Rocker als Reporter: Die Propaganda der Hells Angels
Die Hells Angels sind eine globale Marke - und das nicht zufällig. Geschickt pflegen sie ihr Image und bedienen sich der Medien. Allerdings schrecken sie auch vor Beschimpfungen und übler Nachrede nicht zurück.
Schießereien, Attacken mit Messern, Handgranatenanschläge - Rocker sind selten zufrieden mit der Art und Weise, wie sie in den Medien dargestellt werden. Deshalb betätigen sich etwa die Hells Angels selbst publizistisch im Netz. So startete der Club im Januar 2011 die Seite www.hellsangelsmedia.com.
Der damalige Anführer des Bremer Charters "West Side", Michael Wellering, sagte, man wolle damit der angeblich einseitigen Berichterstattung der Presse entgegentreten, dieser "Bundeshetze", wie er es später nannte. Einseitigkeit mit Einseitigkeit heilen sozusagen, oder eher: Gleiches mit Gleichem vergelten.
Denn ganz offensichtlich geht es den Rockern in den Filmchen, die sie auf ihrer Seite veröffentlichen, nicht um eine ausgewogene Darstellung, sondern darum, ihrem Ärger Luft zu machen. Da sitzen abwechselnd führende Köpfe der Gang vor der Kamera und schimpfen auf "Heuchler und Lügner in der Politik", auf "Verbotsfanatiker", "Blockwarte" und "Dreckschleudern in den Medien". Nach Angaben der Höllenengel verzeichnete die Seite binnen eines Jahres mehrere Millionen Klicks.
Psychologische Kriegsführung
Während Verunglimpfungen namentlich genannter Ermittlungsbeamter eigentlich von Beginn an zum festen Programm der Hells-Angels-Propaganda gehörten, markierte eine Veröffentlichung im Juni 2012 doch eine neue Qualität der psychologischen Kriegsführung.
Zum ersten Mal nämlich publizierten die Rocker im Netz ein vertrauliches Strategiepapier der Polizei ("VS - Nur für den Dienstgebrauch "). Darin skizziert eine Projektgruppe des Bundes und der Länder, wie die Sicherheitskräfte gegen die Banden vorgehen könnten, und mahnt dabei an: "Dem Schutz von polizeilichen Informationsquellen kommt ( ) eine besonders hohe Bedeutung zu." Doch daraus wurde nichts.
Für die Behörden war es natürlich besonders peinlich, dass diese grundlegende Ausarbeitung nicht geheim gehalten werden konnte. Also erwirkten sie beim Amtsgericht Landau einen Beschluss, der den Rockern untersagte, das brisante Dokument weiterhin im Internet zu zeigen. Und vielleicht weil sich das angedrohte Ordnungsgeld auf 250.000 Euro belief, kamen die Rocker der richterlichen Aufforderung tatsächlich nach.
Prominente Unterstützung
Angemeldet hatte den Auftritt übrigens der Anführer der Hells Angels "Landau", Kay Scherrer, der unter anderem eine Event-Agentur betreibt und sich im Kreise der Bandenbosse erboten haben soll, sich initiativ um die Homepage zu kümmern: Er kenne da jemanden, der das für ihn übernehmen könne.
Mit welch prominenter Unterstützung die Gang bei ihren pseudojournalistischen Unternehmungen rechnen kann, zeigte ein Streifen, der zu Beginn des Jahres 2011 auf der Seite erschien. In dem 2 Minuten und 19 Sekunden langen Trailer zu dem Werbefilm "81 - The other world" trat der bekannte Berliner Schauspieler Ben Becker auf und sprach mit rauchiger Stimme die Worte: "Es gibt Menschen, die leben angeblich hier und jetzt. Und es gibt Menschen, die sich entschieden haben, in einer anderen Welt zu leben."
Sodann durften eine ganze Reihe Anführer des Clubs die angeblichen Qualitäten der Hells Angels preisen: "Treue und Respekt dem anderen gegenüber stehen an erster Stelle", behauptete etwa Frank Hanebuth. Unterlegt war das Ganze mit treibender Musik und markigen Bilder: Angels beim Kickbox-Training, gemeinsame Ausfahrten, Keilereien mit der Polizei.
Mythos Hells Angels
Der Mythos der Hells Angels gründet seit jeher auch auf dem geschickten Umgang mit Medien. In Filmen, Büchern und Zeitungsartikeln ließen sich schon die kalifornischen Gründerväter der Bande feiern und schufen auf diese Weise ein Image, das seither Zehntausende Männer weltweit in den Bann der bekanntesten und mächtigsten Rockerbande zog. Den Hells Angels gelang es, eine Marke zu werden, ein Exportschlager wie Coca-Cola oder Marlboro.
Doch cineastische Großkunstwerke sind ein vielleicht schon veraltetes Mittel der Legendenbildung. Heute springt der Rocker-Nachwuchs vor allem auf die Filmchen an, die im Internet kursieren. Manche davon sind Fernsehberichte, manche semiprofessionell gemachte Musikvideos, in denen den Gangs gehuldigt wird.
"Die 8 und die 1 steht auf den Kutten, SEK und Bullen, sind die, auf die wir spucken", reimt der Gangsterrapper Kan etwa in seiner Hymne auf einen Unterstützerclub der Angels. Und weiter: "Es ist Zeit, wenn der General schreit, holt die Kutten, wir ziehen in den Kampf. ( ) Ich schwöre Treue bis in den Tod auf Rot-Weiß."
Hannovers Hip-Hopper Memo wiederum, der schon einmal einen Clip mit Hells Angels als Statisten in einer Kirche drehte, fordert in einem Video: "Support Frank Hanebuth!" Diese ausgeklügelte Imagekampagne verfehlt ihr Ziel nicht. Gerade junge Männer aus den Problembezirken deutscher Großstädte haben in Internetportalen wie YouTube die Prominenz der Bande entdeckt und wollen nun unbedingt dazugehören. Sie erhoffen sich Sinn, Abenteuer, Zusammenhalt und vor allem Respekt.
Dieser Text stammt aus dem SPIEGEL-Buch "Rockerkrieg. Warum Hells Angels und Bandidos immer gefährlicher werden".
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