Von Jörg Diehl, Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer
Viele Menschen denken, die Konflikte der Gangs gingen sie nichts an. Tatsächlich sind bei den Schießereien, Straßenschlachten und Handgranatenattacken in Deutschland bislang kaum Unbeteiligte verletzt worden, wenngleich sie mitunter auch nur äußerst knapp davonkamen. Damals in Duisburg etwa, als der Hells Angel Timur A. den Bandido "Eschli" Elten erschoss, verfehlten zwei Projektile die Köpfe zweier Frauen in der Nähe nur haarscharf.
Aber wer glaubt, dass sich die Rocker nur untereinander schaden oder allenfalls mit anderen Männern aus dem Milieu aneinandergeraten, hat weit gefehlt. Das Beispiel des Hells Angels Jürgen C. belegt das deutlich. Der frühere "Sergeant at Arms" des Frankfurter Charters "Westend" ging einst auf eine Nachbarin los, beschimpfte und bespuckte sie, weil die es gewagt hatte, sich vom Lärm seiner Harley gestört zu fühlen. Den Ehemann der Frau schlug der Rocker sogar nieder, ehe der überhaupt etwas sagen konnte. Anschließend traktierte er den am Boden Liegenden mit Fußtritten.
Jahre zuvor war C. schon einmal ausgerastet, als er auf einer Bundesstraße hinter einem langsam überholenden VW-Bus gehangen hatte. Er fuhr neben das Vehikel, versuchte zunächst, den Wagen abzudrängen, ließ dann seine Begleiterin die Scheibe auf der Beifahrerseite herunterkurbeln und feuerte durch das geöffnete Fenster. Die Kugel durchschlug das Blech und drang in den Oberschenkel des Fahrers ein. Welch ein Schock muss das für den arglosen Busfahrer gewesen sein?
Das erste Todesopfer
Die kräftezehrenden Jahre des sogenannten Rockerkriegs haben die Szene jedoch stark verändert, ja man muss sagen, sie haben sie noch weiter verschlechtert. Schon immer zogen die Banden Suchende und Strauchelnde an, Männer, die lieber zuschlugen, als lange zu debattieren. Jungs, deren größte Stärken ihr Hass, ihre Wut, ihre Verachtung waren, und die eigentlich nur eines gut konnten: etwas kaputtmachen.
Doch diese Männer - das muss man ihnen vielleicht zugutehalten - liebten ihre Clubs, oder besser gesagt: Sie liebten es, endlich irgendwo dazuzugehören. Sie liebten das Gefühl, ein Hells Angel oder ein Bandido zu sein, ein König der Straße und nicht mehr nur ein gesellschaftlich Gescheiterter, Türsteher, Zuhälter, Geldeintreiber. Rocker zu sein, das war ihr Leben, ihre Identität, das waren sie.
Nach dem Wettrüsten
In vielen Chaptern und Chartern der Bandidos und Hells Angels sind die Altvorderen nach dem Wettrüsten der jüngeren Vergangenheit mittlerweile deutlich in der Minderzahl. Die Gangs haben vielfach brutale Banden aus den Problemvierteln der Großstädte aufgenommen, denn das war immer noch besser, als wenn die zur Gegenseite übergelaufen wären und man dann mit ihnen hätte kämpfen müssen. Allein in Nordrhein-Westfalen hat sich die Zahl der örtlichen Ableger von Bandidos und Hells Angels seit 2005 fast verdoppelt.
Die Neuen in den Clubs aber kennen die althergebrachten Loyalitäten zu den Banden nicht mehr. Für sie ist das Dasein als Rocker nur ein Abschnitt in ihrer ohnehin oft schon arg zerfurchten Biografie. Sie wechseln die Seiten, wie es ihnen gerade opportun erscheint, sie definieren sich stark über ihre Herkunft, Familie, Ethnie - der Clan ist ihnen wichtiger als die Gang.
Auch die Hells Angels haben diese unheilvolle Entwicklung erkannt. So heißt es in einem vertraulichen Strategiepapier führender Rocker ("For internal HAMC use only!"): "Wir denken, dass wir stark sind", schreiben sie, "aber in Wirklichkeit werden wir jeden Tag, jeden Monat, jedes Jahr schwächer und schwächer." Ihr Club expandiere zwar weltweit, aber zu welchem Preis? Es gebe immer mehr Rocker, "die nicht so leben, wie sie sollten, nämlich gemäß unseren Wegen und Traditionen".
Und was folgt für die Hells Angels aus dieser Erkenntnis? "Wir müssen den Zugang herunterfahren, um die schlechte Saat aufzustöbern." Es sollten keine neuen "Geschäftsleute" - gemeint sind wohl Kriminelle oder Milieu-Größen - zugelassen werden. "Viele dieser Unternehmer scheren sich nicht um unsere Kultur, und ganz offen gesagt brauchen wir sie auch nicht. Sie nutzen unseren Lebensstil häufig aus und verschwinden, wenn die Kacke am Dampfen ist." Doch der Hells Angels Motorcycle Club sei "kein Drehtür-Verein".
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