Hells Angels Rocker räumen strategische Fehler ein

Das jahrelange Wettrüsten der Rockerbanden hat Männer in die Klubs geführt, die sich um die Traditionen der Szene nicht mehr scheren. Nun räumen führende Hells Angels Versäumnisse bei der Nachwuchsgewinnung ein.

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Von , und Claas Meyer-Heuer


Der Hells Angel André Sommer ist nicht unbedingt ein Mann vieler Worte. Besonders schweigsam aber wird der mächtige Berliner Rocker für gewöhnlich, wenn er Fragen zweier Berufsgruppen beantworten soll: von Polizisten oder Journalisten.

Doch im Interview mit SPIEGEL TV gibt Sommer nun bereitwillig Auskunft und geht dabei auch mit seiner eigenen Bande hart ins Gericht. Erstmals äußert er öffentlich Kritik an dem jahrelangen Expansionskurs der Gang, in dessen Verlauf die Mitgliederzahlen der deutschen Hells Angels explodiert waren. "Wenn man zu schnell wächst, bleibt einfach zu wenig Zeit, um alte Werte zu vermitteln", sagt Sommer. "Das ist ein Fehler, der auch unseren Klub eingeholt hat."


SPIEGEL TV Magazin, "Mythos und Wahrheit: Inside Hells Angels", Sonntag, 23. 11., 22.40 - 23.45 Uhr, RTL


Die kräftezehrenden Jahre des sogenannten Rockerkriegs zwischen Hells Angels und Bandidos haben die Szene stark verändert. Schon immer zogen die Banden Suchende und Strauchelnde an, Männer, die lieber zuschlugen als lange zu debattieren. Jungs, deren größte Stärken ihr Hass, ihre Wut, ihre Verachtung waren, und die eigentlich nur eines gut konnten: etwas kaputtmachen. Doch früher fühlten sich diese Typen den teilweise kruden Traditionen ihrer Banden verpflichtet.

In zahlreichen Ortsgruppen sind die Altvorderen nach dem Wettrüsten der jüngeren Vergangenheit inzwischen deutlich in der Minderzahl. Die Gangs haben vielfach brutale Banden aus den Problemvierteln der Großstädte aufgenommen, denn das war immer noch besser, als wenn die zur Gegenseite übergelaufen wären und man mit ihnen hätte kämpfen müssen.

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Die Neuen in den Klubs aber kennen die althergebrachten Loyalitäten nicht mehr. Für sie ist das Dasein als Rocker nur ein Abschnitt in ihrer ohnehin oft schon arg zerfurchten Biografie. Sie wechseln die Seiten, wie es ihnen gerade opportun erscheint, sie definieren sich stark über ihre Herkunft, Familie, Ethnie - der Klan ist ihnen wichtiger als die Gang.

Auch die Hells Angels haben diese unheilvolle Entwicklung erkannt. So heißt es in einem vertraulichen Strategiepapier führender Rocker ("For internal HAMC use only!"): "Wir denken, dass wir stark sind, aber in Wirklichkeit werden wir jeden Tag, jeden Monat, jedes Jahr schwächer und schwächer." Ihr Klub expandiere zwar weltweit, aber zu welchem Preis? Es gebe immer mehr Rocker, "die nicht so leben, wie sie sollten, nämlich gemäß unseren Wegen und Traditionen".

Und was folgt für die Hells Angels aus dieser Erkenntnis? "Wir müssen den Zugang herunterfahren, um die schlechte Saat aufzustöbern." Es sollten keine neuen "Geschäftsleute" - gemeint sind wohl Kriminelle oder Milieugrößen - zugelassen werden. "Viele dieser Unternehmer scheren sich nicht um unsere Kultur, und ganz offen gesagt brauchen wir sie auch nicht. Sie nutzen unseren Lebensstil häufig aus und verschwinden, wenn die Kacke am Dampfen ist." Doch der Hells Angels Motorcycle Club sei "kein Drehtür-Verein".

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Doch das wird wohl nicht mehr reichen. Zwischen den alten und neuen Hells Angels ist ein Machtkampf um die Vorherrschaft in Deutschland entbrannt, der sich immer wieder auch gewaltsam Bahn bricht: Mindestens drei Hells Angels wurden in diesem Konflikt mutmaßlich von ihren Klubkameraden niedergeschossen. In Frankfurt kam es vor einer Diskothek zu einem Feuergefecht der Generationen, bei dem wie durch ein Wunder niemand getötet wurde.

Während die Traditionalisten von dem Frankfurter Hells-Angels-Boss Walter Burkard angeführt werden, folgen die jungen Wilden in großer Zahl dem Kommando des türkischen Exilregenten Necati Arabaci. In einem vertraulichen Lagebild des Bundeskriminalamts (BKA) heißt es dazu: "Einem strategisch auf den Erhalt und die Stabilisierung des HAMC (Hells Angels Motorcycle Club - d. Red.) Germany ausgerichteten Zirkel von circa neun führenden Mitgliedern steht eine wachsende Zahl von Personen mit überwiegendem Migrationshintergrund gegenüber, deren Loyalität dem Anführer des HAMC in der Türkei gilt." Daraus ergebe sich eine "abstrakte Gefährdungslage".

"Es gibt bei den Hells Angels in Deutschland strukturierte Auseinandersetzungen", sagt BKA-Vizepräsident Peter Henzler im Interview. In diesem "Kampf der Generationen" zwischen der "alten Garde" und den jungen Wilden komme es immer wieder zu gewalttätigen Übergriffen. Dabei gehe es für die Beteiligten auch darum, "an den kriminellen Geschäften der Klubs zu partizipieren", so Henzler.

Sie hätten aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt, sagt Rocker-Fürst André Sommer im Gespräch mit SPIEGEL TV. "Wir sind dabei, das zu revidieren und uns zu besinnen, auf die alten Werte."



Passagen dieses Textes stammen aus dem SPIEGEL-Buch "Rockerkrieg. Warum Hells Angels und Bandidos immer gefährlicher werden".

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