08.05.2014 – 16:10 Uhr

Berliner Hells Angel: Der Kronzeuge

Von Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer

Kassra Z., genannt der "Perser", war Teil des Berliner Rockerclubs Hells Angels um den Chef Kadir Padir. Jetzt berichtet Z. detailliert von den Verbrechen seiner ehemaligen Brüder.

Kassra Z. (gepixelt, hier im Kreise von Berliner Hells-Angels-Mitgliedern) war Teil des Berliner Rockerclubs um den Chef Kadir Padir.

Die Hells Angels um Kadir Padir haben seit Jahren regen Zulauf. In Lageberichten des LKA ist nachzulesen, dass es vor allem kriminelle junge Männer mit Migrationshintergrund sind, die dem Club beitreten.

Es geschah am 10. Januar 2014: Um kurz vor 23 Uhr stürmten 13 vermummte Hells Angels das Café Expekt in Berlin-Reinickendorf. Sie hatten es auf Tahir Özbek abgesehen.

Der 26-Jährige Özbek hatte den Rockern im Kiez Paroli geboten, er wollte sich nicht einschüchtern lassen von der Gang. Das wiederum wollte die Gang nicht auf sich sitzen lassen. Ein Schütze feuerte ohne Vorwarnung achtmal auf Özbek.

In diesem Café an dem Tisch rechts starb Tahir Özbek, die Täter entkamen.

Kadir Padir als Bandido: Eine archaische Männerwelt, basierend auf Ritualen, in ihrer Struktur einer Armee ähnlich.

Filthy-Few-Symbole werden entweder in die Haut tätowiert oder als Sticker auf die Kutte genäht: Die Abzeichen werden nur an Mitglieder verliehen, die jemanden mindestens schwer verletzt haben.

Kadir Padir (2012): Seine Alleinherrscher-Attitüde kombiniere der Chef mit einer fast paranoiden Vorsicht, so Kronzeuge Kassra Z. Padir gehe davon aus, dass das Clubhaus und sein Telefon immer von der Polizei abgehört werden. Bei Besprechungen herrsche striktes Handy-Verbot.

Eigentlich sollte es eine unbeschwerte Reise nach Frankfurt am Main werden. Die vier Hells Angels aus Berlin - trainiert, dicke Oberarme, polizeibekannt - wollen auf eine Geburtstagsparty von Freunden. Während der Fahrt klagt Rockerchef Kadir Padir, dass er Stress mit seiner Geliebten hätte. Sie will seine Hells-Angels-Klamotten nicht rausrücken und überhaupt sei alles kompliziert. Dann fragt Padir, was denn die anderen so über seine Liebste denken. In dieser Situation begeht der vor dem Rockerchef sitzende Kassra Z., Spitzname "Perser", einen schweren Fehler: Er sagt, was er denkt. "Wenn die Freundin sich jetzt schon so verhält, wie wird es erst sein, wenn Kadir länger mit ihr zusammen ist. Nicht, dass sie dann noch zur Frau von Padir geht!"

Kadir Padir, damals 28, ein ehemaliger Berliner Boxmeister mit einem aktuellen Wettkampfgewicht von rund hundert Kilogramm, läuft rot an, rastet aus. "Ey, wer denkst du, wer du bist? Willst du mir erzählen, wie ich mein Leben zu führen habe? Du Fotze, du Stück Scheiße, du bist ein Flop." Als sich Kassra Z. vom Beifahrersitz aus zu seinem Höllenbruder umdreht und beschwichtigen will, brüllt der umso mehr: "Was guckst du mich so an? Willst du mich angreifen?"

Schon damals dachte Kassra über einen Austritt bei den Angels nach, schreckte aber vor den Konsequenzen zurück. Die Demütigung auf der Autobahn wird der Anfang vom Ende der Rockerkarriere des Kassra Z. sein. Und Kadir Padir wird sie in den Knast bringen.

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Der "Perse" wird sich ein Jahr später jedenfalls wieder so an den Vorfall erinnern, die Beschreibungen der Szene entstammen seiner Aussage. Mitte März dieses Jahres sitzt er mit seinem Anwalt Steffen Tzschoppe, der schon die Topterroristen "Carlos" und Johannes Weinrich vertrat, bei der Mordkommission der Berliner Polizei. Der 27-Jährige legt eine Art Lebensbeichte ab, packt als Kronzeuge gegen die Hells Angels um ihren Chef Kadir Padir aus.

Auf Verrat steht der Tod

Der Weg, den Kassra zu den Vernehmungen geht, ist immer derselbe. Seine Beschützer bringen den Hartz IV-Empfänger, 1,80 Meter groß, kahlrasiert, kräftig und durchtrainiert, schon mal mit schusssicherer Weste zur Mordkommission. Oben unterm Dach den Gang runter, hinten links in das Vernehmungszimmer. Zwei Schreibtische die im 90-Grad-Winkel angeordnet sind, an einem tippt die Protokollantin, am anderen arbeiten die Ermittler. Kassra und sein Anwalt sitzen mit dem Rücken zur Wand. Bonbons und Obst werden gereicht, zum Mittag ordert der "Perser" Falafel. Es ist immer derselbe Raum, in dem die Befragungen stattfinden und auch die Ermittler wechseln nicht. Kontinuität soll Vertrauen schaffen. Schließlich riskiert der Zeuge der Anklage sein Leben. Auf Verrat steht bei Outlaw-Motorcycle-Gangs der Tod. Abstufungen gibt es nicht, die Welt der Rocker ist eingeteilt in Schwarz und Weiß, in Verrat oder Loyalität.

Seit Jahren tobt in und um die Hauptstadt ein Krieg unter Rockern. Es werden Handgranaten und Schusswaffen eingesetzt. Die verfeindeten Biker der Hells Angels und Bandidos attackieren sich in aller Öffentlichkeit mit Macheten und Krummdolchen. Es gibt Tote und Verletzte. Keiner will zurückweichen, jeder will die Macht in Berlins Schattenwelt. Ein paar dieser Gewalttaten können die Ermittler jetzt wohl aufklären, denn was Kassra Z. zu erzählen weiß, ist mehr als brisant: Es geht um zwei Morde, diverse Körperverletzungen, einen Handgranatenanschlag, Drogen-, Waffen- und Anabolikahandel.

Acht Schüsse in 25 Sekunden

Der erste Mord, über den Kassra berichtet, geschah am 10. Januar 2014. Um kurz vor 23 Uhr stürmen 13 Hells Angels das Café Expekt in Berlin-Reinickendorf. Sie haben es auf Tahir Özbek abgesehen. Der 26-Jährige hatte wochenlang den Rockern im Kiez Paroli geboten, wollte sich nicht einschüchtern lassen von der Gang. Das wiederum wollte die Gang nicht auf sich sitzen lassen. Ein Schütze feuerte ohne Vorwarnung achtmal auf Özbek. Die Aktion dauert 25 Sekunden, die Täter können flüchten, Özbek stirbt.

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Anhand der Videoüberwachung lässt sich für die Fahnder der Tatablauf lückenlos dokumentieren. Schon kurz nach dem Mord verhaftet die Polizei etliche Rocker, unter ihnen Kassra Z., den jetzigen Kronzeugen. Auch der mutmaßliche Schütze wird in den Knast nach Moabit gesteckt. Tatvorwurf: Mord.

Kaum sind die ersten Tatverdächtigen verhaftet, meldet sich eine Armada von Anwälten - die Crème de la Crème der hauptstädtischen Strafverteidigerzunft - mit schon ausgefüllten Vollmachten bei den Fahndern. Heimlicher An- und Wortführer scheint Padirs Anwalt Stefan Conen zu sein. Er verteidigt auch Bushido oder das ein oder andere polizeibekannte Mitglied des Abou-Chaker-Clans. Was auffällt: Die meisten Verhafteten sind Hartz-IV-Empfänger. Trotzdem können sie sich die nicht gerade preiswerten Dienstleistungen der zwei Dutzend Strafverteidiger leisten. Woher kommt das Geld? Haben da plötzlich die Familien gesammelt? Zahlen die Hells Angels? "Das sind alles Fragen, die wir uns auch immer stellen", so ein Zivilfahnder gegenüber SPIEGEL ONLINE.

In seiner Zeugenvernehmung bei der Mordkommission in der Berliner Keithstraße ordnet Kassra die Personen auf dem Überwachungsmaterial zu. So ist seiner Meinung nach ein gewisser "Keule" in der Mordnacht aufgetaucht, er soll vor dem Laden Wache geschoben haben. Schnell ist den Ermittlern klar, dass "Keule" der Cottbuser Profiboxer Robert Teuber sein muss. Ab sofort wird sein Telefon überwacht. Für eine Stellungnahme war der Boxer nicht erreichbar.

Doch wer hatte den Anschlag geplant? Ein Informant, der als überprüft und zuverlässig gilt, hatte der Berliner Polizei schon Wochen vor dem Mord von einem Auftrag durch Rockerchef Padir berichtet. Doch davon weiß Kassra nichts. Im Gegenteil. "Kadir ist kein Doofer. Der würde sich nicht vor 30 oder 40 Leute stellen und sagen: 'Bringt den mal um.'" Kassras Version will die Staatsanwaltschaft in diesem einen Fall aber keinen Glauben schenken. Die Strafverfolger glauben, er wolle nur seine Haut und die von ein paar Kumpels retten, wolle nicht als Mitwisser dastehen.

Dafür berichtet der Kronzeuge glaubwürdig und detailliert, was nach seiner Erinnerung nach dem Mord geschah, als sich die Rockergang traf. "Kadir meinte: 'Ich möchte jetzt keine großen Fragen oder Diskussionen haben. Es ist so, wie es ist und fertig! Nehmt euch einen Zettel und schreibt jeder seinen Anwalt auf. Wenn dann was passieren sollte, mein Anwalt kümmert sich um alles, und die Anwälte sollen sich dem anschließen.'" Anwälte als Erfüllungsgehilfen eines kriminellen Rockerbosses. In der Hauptstadt, so scheint es, ist alles möglich. Zu den Vorwürfen wollten sich Padirs Anwälte auf Nachfrage nicht äußern. "Kein Kommentar", heißt es aus der zuständigen Kanzlei gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Hells Angels Hells Angels ist die Abkürzung für den berüchtigten Hells Angels Motorcycle Club und zugleich die Bezeichnung für ihre Mitglieder. Von den Rockern, die typischerweise Harley-Davidson-Motorräder fahren, gelten viele als gewalttätig und kriminell; die Angels sind eine der umstrittensten Biker-Vereinigungen.

Bandidos Die Bandidos sind ein Rocker- und Motorradclan, der aufgrund nachgewiesener Nähe einzelner Mitglieder zur Organisierten Kriminalität umstritten ist. Die langjährige Feindschaft zwischen den Bandidos und den Hells Angels führte immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Rockern.

Outlaw MC Einer der größten und ältesten Motorradclubs der Welt. Der Outlaws MC taucht, wie alle anderen großen Bikergangs auch, regelmäßig in den Verfassungsschutzberichten der Länder auf.

Gremium MC Der letzte große Motorradclub deutschen Ursprungs, der sich bisher keiner internationalen Biker-Vereinigung, wie z. B. den Hells Angels, Bandidos oder den Outlaws, angeschlossen hat. Laut Berichten des Verfassungsschutzes steht der Verein immer wieder in Verbindung mit illegalem Menschen-, Drogen- und Waffenhandel.

Dass keiner aufmuckt oder nachfragt, hat mit dem Selbstverständnis der Hells Angels zu tun. Gemeinsam sind wir stärker, heißt die nach innen und außen gerichtete Botschaft, von den Mitgliedern der Gangs immer wieder gern vorgetragen. Verrat gilt ihnen als schlimmste aller Sünden, "denn er tötet Vertrauen", wie der deutsche Hells-Angels-Sprecher Rudolf "Django" Triller einmal gesagt hat. Das eiserne Schweigen bei der Polizei wurde bisher nur selten gebrochen. Das macht es für die Staatsgewalt so schwierig, übrigens auch für jene Rocker, die der Gruppenzwang ins Gefängnis führt. Denn keinesfalls darf man die eigene Freiheit auf Kosten eines Bruders anstreben. Doch die Gesetze der Straßengang sind dem "Perser" herzlich egal. Er liefert, was die Ermittler brauchen und sein Überleben in Freiheit sichern wird: harte Informationen zu ungeklärten Taten.

Mord Nr. 2: "Rene hat geschossen"

So zu einem weiteren Mord. Am 1. September 2013 war ein Türsteher im Prenzlauer Berg erschossen worden. Rene P., ein ehemaliger Fallschirmjäger der Bundeswehr und laut Kassra einer der Tatbeteiligten, prahlte in der Sauna eines Bordells gegenüber seinem Hells-Angels-Bruder mit dem Anschlag. Kassra gegenüber den Fahndern: "Sie waren zu dritt im Auto, Tommy ist gefahren, Rene hat geschossen." Außerdem wollte P. sich ein neues Tattoo stechen lassen, genauer ein "Filthy Few", eine Art Orden, den sich die Rocker auch wahlweise auf die Kutte nähen können. Verliehen wird die Auszeichnung nur an Mitglieder, die jemanden umgebracht oder mindestens schwer verletzt haben.

In einer seiner täglichen Vernehmungen soll Kassra wieder einmal Fotos und Personen zuordnen. Zu einem gewissen Erman fällt ihm ein, dass der "mit drei Handgranaten aus Frankfurt hierhergekommen" sei und einen Anschlag mit Handgranaten in der Provinzstraße beim Clubhaus der Bandidos Eastgate verübt habe. Kassra kennt die Geschichte nur vom Hörensagen. Erman, so werden es die Ermittler recherchieren, ist ein ehemaliger Fußballprofi von Eintracht Frankfurt und mittlerweile wohl abgetaucht.

Erst Kriecher, dann Krieger

Von Kassra Z. bekommen die für die Rockerkriminalität zuständigen Ermittler auch bisher geheime Interna aus dem Innenleben der brutalsten Hells-Angels-Gang Deutschlands präsentiert. Die Hells Angels um Kadir Padir haben seit Jahren regen Zulauf. In Lageberichten des LKA ist nachzulesen, dass es vor allem kriminelle junge Männer mit Migrationshintergrund sind, die dem Club beitreten. Er bietet seinen Mitgliedern eine Heimat, in der man sich nicht nur in der Ablehnung der bürgerlichen Werte einig ist. Es gibt ein soziales Gefüge, in dem der Rocker sich wiederfinden kann, eine Art Familie. Sie selbst nennen es Bruderschaft - Brotherhood. Eine archaische Männerwelt, basierend auf Ritualen, in ihrer Struktur einer Armee ähnlich. Wie dort gilt bei den Rockern: "Non potest bene imperare, qui male ante serviit." Zu Deutsch: "Wer befehlen will, muss vorher gehorchen lernen." Oder anders: Erst Kriecher, dann Krieger.

Normalerweise entscheiden Hells-Angels-Gruppen basisdemokratisch und einstimmig über die Aufnahme eines neuen Mitglieds. "So war es nicht bei Kadir", berichtet Kassra Z., "Kadir hat einfach gesagt: So, das ist jetzt ein neues Member."

Überhaupt scheint Padir zu Größenwahn und Allmachtsphantasien zu neigen. Der Türke blickt auf die deutsche Hauptstadt wie auf sein Privateigentum. Bericht von Kronzeuge Kassra Z.: Im Dezember 2013 macht ein süddeutscher Rocker einen Abstecher nach Berlin und erzürnt prompt das überhitzte Ego von Kadir Padir. Das Vergehen des Süddeutschen? Er hatte sich nicht beim selbsternannten Stadtkommandanten der Rocker angemeldet. Einen Tag nach dem Berlinbesuch staucht der Boss den vermeintlichen Eindringling am Telefon zusammen.

Wenn Hells Angels in den Medien über sich und ihren Club reden, darf ein Begriff nie fehlen: Freiheit. Die Gang verbreitet gern das Bild einer wilden, aber ehrlichen Truppe. Motorradfreaks mit klarer Kante und gradlinigen Entscheidungen, so die Rockerpropaganda. Wer allerdings echte Freiheit sucht, sollte um die Berliner Hells Angels einen großen Bogen machen. Kassra Z. berichtet von einem Angstregime. "Du Fotze, du Stück Scheiße", brüllte Kadir Padir angeblich einmal einen Untertanen an, "ich entscheide hier! Was denkst du, was du bist, dass du einfach trinken gehst."

Seine Alleinherrscher-Attitüde kombiniert Kadir Padir nach Angaben des Kronzeugen mit einer fast paranoiden Vorsicht. Padir geht demnach davon aus, dass das Clubhaus und sein Telefon immer von der Polizei abgehört werden, bei Besprechungen herrscht striktes Handy-Verbot. Wer dagegen verstößt, muss 500 Euro Strafe berappen und läuft Gefahr, wegen Unzuverlässigkeit aus der Gang zu fliegen. Die Treffen finden manchmal unter freiem Himmel statt. Die Polizei beschlagnahmte einmal den weißen Bentley Continental GT (Neupreis: 180.000 Euro) von Kadir Padir. Als die Behörde die Nobelkarosse wieder freigibt, ist sie für Padir verbrannt. Er fürchtet wohl, dass die Polizei Wanzen eingebaut hat. Laut Kassra Z. wurde das Auto in Dänemark gegen Wachstumshormone und Anabolika im Gegenwert von 50.000 bis 60.000 Euro eingetauscht.

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Dass es die Hells-Angels-Gang um Padir in Berlin überhaupt noch gibt, hat vor allem mit dem klandestinen Verhalten der Angels zu tun. Zwar erließ der Berliner Innensenator im Mai 2012 ein Vereinsverbot gegen die Gang, die sich damals "Hells Angels Berlin City" nannte, doch die Bande dachte gar nicht daran sich aufzulösen. Sie waren einfach zu kriminell, zu gewalttätig - ein Auffangbecken für Kampfsportler und Drogendealer. Meistens mit Migrationshintergrund. Mehrere Tage bevor Hunderte Polizisten die Schließung durchsetzen, wusste die Truppe von ihrem behördlichen Aus. Woher sie die streng geheimen Informationen hatte, ist bis heute ungeklärt. Jedenfalls nutzten die Rocker den Vorsprung und versteckten Geld und Motorräder. Der bürokratische Aufwand lief ins Leere. Eine schmerzende Schlappe für den Rechtsstaat.

Und die nächste Demütigung für die Polizeiführung und den Innensenator folgte prompt. Kadir Padir schaffte mit Vollgas eine Wiederbelebung seiner Rockerkarriere. So gründeten er und seine Leute vier neue Ortsvereine der Hells Angels. Zusätzlich wurden einige Gefolgsleute auf Rockergruppierungen außerhalb Berlins verteilt. Beraten wurde er dabei laut Kronzeuge Kassra Z. von einem Fachanwalt für Verwaltungsrecht aus Frankfurt. Damit hatte sich Padir seine alte Machtbasis in der Unterwelt zurückerobert.

Dealer müssen nach oben abführen

Seine Stärke im Milieu verwandelt der Türke offenbar in bares Geld. Laut Kassra Z. versorgt ein enger Gefolgsmann des Bosses die Dealer im Stadtteil Wedding mit Marihuana. Einen Teil der Erlöse müssen die Drogenverkäufer nach oben abführen. Zusätzlich zahlen sie angeblich monatlich eine Art Standgebühr direkt an Kadir Padir. Nach Aussage von Kassra Z. partizipiert der Boss generell an Geschäften seiner Hells-Angels-Untertanen.

Den Großteil seines illegalen Vermögens versteckt der Boss offensichtlich in der Heimat seiner Eltern. Kronzeuge Kassra Z. berichtet von Geld, Häusern und Grundstücken. Oberhaupt Kadir Padir soll mal geprahlt haben: "In der Türkei habe ich richtig." Die Aussagen des Kronzeugen sind ein echter Etappensieg für die Ermittler im schwierigen Dauerkonflikt mit der brutalen Motorradgang. "Meilenstein" nennt sie der beteiligte Oberstaatsanwalt Sjors Kamstra. Sie sind die Trümpfe der Ankläger bei der kommenden Hauptverhandlung gegen Kadir Padir und die Hells Angels.

Doch der Erfolg hat einen Beigeschmack: Das Mordopfer Tahir Özbek könnte möglicherweise noch leben, wenn die Berliner Polizei ihre Pflicht getan hätte. Schon drei Monate vor den acht Schüssen auf Tahir Özbek sagte eine Vertrauensperson (VP) aus, dass der Rockerboss Kadir Padir einen Mordauftrag erteilt habe. Ermittler überwachten daraufhin Padirs Handy und bekamen fünf Tage vor der Tat mit, wie sich der Rockerboss über das spätere Opfer massiv aufregt. Die Lage eskalierte.

Handy-Überwachung in der Tatnacht

Laut Gesetz ist die Polizei verpflichtet, Straftaten nicht nur aufzuklären, sondern wenn möglich zu verhindern. Deshalb hätte sie Kadir Padir mit ihrem Wissen konfrontieren müssen, um den mutmaßlichen Mörder aufzuhalten. Fehlanzeige. Sie hätten das Opfer Tahir Özbek warnen müssen. Fehlanzeige.

"Wir hatten keinen Hinweis darauf, ob er sich in Berlin aufhält", sagte der Leiter des Landeskriminalamtes Christian Steiof zu der unterlassenen Warnung. Eine Falschaussage, wie SPIEGEL TV aufdeckte und die Polizeiführung später kleinlaut einräumte.

Immer neue Details zum polizeilichen Fehlverhalten werden jetzt bekannt. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE forderten spezialisierte Rockerermittler eine Handy-Ortung von Kadir Padir an. Dabei verschickt die Polizei nicht sichtbare SMS auf das Mobiltelefon der Zielperson und sie erhält dadurch deren aktuellen Aufenthaltsort. Besonders brisant: Die Spezialisten forderten die Standortüberwachung des Bosses ausgerechnet für die Tatnacht an. Und zwar vor der Schüssen. Hatten die Ermittler etwa Erkenntnisse, dass die Hells Angel ihre kaltblütige Tat durchziehen wollen? Wenn ja, warum hat der Staat nicht eingegriffen und hat das Opfer geschützt? Monate nach dem Mord hat die Berliner Polizei keine Antworten. Angeblich sei die "Befragung der beteiligten Beamten noch nicht abgeschlossen", hieß es aus der Pressestelle auf Nachfrage.

Tahir Özbek wurde in der Türkei beerdigt. Die Staatsanwälte feilen an einer Anklage gegen Kadir Padir und seine mutmaßlichen Mordgesellen. Aus Berliner Justizkreisen sickerte bereits das Verteidigungsszenario der hochbezahlten Anwälte durch. Demnach hat Ersoy Padir, Bruder des Bosses, die Hinrichtung beauftragt. Kadir Padir habe angeblich nichts gewusst. Ersoy Padir sitzt derzeit nicht in Untersuchungshaft, obwohl Elitepolizisten im Januar seine Wohnung stürmten. Er hatte sich vorher in die Türkei abgesetzt. Per Pressemitteilung gaben die Hells Angels um Padir jetzt ihre angebliche Auflösung bekannt.

Für den Kronzeugen sieht es derzeit nicht so gut aus. Am Mittwoch beantragte sein Anwalt Steffen Tzschoppe die Freilassung des redseligen Rockers, doch der zuständige Richter lehnte ab. Kassra Z. beschloss daraufhin erstmal zu schweigen. Sollte er auch im Prozess nicht reden, wird es für die Ermittler mit ihrer Beweisführung eng.

Mehr über das SPIEGEL TV Magazin erfahren Sie auf der Website www.spiegeltv-magazin.de. Hier können Sie die Beiträge der vergangenen Sendungen sehen. Zusätzlich gibt es Informationen über die Themen der nächsten Woche, und unter der Rubrik "Vor 20 Jahren" werden regelmäßig Schätze aus dem Archiv gehoben.
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