Tod von Hells-Angels-Boss Mucuk Schüsse in der Dunkelheit

Unbekannte haben den Gießener Hells-Angels-Boss Aygün Mucuk erschossen. Ist eine Rocker-Fehde eskaliert? Der 45-Jährige lebte gefährlich, schon einmal verfehlte eine Kugel nur knapp sein Herz.

Von Claas Meyer-Heuer


Der Notruf kommt gegen halb neun am Morgen: Eine Putzfrau gibt an, sie habe auf dem Gelände der Hells Angels Gießen einen Toten gefunden. Als die Polizei eintrifft, wird klar: Der Tote ist der Chef der örtlichen Rockerbande, Aygün Mucuk, er wurde offenkundig erschossen.

Seither rätseln die Ermittler über die Hintergründe. Klar sei bisher nur, dass Mucuk von einer "Vielzahl von Schüssen" getroffen worden sei, sagte ein Sprecher der Gießener Staatsanwaltschaft. Man gehe von einem Todeszeitpunkt in der Nacht oder am frühen Morgen aus. Zeugen für den Vorfall würden dringend gesucht, es gebe bisher keinen Tatverdächtigen. "Die Ermittlungen laufen in alle Richtungen."

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Aygün Mucuk: Tod in Gießen

Und so bleibt vorerst Spekulation, ob der Tod von Mucuk neuer Höhepunkt einer blutigen Fehde ist. Seit Jahren tobt ein Bruderkrieg zwischen den alteingesessenen Hells Angels aus Frankfurt und den türkisch geprägten Kollegen aus Gießen. Mehrfach gipfelte er in blutiger Gewalt. Die einst straff organisierten Angels sind tief gespalten.

Es geht um Jung gegen Alt, "Old School" gegen "New School", Deutsche gegen Migranten. Als Anführer der jungen Wilden stand der 45-jährige Aygün Mucuk dem Frankfurter Rockerboss Walter Burkard gegenüber, in der Szene als "Schnitzel-Walter" bekannt. Beide kannten sich seit Jahren, gehörten dem inzwischen verbotenen Frankfurter Ableger Westend an, in der Szene Charter genannt.

Mucuks Karriere war typisch für das Milieu, er arbeitete als Türsteher und Zuhälter. Bereits als Teenager musste er wegen Körperverletzungsdelikten ins Gefängnis.

Im Jahr 2014 fasste Mucuk mit weiteren Abtrünnigen den Plan, ein eigenes Charter zu gründen - ein Affront für "Schnitzel-Walter". Im Juli 2014 eskalierte der Konflikt. Vor dem Frankfurter Klub Katana schoss Westend-Rocker Jürgen "Fips" F. den Kontrahenten Mucuk nieder. Eine Kugel verfehlte nur knapp das Herz.

Nach außen gab sich Mucuk gelassen. "In jeder größeren Familie gibt es mal Streit", sagte er damals. Im November 2014 machte er Ernst, gründete mit Unterstützung europäischer Kollegen tatsächlich das Charter in Gießen. Ein klarer Verstoß gegen die strikten Regularien, der die Truppe um "Schnitzel-Walter" wurmte.

Tiefe Gräben trennten seither die verfeindeten Fraktionen - auch wenn es zwischendurch schien, als habe man sich auf eine Art friedliche Koexistenz verständigt. Bei einer von Mucuk organisierten Box-Gala in Offenbach war im Frühjahr auch Burkard zu Gast.

Beide gaben sich vertraut, demonstrierten Nähe. Auch "Fips", der Mucuk vor dem Katana eine Kugel in die Brust gejagt hatte, saß an dem Abend im Publikum. Irgendwann hockte sich Mucuk zu ihm. Zu SPIEGEL TV sagte Mucuk damals: "Alles super, alles schön."

Zoff im Hotel

Anfang März jedoch der nächste Zoff: Im Steigenberger Hotel am Flughafen trafen sich fünf Angels aus beiden Fraktionen zu einem Krisengespräch, auch Mucuk war dabei. Das Gespräch endete im Desaster. Nach Informationen von SPIEGEL TV flogen schon nach sechs Minuten Stühle und Tische. Munir H., ein Gefolgsmann von Mucuk, brach einem Kontrahenten die Nase. Nach dem Vorfall bewaffneten sich beide Seiten.

Munir H. flog aus der Bande. Am Himmelfahrtstag begegneten sich die Streithähne aus dem Hotel wieder, wohl eher zufällig. In seinem weißen Mercedes-Geländewagen rollte Munir H. an seinen ehemaligen Kumpanen vorbei, provozierte sie offenbar mit Gesten. Dann fielen Schüsse, H. wurde getroffen, ebenso sein Beifahrer Emir K.

Schon damals befürchteten Ermittler, der Vorfall könne weitere Gewalt nach sich ziehen. Zumal Mucuk auch in seinem eigenen Charter umstritten war. Mitglieder kreideten ihm seine Offenheit für Medien und Interviews an.

Nach dem Tod von Mucuk hat das Landeskriminalamt die Ermittlungen übernommen. Ein Großaufgebot der Polizei sicherte das Gelände des Vereinsheims, auf dem sich 30 bis 50 Rocker aufhielten.

Mitarbeit: Ansgar Siemens

Sehen Sie hier eine SPIEGEL-TV-Reportage aus dem August 2016 über Aygün Mucuk und den Bruderkrieg der Hells Angels.

Mehr Hintergründe zu dem Fall bei SPIEGEL TV, Sonntag 22:55 Uhr RTL.

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