Hells Angels: Ziemlich böse Brüder

Von , Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer

Die Rockerszene ist in Aufruhr: In den Banden mischen reihenweise Männer mit, die sich um Traditionen und Regeln nicht mehr scheren. Sie wechseln die Seiten, wie es ihnen opportun erscheint. Die Clubs fürchten um ihre Existenz.

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Viele Menschen denken, die Konflikte der Gangs gingen sie nichts an. Tatsächlich sind bei den Schießereien, Straßenschlachten und Handgranatenattacken in Deutschland bislang kaum Unbeteiligte verletzt worden, wenngleich sie mitunter auch nur äußerst knapp davonkamen. Damals in Duisburg etwa, als der Hells Angel Timur A. den Bandido "Eschli" Elten erschoss, verfehlten zwei Projektile die Köpfe zweier Frauen in der Nähe nur haarscharf.

Aber wer glaubt, dass sich die Rocker nur untereinander schaden oder allenfalls mit anderen Männern aus dem Milieu aneinandergeraten, hat weit gefehlt. Das Beispiel des Hells Angels Jürgen C. belegt das deutlich. Der frühere "Sergeant at Arms" des Frankfurter Charters "Westend" ging einst auf eine Nachbarin los, beschimpfte und bespuckte sie, weil die es gewagt hatte, sich vom Lärm seiner Harley gestört zu fühlen. Den Ehemann der Frau schlug der Rocker sogar nieder, ehe der überhaupt etwas sagen konnte. Anschließend traktierte er den am Boden Liegenden mit Fußtritten.

Jahre zuvor war C. schon einmal ausgerastet, als er auf einer Bundesstraße hinter einem langsam überholenden VW-Bus gehangen hatte. Er fuhr neben das Vehikel, versuchte zunächst, den Wagen abzudrängen, ließ dann seine Begleiterin die Scheibe auf der Beifahrerseite herunterkurbeln und feuerte durch das geöffnete Fenster. Die Kugel durchschlug das Blech und drang in den Oberschenkel des Fahrers ein. Welch ein Schock muss das für den arglosen Busfahrer gewesen sein?

Das erste Todesopfer

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Rocker: Die brutale Welt der Banden
Schon die frühen Hells Angels in Deutschland gingen nicht nur auf ihresgleichen, sondern auch auf Zivilisten los. Das wohl erste Todesopfer, das auf das Konto der Rocker geht, war der unbewaffnete Gemeindehelfer Dieter K., den Hells Angels im April 1973 im Jugendclub der Hamburger Apostelkirche niederstachen. Sieben Jahre später töteten sie auf Sylt den Geschäftsführer der Discothek "Riverboat". Detlef B. hatte ihnen Hausverbot erteilt.

Die kräftezehrenden Jahre des sogenannten Rockerkriegs haben die Szene jedoch stark verändert, ja man muss sagen, sie haben sie noch weiter verschlechtert. Schon immer zogen die Banden Suchende und Strauchelnde an, Männer, die lieber zuschlugen, als lange zu debattieren. Jungs, deren größte Stärken ihr Hass, ihre Wut, ihre Verachtung waren, und die eigentlich nur eines gut konnten: etwas kaputtmachen.

Doch diese Männer - das muss man ihnen vielleicht zugutehalten - liebten ihre Clubs, oder besser gesagt: Sie liebten es, endlich irgendwo dazuzugehören. Sie liebten das Gefühl, ein Hells Angel oder ein Bandido zu sein, ein König der Straße und nicht mehr nur ein gesellschaftlich Gescheiterter, Türsteher, Zuhälter, Geldeintreiber. Rocker zu sein, das war ihr Leben, ihre Identität, das waren sie.

Nach dem Wettrüsten

In vielen Chaptern und Chartern der Bandidos und Hells Angels sind die Altvorderen nach dem Wettrüsten der jüngeren Vergangenheit mittlerweile deutlich in der Minderzahl. Die Gangs haben vielfach brutale Banden aus den Problemvierteln der Großstädte aufgenommen, denn das war immer noch besser, als wenn die zur Gegenseite übergelaufen wären und man dann mit ihnen hätte kämpfen müssen. Allein in Nordrhein-Westfalen hat sich die Zahl der örtlichen Ableger von Bandidos und Hells Angels seit 2005 fast verdoppelt.

Die Neuen in den Clubs aber kennen die althergebrachten Loyalitäten zu den Banden nicht mehr. Für sie ist das Dasein als Rocker nur ein Abschnitt in ihrer ohnehin oft schon arg zerfurchten Biografie. Sie wechseln die Seiten, wie es ihnen gerade opportun erscheint, sie definieren sich stark über ihre Herkunft, Familie, Ethnie - der Clan ist ihnen wichtiger als die Gang.

Auch die Hells Angels haben diese unheilvolle Entwicklung erkannt. So heißt es in einem vertraulichen Strategiepapier führender Rocker ("For internal HAMC use only!"): "Wir denken, dass wir stark sind", schreiben sie, "aber in Wirklichkeit werden wir jeden Tag, jeden Monat, jedes Jahr schwächer und schwächer." Ihr Club expandiere zwar weltweit, aber zu welchem Preis? Es gebe immer mehr Rocker, "die nicht so leben, wie sie sollten, nämlich gemäß unseren Wegen und Traditionen".

Und was folgt für die Hells Angels aus dieser Erkenntnis? "Wir müssen den Zugang herunterfahren, um die schlechte Saat aufzustöbern." Es sollten keine neuen "Geschäftsleute" - gemeint sind wohl Kriminelle oder Milieu-Größen - zugelassen werden. "Viele dieser Unternehmer scheren sich nicht um unsere Kultur, und ganz offen gesagt brauchen wir sie auch nicht. Sie nutzen unseren Lebensstil häufig aus und verschwinden, wenn die Kacke am Dampfen ist." Doch der Hells Angels Motorcycle Club sei "kein Drehtür-Verein".


Dieser Text stammt aus dem SPIEGEL-Buch "Rockerkrieg. Warum Hells Angels und Bandidos immer gefährlicher werden".

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insgesamt 41 Beiträge
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1. Mitleid?
der-denker 04.03.2013
Soll man jetzt die "klassischen" Rocker ganz gut finden oder sogar um ihren Bestand fürchten? Die Kriege waren vielleicht intern, aber die Schutzgelderpressung und andere Geschäfte richteten sich gegen andere Menschen. Mag sein dass die Typen froh sind irgendwo "dazu zu gehören". Aber das sind Skinheads auch. All diese gewaltaffinen Strukturen sollte mit aller Macht des Rechtsstaates zerschlagen werden und den Jungs das Leben so sauer gemacht dass sie vielleicht doch eine normale Tätigkeit in Betracht ziehen.
2. Alles so nicht richtig !
realpress 04.03.2013
In mehreren Interviews in den Niederlanden versicherte die Direktion der Satudarah dass sie alle Mutters Lieblinge seien, keine Fliege etwas antun würden und abends so um 10 herum von Muttern liebevoll zugestopft werden, ja ja.
3. Das darf man ......
hairforce 04.03.2013
Zitat von sysopREUTERSDie Rockerszene ist in Aufruhr: In den Banden mischen reihenweise Männer mit, die sich um Traditionen und Regeln nicht mehr scheren. Sie wechseln die Seiten, wie es ihnen opportun erscheint. Die Clubs fürchten um ihre Existenz. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/hells-angels-junge-wilde-uebernehmen-das-kommando-in-der-gang-a-885077.html
alles nicht so eng sehen. Die Jungs wechseln die Seiten, wie es ihnen opportun erscheint. Sowas nennt man Flexibilität. Flexible Mitarbeiten sind z.B. in der Industrie erwünscht. Allein das äußere der Jungs ist doch derart vertraueneserweckend, die würde ich mit jedem Geldbetrag zur Bank schicken. Alles bodenständige Typen die keiner Flege was zu leide tun bei denen Multikulti groß geschrieben wird. Das da ab und an mal einer über die Klinge springt, kann doch passieren. Wenn das mal nichts ist , das ist Kultur in reinster Form.
4. Es wird auch immer schwerer...
Meckermann 04.03.2013
... heutzutage noch qualifiziertes Personal zu finden. Die meisten der jüngeren Rocker haben doch nicht mal Abitur. Und dann fordern sie auch noch flexible Arbeitszeiten und Kinderbetreuung. Wo soll denn das noch hinführen?
5.
twan 04.03.2013
Zitat von der-denkerSoll man jetzt die "klassischen" Rocker ganz gut finden oder sogar um ihren Bestand fürchten? Die Kriege waren vielleicht intern, aber die Schutzgelderpressung und andere Geschäfte richteten sich gegen andere Menschen. Mag sein dass die Typen froh sind irgendwo "dazu zu gehören". Aber das sind Skinheads auch. All diese gewaltaffinen Strukturen sollte mit aller Macht des Rechtsstaates zerschlagen werden und den Jungs das Leben so sauer gemacht dass sie vielleicht doch eine normale Tätigkeit in Betracht ziehen.
Und dann? Kommen die nächsten, die die Nachfrage an Waffen, Drogen, Prostitution bedienen. Was wollen sie dagegen tun? Einen Polizeistaat aufbauen? Da hat der der-denker sehr kurz gedacht meine ich.
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Die großen Rockerclubs
Hells Angels
Hells Angels ist die Abkürzung für den berüchtigten Hells Angels Motorcycle Club und zugleich die Bezeichnung für ihre Mitglieder. Von den Rockern, die typischerweise Harley-Davidson-Motorräder fahren, gelten viele als gewalttätig und kriminell; die Angels sind eine der umstrittensten Biker-Vereinigungen.
Bandidos
Die Bandidos sind ein Rocker- und Motorradclan, der aufgrund nachgewiesener Nähe einzelner Mitglieder zur Organisierten Kriminalität umstritten ist. Die langjährige Feindschaft zwischen den Bandidos und den Hells Angels führte immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Rockern.
Outlaws MC
Einer der größten und ältesten Motorradclubs der Welt. Der Outlaws MC taucht, wie alle anderen großen Bikergangs auch, regelmäßig in den Verfassungsschutzberichten der Länder auf.
Gremium MC
Der letzte große Motorradclub deutschen Ursprungs, der sich bisher keiner internationalen Biker-Vereinigung, wie z. B. den Hells Angels, Bandidos oder den Outlaws, angeschlossen hat. Laut Berichten des Verfassungsschutzes steht der Verein immer wieder in Verbindung mit illegalem Menschen-, Drogen- und Waffenhandel.