Rocker als Reporter: Die Propaganda der Hells Angels

Von , Thomas Heise und Claas Meyer-Heuer

Die Hells Angels sind eine globale Marke - und das nicht zufällig. Geschickt pflegen sie ihr Image und bedienen sich der Medien. Allerdings schrecken sie auch vor Beschimpfungen und übler Nachrede nicht zurück.

SPIEGEL TV

Schießereien, Attacken mit Messern, Handgranatenanschläge - Rocker sind selten zufrieden mit der Art und Weise, wie sie in den Medien dargestellt werden. Deshalb betätigen sich etwa die Hells Angels selbst publizistisch im Netz. So startete der Club im Januar 2011 die Seite www.hellsangelsmedia.com.

Der damalige Anführer des Bremer Charters "West Side", Michael Wellering, sagte, man wolle damit der angeblich einseitigen Berichterstattung der Presse entgegentreten, dieser "Bundeshetze", wie er es später nannte. Einseitigkeit mit Einseitigkeit heilen sozusagen, oder eher: Gleiches mit Gleichem vergelten.

Denn ganz offensichtlich geht es den Rockern in den Filmchen, die sie auf ihrer Seite veröffentlichen, nicht um eine ausgewogene Darstellung, sondern darum, ihrem Ärger Luft zu machen. Da sitzen abwechselnd führende Köpfe der Gang vor der Kamera und schimpfen auf "Heuchler und Lügner in der Politik", auf "Verbotsfanatiker", "Blockwarte" und "Dreckschleudern in den Medien". Nach Angaben der Höllenengel verzeichnete die Seite binnen eines Jahres mehrere Millionen Klicks.

Psychologische Kriegsführung

Fotostrecke

12  Bilder
Rocker: Die brutale Welt der Banden
Während Verunglimpfungen namentlich genannter Ermittlungsbeamter eigentlich von Beginn an zum festen Programm der Hells-Angels-Propaganda gehörten, markierte eine Veröffentlichung im Juni 2012 doch eine neue Qualität der psychologischen Kriegsführung.

Zum ersten Mal nämlich publizierten die Rocker im Netz ein vertrauliches Strategiepapier der Polizei ("VS - Nur für den Dienstgebrauch "). Darin skizziert eine Projektgruppe des Bundes und der Länder, wie die Sicherheitskräfte gegen die Banden vorgehen könnten, und mahnt dabei an: "Dem Schutz von polizeilichen Informationsquellen kommt (…) eine besonders hohe Bedeutung zu." Doch daraus wurde nichts.

Für die Behörden war es natürlich besonders peinlich, dass diese grundlegende Ausarbeitung nicht geheim gehalten werden konnte. Also erwirkten sie beim Amtsgericht Landau einen Beschluss, der den Rockern untersagte, das brisante Dokument weiterhin im Internet zu zeigen. Und vielleicht weil sich das angedrohte Ordnungsgeld auf 250.000 Euro belief, kamen die Rocker der richterlichen Aufforderung tatsächlich nach.

Prominente Unterstützung

Angemeldet hatte den Auftritt übrigens der Anführer der Hells Angels "Landau", Kay Scherrer, der unter anderem eine Event-Agentur betreibt und sich im Kreise der Bandenbosse erboten haben soll, sich initiativ um die Homepage zu kümmern: Er kenne da jemanden, der das für ihn übernehmen könne.

Mit welch prominenter Unterstützung die Gang bei ihren pseudojournalistischen Unternehmungen rechnen kann, zeigte ein Streifen, der zu Beginn des Jahres 2011 auf der Seite erschien. In dem 2 Minuten und 19 Sekunden langen Trailer zu dem Werbefilm "81 - The other world" trat der bekannte Berliner Schauspieler Ben Becker auf und sprach mit rauchiger Stimme die Worte: "Es gibt Menschen, die leben angeblich hier und jetzt. Und es gibt Menschen, die sich entschieden haben, in einer anderen Welt zu leben."

Sodann durften eine ganze Reihe Anführer des Clubs die angeblichen Qualitäten der Hells Angels preisen: "Treue und Respekt dem anderen gegenüber stehen an erster Stelle", behauptete etwa Frank Hanebuth. Unterlegt war das Ganze mit treibender Musik und markigen Bilder: Angels beim Kickbox-Training, gemeinsame Ausfahrten, Keilereien mit der Polizei.

Mythos Hells Angels

Der Mythos der Hells Angels gründet seit jeher auch auf dem geschickten Umgang mit Medien. In Filmen, Büchern und Zeitungsartikeln ließen sich schon die kalifornischen Gründerväter der Bande feiern und schufen auf diese Weise ein Image, das seither Zehntausende Männer weltweit in den Bann der bekanntesten und mächtigsten Rockerbande zog. Den Hells Angels gelang es, eine Marke zu werden, ein Exportschlager wie Coca-Cola oder Marlboro.

Doch cineastische Großkunstwerke sind ein vielleicht schon veraltetes Mittel der Legendenbildung. Heute springt der Rocker-Nachwuchs vor allem auf die Filmchen an, die im Internet kursieren. Manche davon sind Fernsehberichte, manche semiprofessionell gemachte Musikvideos, in denen den Gangs gehuldigt wird.

"Die 8 und die 1 steht auf den Kutten, SEK und Bullen, sind die, auf die wir spucken", reimt der Gangsterrapper Kan etwa in seiner Hymne auf einen Unterstützerclub der Angels. Und weiter: "Es ist Zeit, wenn der General schreit, holt die Kutten, wir ziehen in den Kampf. (…) Ich schwöre Treue bis in den Tod auf Rot-Weiß."

Hannovers Hip-Hopper Memo wiederum, der schon einmal einen Clip mit Hells Angels als Statisten in einer Kirche drehte, fordert in einem Video: "Support Frank Hanebuth!" Diese ausgeklügelte Imagekampagne verfehlt ihr Ziel nicht. Gerade junge Männer aus den Problembezirken deutscher Großstädte haben in Internetportalen wie YouTube die Prominenz der Bande entdeckt und wollen nun unbedingt dazugehören. Sie erhoffen sich Sinn, Abenteuer, Zusammenhalt und vor allem Respekt.


Dieser Text stammt aus dem SPIEGEL-Buch "Rockerkrieg. Warum Hells Angels und Bandidos immer gefährlicher werden".

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. lieber spon
yymarcusyy 14.03.2013
sie sind die medien, und geben den rockern eine große plattform.
2. "Motorradfahrer"
Gebr.Engels 14.03.2013
Zitat von sysopDie Hells Angels sind eine globale Marke - und das nicht zufällig. Geschickt pflegen sie ihr Image und bedienen sich der Medien. Allerdings schrecken sie auch vor Beschimpfungen und übler Nachrede nicht zurück.[/url]
Die Medien sind in der tat von den Hells-Angels unterwandert, in der Zeitschrift "Das Motorrad" z.B. werden sie unablässig über den grünen Klee gelobt. Und auch im Fernsehen wird ständig nur über "Hulle-Duffdidsen" berichtet, -nicht mehr über Motorräder.
3. bleiben wir ganz einfach bei der wahrheit..
spargel_tarzan 14.03.2013
Zitat von sysopDie Hells Angels sind eine globale Marke - und das nicht zufällig. Geschickt pflegen sie ihr Image und bedienen sich der Medien. Allerdings schrecken sie auch vor Beschimpfungen und übler Nachrede nicht zurück. Hells Angels: Wie Rocker Propaganda machen - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/hells-angels-wie-rocker-propaganda-machen-a-885079.html)
sie sind verantwortlich für prostitution, schutzgelderpressung, drogenhandel, mord und totschlag. ein versuch sich den mantel der rechtmäßigkeit über zu ziehen scheitert schon daran, daß es so eine kleine konfektionsgröße nicht gibt. das sind mopedfredies des organisierten, bandenmäßigen verbrechens...
4. Unnötig investierte 15 EUR
thiemozh 14.03.2013
Ich war leider so dumm und habe mir das Buch "Rockerkrieg" als elektronische Ausgabe gekauft. Nicht dass das Buch schlecht sei. Im Gegenteil, so wie man das von Spiegel-Büchern häufig kennt spannend geschrieben und sehr interessant. Dennoch hätte ich mir die 15EUR sparen sollen und stattdessen einfach 3 Tage am Stück Spiegel online lesen sollen. Denn dort erscheint das komplette Buch in Auszügen, Videos inklusive. Also einfach mal "Rockerkrieg" als Suchbegriff eingeben und Finger weg von dem Buch!!
5. Gibt es nicht etwas anderes?
mr.denali 14.03.2013
Bitte SPON, hört auf mit dieser "Rocker" Dauerberieselung. Ich kann es nicht mehr hören: Rocker hier, Rocker da! Das sind Kriminelle, die brauchen hier bestimmt keine Plattform. Die reiben sich doch die Hände, ob all der Beachtung. Die gehören ignoriert und in den Knast gesperrt. Wir brauchen keine "Bruderschaften"!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema Hells Angels
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 22 Kommentare
  • Zur Startseite
Buchtipp

Die großen Rockerclubs
Hells Angels
Hells Angels ist die Abkürzung für den berüchtigten Hells Angels Motorcycle Club und zugleich die Bezeichnung für ihre Mitglieder. Von den Rockern, die typischerweise Harley-Davidson-Motorräder fahren, gelten viele als gewalttätig und kriminell; die Angels sind eine der umstrittensten Biker-Vereinigungen.
Bandidos
Die Bandidos sind ein Rocker- und Motorradclan, der aufgrund nachgewiesener Nähe einzelner Mitglieder zur Organisierten Kriminalität umstritten ist. Die langjährige Feindschaft zwischen den Bandidos und den Hells Angels führte immer wieder zu gewalttätigen Auseinandersetzungen unter den Rockern.
Outlaws MC
Einer der größten und ältesten Motorradclubs der Welt. Der Outlaws MC taucht, wie alle anderen großen Bikergangs auch, regelmäßig in den Verfassungsschutzberichten der Länder auf.
Gremium MC
Der letzte große Motorradclub deutschen Ursprungs, der sich bisher keiner internationalen Biker-Vereinigung, wie z. B. den Hells Angels, Bandidos oder den Outlaws, angeschlossen hat. Laut Berichten des Verfassungsschutzes steht der Verein immer wieder in Verbindung mit illegalem Menschen-, Drogen- und Waffenhandel.