Was Z. ja auch nie behauptet hatte.

Für die Richter im "Soda-Mord"-Fall ist all dies jedenfalls Grund genug, die drei Angeklagten frei zu lassen. Es gebe keinen dringenden Tatverdacht mehr. Vermutlich unvermeidbar, wenn es nur den Kronzeugen gegeben hätte. In dubio pro reo.

Die Zweifel

Wie aber erklärt man sich den DNA-Fund, der die Einlassung von Kassra Z. stützt? Und was ist mit der Rache als Motiv, dazu die Zeugen, die von Vergeltung sprachen?

Wie konnte Kassra Z. drei Rocker belasten, von denen nicht einer ein Alibi präsentieren kann oder will, das den gesamten Prozess zum Einsturz bringen würde? Welches Motiv sollte Kassra Z. für eine Falschaussage haben? Als Hells Angel zu singen wäre schon ziemlich wagemutig. Aber Hells Angels falsch zu beschuldigen? Als Rocker, der in einem Video des Rappers Fler auftrat? Dann muss er schon sehr auf Zeugenschutzprogramme vertrauen.

In dem parallel laufenden Mordverfahren vor der 15. Großen Strafkammer, in dem Kassra Z. ebenfalls Kronzeuge ist, haben die Richter Ende Februar auf 18 Seiten ihre Sicht der Dinge dargelegt. Fazit: Kassra Z. ist glaubwürdig. Seitdem eskaliert der Prozess, die Verteidiger stellen laufend Befangenheitsanträge gegen die Richter.

Zwei Große Strafkammern eines Landgerichts kommen zu zwei komplett unterschiedlichen Ansichten zu einem Sachverhalt: Das hat es in der Berliner Gerichtsgeschichte wohl noch nicht gegeben. Entsprechend frostig ist die Stimmung auf den Fluren. Als sich vor ein paar Tagen die beteiligten Richter begegneten, würdigten sie sich keines Blickes.

Im "Soda-Mord"-Verfahren werden am 21. März die Plädoyers gehalten. Und da die Richter wohl nicht allzu lange Beratungszeit brauchen, dürfte am selben Tag auch das Urteil fallen.

Der Angeklagte Rene P. ist bei den Hells Angels mittlerweile vom Anwärter zum echten Mitglied aufgestiegen. Was natürlich auch nur ein weiterer Zufall sein kann.

Mitarbeit: Claas Meyer-Heuer


Mehr zu den Mordprozessen, den Richtern und dem Kronzeugen Kassra Z. sehen Sie in SPIEGEL TV Magazin: Sonntag ab 21.55 Uhr, RTL.

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