Von Jörg Diehl, Düsseldorf
Es war gegen elf, als die erste Streife ihren Funkspruch absetzte. Aufgeregt, fast schon panisch, so erinnerte sich später ein Beamter der Leitstelle, habe der Kollege nach Unterstützung verlangt: "Wir brauchen alles, was ihr habt." Denn in der Altstadt Mönchengladbachs war am Samstagabend eine Auseinandersetzung, die anfangs nicht mehr als eine Kneipenschlägerei zu sein schien, zu einer regelrechten Straßenschlacht Dutzender Rocker ausgeartet.
Laut Polizei droschen Hells Angels und Bandidos mit Eisenstangen und Baseballschlägern aufeinander ein, auch Messer wurden gezückt, und am Ende war ein angehender Höllenengel namens Jimal, 38, schwer verletzt, jemand hatte ihm einen Stich in die Leber versetzt. Zwei weitere Unterstützer der Hells Angels und ein Mitglied der Leverkusener Bandidos erlitten leichte Schnittverletzungen. Inzwischen ermittelt eine Mordkommission der Polizei wegen versuchter Tötung und Landfriedensbruch.
Doch die Spirale der Gewalt drehte sich weiter. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen schossen Unbekannte in der Folge auf die Wohnung eines Oberhausener Bandidos und sollen auch in Essen gefeuert haben.
Sprengsatz in Herten
Am frühen Sonntagmorgen detonierte zudem vor einem Bandido-Vereinsheim in Herten ("La Casa de los Locos") ein Sprengsatz, vermutlich handelte es sich dabei um eine Übungshandgranate. Hausherr dort ist der Pressesprecher der Bandidos in Deutschland, Michael M., der den Anschlag als "unkluge und völlig überflüssige Aktion" bezeichnete, "die uns allen schaden kann." Der Sprecher der deutschen Hells Angels, Rudolf T., wollte sich auf Anfrage nicht zu den Vorfällen äußern.
Dabei galt seit dem spektakulären Friedensschluss der Banden-Anführer Frank Hanebuth und Peter Maczollek im Mai 2010 Ruhe als erste Rockerpflicht. Zwar gingen die Scharmützel unter der Aufmerksamkeitsschwelle der Öffentlichkeit durchaus weiter, doch wachten die mächtigen Männer in Hannover und Bochum darüber, dass sich keine der Auseinandersetzungen zu einer blutigen Fehde auswachsen konnte.
Das war nicht immer leicht.
Junge Wilde
Die jungen Wilden in den Clubs sind hochaggressiv und kaum zu bändigen. In den vergangenen Jahren waren die Auseinandersetzungen, nach Einschätzung der Polizei, vor allem von Territorialkämpfen und Expansionsbestrebungen bestimmt. Die Gangs haben zahlreiche Männer aufgenommen, die ältere Motorradfreunde wenig charmant als "das Gesocks" bezeichnen.
Bei Angels und Bandidos mischen inzwischen ehemalige Hooligans, Neonazis und Kleinkriminelle mit - nicht immer als reguläre Rocker, oftmals nur in Schlägertrupps, "Supporter" genannt. Ihr Auftrag ist die Attacke. Gerade in Nordrhein-Westfalen sind in den vergangenen Monaten so viele Ableger der Vereine entstanden, dass es vielleicht nur eine Frage der Zeit war, bis es wieder knallte.
Unklar ist allerdings bislang, warum es nun in Mönchengladbach zur offenen Feldschlacht kam. Aus Sicherheitskreisen hieß es, jeweils 40 Bandidos und Hells Angels seien vor einer Discothek in der Innenstadt aufeinander losgegangen. Später hätten sich noch etwa 35 Mitglieder der Motorradclubs Outlaws und Gremium blicken lassen.
Möglicherweise sei es darum gegangen, wer den Sicherheitsdienst der Bar stelle, also "die Tür mache". Denn: "Wer die Tür hat, hat den Laden." Und das wiederum meint: Die Männer mit den aufgepumpten Armen kontrollieren zumeist den Drogenhandel in dem Club.
Die Bandidos weisen das zurück, die Angels wollen sich dazu auch nicht äußern.
Unterstützung aus dem Ruhrgebiet
Unstrittig ist jedenfalls, dass die Bandidos am Samstag Unterstützung aus dem nahen Ruhrgebiet herbeitelefonierten und in Windeseile Rocker aus Bochum, Oberhausen, Mülheim, Leverkusen, Essen und Duisburg anrollten. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen ließen sich auch die deutschen Bandidos-Bosse Maczollek und Leslav H. am Niederrhein blicken. Die Polizei stellte ihre Personalien fest. Ein Sprecher des Clubs mochte das nicht kommentieren.
Die Polizei ist nun in höchster Alarmbereitschaft. "Wir stehen richtig unter Strom", sagt ein Ermittler. "Der Einsatz von Schusswaffen und Sprengstoff zeigt, dass die Gewaltbereitschaft in der Szene immens ist." Am Montagabend durchsuchten 250 Beamte das Düsseldorfer Quartier der Hells-Angels-Unterstützer Clan 81. Die Polizisten stellten zwar Schlagstöcke, Baseballschläger und auch Messer sicher, doch mehr als ein symbolischer Akt der Stärke war ihre Aktion wohl nicht.
Der Vorsitzende des Landesverbandes der Deutschen Polizeigewerkschaft, Erich Rettinghaus, fordert daher, langfristig entschieden gegen Bandidos und Hells Angels vorzugehen: "Kriminelle Rockergruppen bedürfen der permanenten Überwachung, der Druck muss erhöht werden." Um aber Strukturen der organisierten Kriminalität tatsächlich zu durchdringen, bräuchten die Beamten zudem wirksame Ermittlungsinstrumente wie etwa die Vorratsdatenspeicherung, so Rettinghaus.
In dem konkreten Fall könnte den Fahndern tatsächlich ausnahmsweise einmal die moderne Technik bei der Beweisführung helfen. Der Alte Markt in Mönchengladbach, wo sich Höllenengel und Banditen schlugen, ist der einzige Ort im Land, an dem die Polizei eine permanente Videoüberwachung erproben darf. Und daher soll es von der Rockerschlacht etwas geben, was in der Szene durchaus Seltenheitswert hat: bewegte Bilder.
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